Nr. 23/2006 vom 08.06.2006

Machtloses Verleugnen

Was wussten die NiederländerInnen während des Zweiten Weltkriegs von Auschwitz? Fast alles, behauptet ein Buch und sorgt damit für Aufregung.

Von Urs Hafner

Ein seltsam Tier ist das Vergangene. Eben noch im Schlaf des Vergessens versunken, steht es plötzlich mit beunruhigend bleckenden Zähnen da. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs schien vergangen und erledigt, doch seit den neunziger Jahren sehen sich viele europäische Länder plötzlich mit einer Vergangenheit konfrontiert, die sie sich anders vorgestellt haben.

Das betrifft die Schweiz - und neuestens auch die Niederlande. Offene Fragen schien es dort keine zu geben: Die Einwanderungspolitik war ja bis zum «Anschluss» Österreichs an Deutschland 1938 vergleichsweise liberal gewesen. Dann schloss die Regierung die Grenzen, doch bereits 1941 besetzten die Deutschen das Land. Lag die Verantwortung für das, was in der Folge geschah, nicht bei ihnen? Hatte es zudem nicht eine Widerstandsbewegung gegeben? Und hatten nicht mehrere Historiker jene Zeit erforscht, zuletzt Loe de Jong mit seinem im Auftrag der Regierung entstandenen und 1994 abgeschlossenen vierzehnteiligen Standardwerk «Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog» (Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg)?

Mythos des Nichtwissens

Da gibt es zwar anstössige Zahlen: Es gelang den Nationalsozialisten, rund 100 000 Jüdinnen und Juden nach Polen zu deportieren und zu ermorden. Das waren etwa 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung, fast doppelt so viel wie in Belgien und dreimal mehr als in Frankreich. Die niederländische Gesellschaft hat zur Erklärung dieses Umstandes einen Konsens gefunden, den die Historiker ausgearbeitet hatten: Es habe ein grosser Autoritätsglaube geherrscht, das Land sei lange nicht mehr von einer fremden Macht besetzt und daher mit der Situation unvertraut gewesen. Vor allem aber habe niemand von der von den Nationalsozialisten Anfang 1942 beschlossenen «Endlösung der Judenfrage» gewusst.

Der Mythos des «Nicht-Gewusst-Habens» gerät nun unter Druck: Ies Vuijsje behauptet im Buch «Tegen beter weten in - Zelfbedrog en ontkenning in de Nederlandse geschiedschrijving over de jodenvervolging» (Wider besseres Wissen - Selbstbetrug und Verleugnung in der niederländischen Geschichtsschreibung über die Judenverfolgung), die NiederländerInnen - jüdische und nichtjüdische - hätten sehr wohl Kenntnis von Auschwitz gehabt, aber nicht wissen wollen, um nichts dagegen tun zu müssen: «Wer wissen wollte, der konnte wissen.» Vuijsje, pikanterweise kein ausgebildeter Historiker (er arbeitet in der Telekommunikation), greift in erster Linie das nationale Gewissen der Niederlande an, den Historiker de Jong (1914-2005), ferner die damalige Regierung und die «jüdische Elite» im zwangsweise mit den Besatzern zusammenarbeitenden «Judenrat». Auch dieser, so der Autor, hätte sich aufgrund seines Wissens gegen die Deportationen zur Wehr setzen können und müssen.

Kaum überzeugende Berechnung

Wie die kontroversen Reaktionen zeigen, scheint Vuijsje einen wunden und offenbar wahren Punkt getroffen zu haben. Freilich wirkt seine These in ihrem rigorosen Moralismus überzogen. Dass die Studie nicht in erster Linie anklagen, sondern Lehren ziehen wolle aus menschlichen Fehlbarkeiten, klingt sehr hehr, aber nach einer überholten Position; die heutige Geschichtsschreibung ist in der Regel bescheidener. Überzeugend sind auch die Berechnungen nicht: Der Autor kommt aufgrund der von ihm ausgewerteten illegalen Presseartikel, Flugblätter und Radiosendungen zum Schluss, dass mindestens eine Million NiederländerInnen schon im Sommer 1942 über die «Endlösung» informiert war. So einfach jedoch lässt sich nicht herausfinden, was man damals wirklich wusste.

Erstaunlich aber ist es allemal, in welchem Masse sich der Mythos des Nichtwissens trotz der Bekanntmachung des systematischen Massenmordes durch die Alliierten im Dezember 1942 festsetzen konnte. Vuijsje findet dafür eine Erklärung, deren psychologischer Ansatz der Argumentationsweise des angegriffenen de Jong überraschend nahe kommt: Während dieser behauptet, die NiederländerInnen hätten nicht gewusst, weil es fast keine Berichte über die Endlösung gegeben und man die spärlichen Hinweise darauf - auch wegen der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens - verdrängt habe, sagt Vuijsje, dass die Information greifbar war, aber dass man die Wirklichkeit verleugnete, weil man sich dagegen machtlos glaubte. Und verleugnet wurde nicht nur während des Krieges, sondern vor allem nachher. Man wollte die Schuldgefühle bekämpfen, die aufgrund des mangelnden Widerstandes aufkamen: «Man wollte vergessen, und das gelang nach einiger Zeit.»

Was ihre Geschichte im Zweiten Weltkrieg angeht, stehen die Niederlande also gewissermassen wieder am Anfang. Ob sich diesmal auch die nichtjüdische Gesellschaft mit ihrem Vergangenen beschäftigen wird? Es entsteht nämlich der Eindruck, als hätten die Niederlande die Konfrontation mit der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung an die jüdischen BürgerInnen delegiert. Dazu gehören nicht nur de Jong und andere HistorikerInnen, sondern auch Ies Vuijsje.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch