Nr. 22/2006 vom 01.06.2006

Im subversiven Blick

Drei Publikationen blicken kritisch auf die Veränderungen in einem zusammenwachsenden Kontinent und hinterfragen vorherrschende Sichtweisen.

Von Bettina Spoerri

Im subversiven Blick

Während die neuen EU-Mitglieder noch damit beschäftigt sind, die Osterweiterung des politisch-wirtschaftlichen Zusammenschlusses zu verdauen, weicht im Westen die einstige EU-Euphorie zunehmender Verdrossenheit. Gleichzeitig werden das Bedürfnis nach einem gemeinsamen, politisch starken Europa auf der einen Seite und das, was der Kapitalismus auf der andern Seite ausgelöst hat, nun vermehrt auch kulturell und künstlerisch reflektiert. So erleben Bücher zu Europa derzeit einen Boom, eine vertiefte Auseinandersetzung aber mit den Folgen des EU-Zusammenschlusses und mit den damit verbundenen Veränderungen in und für Kultur und Kunst bieten erst drei besonders anregende und vielschichtige Neuerscheinungen an. Alle drei sind im Rahmen von interdisziplinären Projekten entstanden, die auch Symposien, Gespräche oder Ausstellungen umfassten. Alle drei Projekte sind breit abgestützt, was die TeilnehmerInnen anbelangt, sind mehrsprachig und waren oder sind langfristig angelegt. Alle drei verbinden den üblichen beschreibenden und analytischen Blick von Sachbüchern (Essays, Aufsätze oder auch Interviews) mit künstlerisch-kreativen Auseinandersetzungen. Solche künstlerischen Beiträge dienen hier nicht wie sonst oft üblich als hübsche Beigabe zur Illustration oder gar nur zur Auflockerung von allzu viel «Textblei», sondern bilden einen essenziellen Bestandteil der Auseinandersetzung.

Wanderbewegungen

Das «Projekt Migration» thematisiert die grenzüberschreitenden Wanderungen von Menschen im 20. und 21. Jahrhundert. Theoretische Texte (darunter auch ältere von Homi K. Bhabha und Ulrich Beck) über undifferenzierten Multikulturalismus, Arbeitsmigration in Europa, MigrantInnen und Medien, europäische AusländerInnenpolitik oder Migration und Religion werden in Beziehung zu künstlerischen Arbeiten aus Literatur, Kunst und Fotografie, aber auch zu Dokumenten gesetzt. Fotografien von ArbeitsmigrantInnen aus den sechziger Jahren oder Bilder aus improvisierten Flüchtlingslagern in Europa sowie Briefe und Postkarten werden Filmstills aus Kunstvideos (unter anderen von Haroun Farocki) gegenübergestellt. Literarische Texte von Osman Engin oder Feridun Zaimoglu und Schilderungen von Unbekannten aus dem Archiv des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland (DOMiT) nähern sich Einzelschicksalen. Mehrere Artikel beschreiben die Migrationsgeschichte einzelner Länder. Die verschiedenen Zugänge und die Fülle von Material machen dieses umfangreiche, grosse und schwere (!) Buch nicht nur zu einem Lesebuch, sondern auch zu einem Nachschlagewerk, das einen Blick auf das Thema Migration jenseits eines vereinfachenden Denkens von Zentrum und Peripherie ermöglicht.

Vergessene Orte

«Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas» kombiniert literarische Reportagen von SchriftstellerInnen mit fotografischen Arbeiten von KünstlerInnen unter anderem aus Polen, der Ukraine, Bulgarien oder Portugal. Atlas des verschwindenden Europa ist der Band insofern - abgesehen von der Landkarte, in der die fokussierten Gegenden eingezeichnet sind -, als die Texte Orten nachspüren, die einmal Schauplatz wichtiger oder gar einschneidender Ereignisse waren, heute aber in Vergessenheit geraten sind und ganz aus dem europäischen Gedächtnis zu verschwinden drohen. In den Brennpunkt des Interesses rücken stillgelegte Bergwerke, unterirdische Militäranlagen, Ruinen der modernen Zivilisation, verbotene Territorien sowie Spuren, die der Kommunismus und der Faschismus hinterlassen haben. Dagmar Leupold beispielsweise erzählt von ihrer Spurensuche auf einer ehemaligen Militäranlage aus dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Und der litauische Autor Marius Ivaskevicus nähert sich den Geschichten um den Bahnhof Wershbolow in Litauen, der zur Zeit des russischen Reiches an einem Verkehrsknotenpunkt stand. Andere im Verschwinden begriffene Orte, deren Vergangenheit und Gegenwart hier erzählt werden, befinden sich in Frankreich, Italien, Russland, Bulgarien, Portugal oder Rumänien. Die Bilder und Texte legen historische und kulturelle Schichten Europas frei: ein melancholisches Memento mori und eine kritische Reflexion über die Voraussetzungen der europäischen Gegenwart - in den Worten von Andrzej Stasiuk: «Nur in dem, was vergangen ist, können wir uns betrachten wie in einem Spiegel.»

Städte im Umbruch

Das ambitiöseste unter den drei Projekten ist «Sprung in die Stadt», in dessen Zentrum Kultur und Kunst in sieben ausgewählten europäischen Städten stehen: Chisinau (Moldawien), Sofia, Pristina (Kosovo), Sarajevo, Warschau, Zagreb und Ljubljana (siehe WOZ 18/06). Auch hier erlaubt ein Kaleidoskop von Essays, literarischen Texten und Bildern unterschiedliche Zugänge zu diesen Städten im Umbruch. Künst-lerInnen, TheoretikerInnen und Kulturschaffende schildern gesellschaftliche und kulturelle Besonderheiten, den Alltag und die Kunstszenen dieser Orte und beziehen Stellung zu aktuellen Fragen: Wie verarbeiten die neuen - offiziellen und inoffiziellen - Eliten die Kriege und politischen Umwälzungen der jüngeren Vergangenheit? Welches sind die Folgen der neuen Innen- und Aussengrenzen der EU? Wie wird die kommunistische Ära musealisiert? Thematisiert wird die Verschränkung von Nationalismus und Kapitalismus in Zagreb, der Umgang mit der Vergangenheit in Sarajevo, die Liberalisierung des urbanen Lebens und der gleichzeitige Retraditionalisierungstrend in Warschau, die Ungewissheit bezüglich des Status von Pristina, die Aussenseiterposition von Chisinau, die Bemühungen um Europatauglichkeit in Sofia und die Zukunft von Internationalität und Offenheit in Ljubljana.

Das Ausmass des gesellschaftlichen und kulturellen Umbaus in den neuen EU-Ländern wird in diesen Beiträgen ebenso deutlich wie die Diskrepanz zwischen Lippenbekenntnissen - unter anderem zur Demokratie - und den Zuständen unter den sichtbaren Oberflächen. Desillusionierte Aussagen stehen neben hoffnungsvollen Geschichten und Visionen. Das Buch ist so konzipiert, dass Innenperspektiven den Beobachtungen und Erfahrungen von Aussenstehenden gegenübergestellt werden und beide miteinander in Beziehung treten.

Zwar wurden alle drei Projekte vom Westen angeregt und/oder finanziell unterstützt. Trotzdem wird der vorherrschende, vom westeuropäischen Blick dominierte Europadiskurs - insbesondere über das mittlere und östliche Europa, die neuen Mitgliedstaaten - in diesen Projekten unterwandert, indem dem einen Blick weitere Blickwinkel zugefügt werden und alle gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die drei Publikationen zeigen die Uneinheitlichkeit und Heterogenität Europas sowie vorhandene Konfliktpotenziale und Reibungsflächen auf: unbequeme Tatsachen, die den zuversichtlichen Einheitsparolen von Politik und Wirtschaft entgegenstehen. Diese Verschiedenheiten werden nicht ignoriert oder gar gewaltsam aufgehoben und nivelliert, sondern bleiben bestehen und werden als veränderlich erkannt. Sie werden in einen Dialog überführt, indem sie nicht nur hintereinander und nebeneinander stehen, sondern Verknüpfungen eingehen, die interaktive Beziehungen anregen.

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