Nr. 27/2006 vom 06.07.2006

Schlechte Menschen

Von Valentin Schönherr

Mit zwölf Jahren kam Antonio Dal Masetto nach Argentinien. Wie ein Marsmensch habe er sich gefühlt, sagt der 1938 in Norditalien geborene Schriftsteller heute über jene Zeit. Zunächst war er hilflos in der fremden Sprache, mittlerweile sind von ihm gut ein Dutzend Bücher - vor allem Romane - auf Spanisch erschienen. Ihn beschäftigt, welche Verwerfungen die Auswanderung in einem Menschen auslösen kann. In anderen Büchern konzentriert er sich ganz auf Argentinien - so auch in «Noch eine Nacht», dem ersten, das in deutscher Übersetzung vorliegt.

Fremdheit ist in diesem Roman ein zentrales Thema. Fremd sind hier die vier Insassen des Autos, das an einem glühenden Sommertag in die Provinzstadt Bosque einrollt. Wir erfahren nicht, woher die vier kommen, kaum etwas darüber, wer sie sind, und erst nach und nach, was sie vorhaben. Sie quartieren sich in einem Hotel ein und erkunden das Städtchen, um schliesslich eine Bank auszurauben. Der Coup gelingt.

Auf ihrer Flucht aber machen sie durch eine Unvorsichtigkeit einen ahnungslosen Polizisten auf sich aufmerksam, der gerade noch dafür sorgen kann, dass die Ausfahrten des Ortes gesperrt werden. Die restlichen drei Viertel des Romans handeln von einer Verfolgungsjagd, an der sich ganz Bosque beteiligt - und dabei werden wir hervorragend unterhalten. Die vier Männer müssen sich auf ihrer Flucht trennen, und jeder findet zunächst einen provisorischen Unterschlupf. Dass sich jeder allein durchschlagen muss, macht Dal Masetto zum Organisationsprinzip des Erzählens: Kapitel für Kapitel verfolgen wir je ein Schicksal mit.

Solange die drei anderen pausieren, entsteht der irritierende Eindruck, ihre Lage sei etwas weniger bedroht. Knüpft der Erzählfaden wieder bei ihnen an, wird deutlich, dass sich ihre Situation eher verschlimmert hat. Dann scheitert der Erste, sein Erzählfaden reisst ab, die Episoden verfolgen nur noch drei, dann zwei, zuletzt noch einen Flüchtigen.

Bis dahin haben wir einen ganzen Kosmos kennen gelernt: eine kleinstädtische Gesellschaft mit einer leicht hys-terisierbaren Mehrheit und ihren wenigen Aussenseitern. Dal Masetto benötigt nur wenige Worte, um ganz verschiedene Menschen aufs Lebendigste vorzustellen. Mit Sympathie geht er sparsam um, auch und gerade gegenüber den vier Männern. Von Übel aber ist nicht der Einzelne, sondern die Masse, die gnadenlos dafür sorgt, dass die Störenfriede verschwinden.

Damit wird der Roman zu einer vielfältig lesbaren Parabel über Eindringen und Ausweisen, über Wissen und Vorurteile, über Gewohnheiten und aussergewöhnliche Vorkommnisse. «Wer ist das, Mutter?», fragt ein Junge, als er sieht, wie einer der gefassten Bankräuber von der aufgebrachten Menge durch die Strassen getrieben wird. Sie sagt: «Ein schlechter Mensch.»

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