Nr. 24/2006 vom 15.06.2006

Der Schwächste fliegt

Der neue Kapitalismus zerstört neben Arbeitsplätzen auch Lebensentwürfe und gesellschaftliche Voraussetzungen der Demokratie. Das ist die Bilanz von Louis Uchitelle, Barbara Ehrenreich und Richard Sennett.

Von Lotta Suter

«Vor vierzig Jahren gab es eine stillschweigende Übereinkunft», sagt Joel Rogers, Professor für Politologie, Recht und Soziologie an der University of Wisconsin, «jeder, der zur Schule geht, seine Mitmenschen nicht auf offener Strasse angreift und hart arbeitet, kann es zu etwas bringen.» Einen ähnlich nostalgischen Blick werfen heute viele liberale Intellektuelle auf die US-amerikanische Hochkonjunktur der sechziger Jahre. In Wirklichkeit war auch damals die gesellschaftliche Integration nicht allumfassend, sondern blieb für etliche Minderheiten ein amerikanischer Traum. Doch heute ist es die grosse Mehrheit der Bevölkerung, die erfährt: Bildung, Wohlverhalten und Fleiss allein führen nicht zum Aufstieg, ja diese Bürgertugenden garantieren nicht einmal eine sichere mittelständische Existenz.

Überqualifizierte Millionen

Hart arbeiten? Für eine Vollbeschäftigung hat es trotz angeblich «robusten Wirtschaftswachstums» (Präsident Bush) ganz einfach zu wenige Jobs. Die Nachfrage nach Arbeitsplätzen übersteigt in den USA das Angebot um mindestens fünf Millionen. Sogar die optimistisch verzerrte offizielle Statistik des Arbeitsministeriums verzeichnet durchschnittlich 2,6 BewerberInnen für jede offene Stelle. Es zu etwas bringen? Dafür hat es viel zu wenige gut oder zumindest anständig bezahlte Arbeitsplätze. 2004 mussten über 45 Prozent der US-amerikanischen Arbeitskräfte mit einem Stundenlohn unter sechzehn Schweizer Franken (dreizehn Dollar) auskommen; ein Drittel der Lohnabhängigen - rund 36 Millionen - arbeitete gar für weniger als zwölf Franken (zehn Dollar). Und der Anteil der Working Poor ist steigend. Die grosse Mehrheit der neuen Stellen, die vorab im Detailhandel, im Kundendienst, in der Hotellerie und der Fastfoodindustrie, in Altersheimen und Spitälern oder in Gefängnissen und Schulen angeboten werden, liegt im nicht existenzsichernden Niedriglohnbereich. Der offizielle Minimallohn beträgt bloss etwa sechs Franken (5,15 Dollar) in der Stunde, er schützt die Arbeitnehmenden nicht vor Verelendung. Zur Schule gehen? Auch Bildung ist entgegen den Behauptungen der Politiker kein sicheres Erfolgsrezept, denn die gut bezahlten Stellen haben seit den sechziger Jahren viel langsamer zugenommen als die Zahl der BewerberInnen, die sich umgeschult und weitergebildet haben. Millionen von AmerikanerInnen sind für ihre Arbeit überqualifiziert. Die «stillschweigende Übereinkunft» hat sich verflüchtigt. Denn der unsichere und prekäre Arbeitsmarkt in den USA ist nicht vorübergehend oder konjunktur abhängig oder auf gewisse Sparten beschränkt. Massenentlassungen und Umstrukturierungen gab es auch in den boomenden neunziger Jahren. Die neue Unsicherheit betrifft Ungelernte und Hochqualifizierte, Blue- und White-Collar-Workers. Und dort, wo die massive Flexibilisierung und Gesundschrumpfung die Arbeitswelt noch nicht direkt erreicht haben, sind sie zumindest normsetzend. Seit die Produktionsabteilungen von Unternehmen zum Anhängsel des hektischen und volatilen Börsengeschäfts degradiert worden sind, stellt das Wegradieren ganzer Abteilungen eine Standardpraxis der Kostenminimierung und kurzfristigen Profitsteigerung dar. Die konkrete Arbeitsleistung der Betroffenen spielt dabei keine Rolle; es geht um übergeordnete Unternehmenswerte (Shareholder Values).

Furcht vor Entlassungen

Der Wirtschaftsjournalist Louis Uchitelle, langjähriger Wirtschaftskorrespondent der «New York Times», schätzt in seinem neuen Buch «The Disposable American» (Der entbehrliche Amerikaner), dass jährlich etwa sieben bis acht Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung wegen Outsourcing, Konzernfusionen, Geschäftsübernahmen und konzerninterner Umstrukturierungen entlassen werden. 95 Prozent aller leitenden Angestellten in den USA sahen 2004 einen Stellenwechsel als wahrscheinlich an, und 68 Prozent fürchteten unerwartete Entlassungen, berichtet die US-amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich, Autorin von «Arbeit poor», in ihrer neuesten Undercoverreportage «Qualifiziert und arbeitslos». Nur eine ganz bestimmte, ungewöhnliche Sorte Mensch floriere in einem solch instabilen und brüchigen sozialen Umfeld, sagt der Soziologe Richard Sennett über «Die Kultur des neuen Kapitalismus»: «Die meisten Menschen sind nicht so. (...) Das kulturelle Ideal des neuen Kapitalismus verletzt viele der in diesem System lebenden Menschen.»

In der Rolle einer Arbeit suchenden PR-Spezialistin begegnet Barbara Ehrenreich diesen vom System verletzten Menschen: entbehrlich gewordene AmerikanerInnen, die das Anticharisma des Versagens ausstrahlen, einsame Gestrandete, die sowohl von den (noch) Erfolgreichen als auch den konkurrenzierenden MitbewerberInnen gemieden werden. Monatelang wallrafft sich die Journalistin durch metaphysisch oder christlich angehauchte und in den meisten Fällen gänzlich absurde und wertlose Motivations- und Trainingsseminare für stellenlose untere Kader. Eine Welt, die entgegen dem Untertitel der deutschen Ausgabe ihres Erlebnisberichtes alles andere als eine «Bewerbungswüste» ist. Eher gleicht das von so genannten Personality Coachs und BerufsberaterInnen und VerfasserInnen von Selbsthilfebüchern hart umkämpfte Terrain einem Spiegellabyrinth, worin jede und jeder Einzelne sich in endlosen Reflexionen seiner selbst verliert.

Den individuellen Verlust von Vertrauen, von Zugehörigkeit und Lebenssinn beschreibt auch der Soziologe Richard Sennett in seiner organisationssoziologischen Skizze des Übergangs vom alten, schwerfälligeren und bürokratischen Kapitalismus zur neuen, wendigen Variante, die keine Geduld für unsere komplexe Humanität aufbringt (siehe WOZ Nr. 30/05). Das Modell der New Economy habe den eisernen Käfig der alten Bürokratie aufbrechen wollen, sagt er, aber die alten sozialen und emotionalen Traumata bloss in neue institutionelle Formen gebracht. Im neuen Kapitalismus wird die soziale Ungleichheit zugleich verschärft und zur blossen Distanz verharmlost. Die neuen Technologien ermöglichen nicht bloss Basisdemokratie, sondern auch eine neue Form von stufenloser zentralisierter Kontrolle. Ein unbefriedigender Status quo wird nicht länger verändert, sondern einfach fallen gelassen. Die Effizienz triumphiert über die Integration, die Transaktion über die Beziehung und das blosse Potenzial über Wissen und Erfahrung. Besonders bedenklich findet Sennett, dass auch Regierungen und öffentliche Institutionen die kurzlebige und kurzsichtige Kultur des neuen Kapitalismus übernehmen: «Wieso reizt sie ein Geschäftsmodell, das allenfalls für einen Saudi-Ölmagnaten auf Zeit attraktiv ist?»

Gerade deshalb, hiesse die defätistische Antwort mit Blick auf die gegenwärtige US-Regierung. Doch Louis Uchitelle ist ein unermüdlicher Kämpfer für eine egalitäre Gesellschaft: «Wenn wir nichts ändern, geben wir die Grundvoraussetzungen der Demokratie auf.» Seine Interviews, Reportagen, geschichtlichen Rückblicke, statistischen Daten und politischen Analysen dokumentieren eindrücklich und farbig die «Massenentlassungen und ihre Folgen». Mit einer soliden Dosis Realität konfrontiert der Autor die gängigen Mythen, mit denen die Krise der neoliberalen Arbeitswelt nicht nur in den USA verbrämt wird.

Die Stellenreduktionen seien unvermeidbare Nebenwirkungen einer an sich günstigen wirtschaftlichen Entwicklung, sagen die ÖkonomInnen, am Ende gehe die Rechnung auf. Doch was ist mit all den versteckten und externalisierten Schäden, die der neue Kapitalismus an den Einzelnen, an der Gesellschaft, der Volksgesundheit und der Demokratie anrichtet? Wenn jede Kündigung eine persönliche Chance zur «Wiedergeburt» bedeutet, wie erklärt sich dann die real existierende Abwärtsmobilität, sind Millionen von entlassenen AmerikanerInnen einfach selber schuld? Was soll der Appell an die Eigenverantwortung, wenn die Krise des Arbeitsmarktes vorab strukturell bedingt ist? Angesichts der Massenentlassung von gut qualifizierten Flugzeugmechanikern fragt Uchitelle: Wozu umschulen, wo doch jeder weiss, dass die Facharbeiter keine andere Stelle für 31 Dollar die Stunde finden werden, nicht einmal einen Job für sechzehn Dollar? Wenn sie Glück haben, werden sie später von der Firma zu geringerem Lohn und ohne Sozialleistungen als Leiharbeiter für den gleichen Job angestellt.

Zaghaftes Allgemeinwohl

Was tun? Ehrenreich plädiert für eine stärkere Organisation der ArbeitnehmerInnen; heute sind gerade noch acht Prozent der Erwerbstätigen in der US-Privatwirtschaft gewerkschaftlich organisiert. Sennett denkt ebenfalls an Gewerkschaften, ausserdem schlägt er verbreitetes Jobsharing und allenfalls ein Grundeinkommen vor. Uchitelle schliesslich erhofft sich die Rettung trotz allem von staatlicher Regulierung und Intervention; statt dass die US-Regierung wie heute im Namen der Industrieförderung Milliarden an Steuergeschenken verteilt, könnte sie das Geld direkt in öffentliche Projekte stecken, und zwar nicht bloss als keynesianischen Stimulus, sondern als Bestandteil einer permanenten aktiven Beschäftigungspolitik.

Auffällig an all diesen Ideen ist, dass sie in Europa immer noch oder bereits wieder öffentlich diskutierbar sind. Nicht so in den USA. Hier wird gerade mal der Begriff «Common Good», Allgemeinwohl, von den Demokraten im Hinblick auf die nächsten Wahlen zaghaft auf seine Mehrheitsfähigkeit hin getestet. Versteht aber das gemeine Volk überhaupt noch, was damit gemeint ist? Wo doch die US-Gesellschaft seit den achtziger Jahren nach Regeln spielt, bei denen in jeder Runde aufs Neue ein schwächstes Glied bestimmt wird und fliegt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch