Nr. 27/2006 vom 06.07.2006

Der Preis der Kreativität

Die Wirtschaft unterwandert die Kunst? Schön wärs. Viel schlimmer: Die Kunst unterwandert die Wirtschaft.

Von Tan Wälchli

Wissen Sie, wo Marcel Ospel geheiratet hat? Wo Lukas Mühlemann im Engadin residiert? Und wie viele Prozente seines Lohns Daniel Vasella letztes Jahr in Aktien bezogen hat? Nun, Sie hätten es in der Zeitung lesen können. Denn spätestens seit börsenkotierte Firmen in der Schweiz ihre Lohnlisten veröffentlichen müssen, sind Topmanager zu Medienstars geworden.

Hier ein Interview, dort ein Fototermin oder eine neue Enthüllung aus dem Privatleben. Und wenn es, wie bei Ospels Hochzeit, für einmal keinen Zugang gibt, berichtet man halt darüber, dass man nichts zu berichten hat. Dazu passen dann Bilder von schwarz gekleideten Männern mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr. Kurz: Das Ganze erinnert an den Kult um die Celebrities aus der Film-, Musik- oder Modewelt. Werden bald die ersten Paparazzi Jagd auf unsere Wirtschaftkapitäne machen?

Wenn man dem französischen Soziologen Pierre-Michel Menger glauben will, ist das nicht auszuschliessen. Wie er in seinem neuen Essay «Kunst und Brot» behauptet, orientieren sich die CEOs der grossen Firmen heute an den Stars aus der Kunstwelt. Deutlich zeigt sich das gemäss Menger an der «Inszenierung der spektakulären Ungleichheiten». Dieses Phänomen ist hierzulande auch als «Lohnschere» bekannt. Die Löhne weisen besonders im oberen Segment überhaupt kein proportionales Verhältnis zu Leistung und Verantwortung auf. Vielmehr können minime Leistungsunterschiede riesige Einkommensdifferenzen zur Folge haben. So verdient der Topstar eines Films oder die Solistin eines Orchesters traditionellerweise ein Vielfaches der anderen Beteiligten, obwohl diese leistungsmässig nur knapp abfallen. Diese Erfolgsrechnung wenden die CEOs heute ebenfalls an. Kein Wunder also, bezahlen sie auch denselben Preis wie die Kunststars: Sie leben im Blitzlichtgewitter. Die «Lohnschere» ist nicht der einzige Aspekt der gegenwärtigen Arbeitswelt, für den sich Menger interessiert. Ihm geht es generell um die «Metamorphosen des Arbeitnehmers», wie der Untertitel des schmalen Büchleins heisst. Er beobachtet, dass sich die kapitalistische Arbeitswelt ganz an der Kunst- und Kulturindustrie orientiert. Und wenn die CEOs die überbezahlten Kunststars imitieren, bleibt den anderen Angestellten zumindest der Trost, dass sie allesamt KünstlerInnen sind.

Selbstverwirklichtes Lohndumping

Menger kommt besonders auf die verschiedenen Erscheinungsformen der «Flexibilisierung» zu sprechen. Anstellungen auf Zeit und auf Projektbasis, wie sie im Kunst- und Kulturbetrieb seit langem bekannt sind, haben in den letzten Jahren in allen Branchen zugenommen. Die Folgen sind parallele Anstellungen bei mehreren Arbeitgebern, unregelmässige Arbeitszeiten sowie Phasen intensiver Beschäftigung, die sich mit Zeiten der Erwerbslosigkeit abwechseln. Gemäss Menger reicht die Flexibilisierung heute sogar so weit, dass sie auch die fest angestellten Arbeitskräfte erreicht. Diese müssen innerhalb ihrer Firmen zwischen verschiedenen Projekten oder Abteilungen hin- und herwechseln. Die Ideale, die dabei verfolgt werden, heissen «Talentvielfalt» und «Kompetenzkontinuum».

Besonders interessant wird Mengers Studie dort, wo sie nach den Ursachen für die beschriebene Entwicklung fragt. Wie kommt es, dass die «Lohnschere» und die «Flexibilisierung» so erfolgreich sind? Mengers Antworten sind auf den ersten Blick einfach: Das überproportional hohe Einkommen der Stars dient als Motivation für alle anderen, und die Flexibilisierung verspricht, dass man einen interessanten Beruf hat, sich vielseitig entwickeln und letztlich sich selbst verwirklichen kann. Verblüffend daran ist jedoch, wie Menger erwähnt, dass die negativen Nebenwirkungen kaum zur Sprache kommen. Die Lohnschere bewirkt ja, dass die Mehrheit der Angestellten nicht proportional am gemeinsam erwirtschafteten Gewinn beteiligt wird. Letztlich führt sie sogar zu Lohndumping. Egal ob es Praktika sind oder unterbezahlte Freelance-Aufträge, immer öfter sind ArbeitnehmerInnen bereit, für wenig oder gar kein Geld zu arbeiten. Die Erklärung dafür lautet, dass sie sich vom Job andersartige Vorteile versprechen. Man kann Kontakte für die Zukunft knüpfen, für berühmte Leute tätig sein oder sich einfach mit dem guten Gefühl zufrieden geben, eine Art KünstlerInnenleben zu führen.

Ebenso gleichgültig scheinen die ArbeitnehmerInnen gegenüber den Nachteilen der Flexibilisierung zu sein. Kurzfristige Anstellungsverhältnisse und regelmässige Phasen von Erwerbslosigkeit haben zur Folge, dass man sich finanziell längerfristig nicht absichern kann, und erschweren oder verunmöglichen gar die Lebensplanung. Auch dies aber wird, wie es scheint, von den Versprechungen der kreativen Selbstverwirklichung aufgehoben. Zudem bleibt einem immer die Hoffnung, man werde es irgendwann doch noch ganz nach oben schaffen. Wenn man erst einmal heiraten kann wie Nicole Kidman oder Marcel Ospel, dann werden alle Probleme gelöst sein ...

Hilfe, Kunst!

Nun könnte man sagen, es sei die Schwäche von Mengers Buch, dass er dieses Paradox nicht auflöst. Weder erklärt er, wie es zustande kommt, noch liefert er Vorschläge, wie es sich künftig vermeiden liesse. Aber dass er das Paradox überhaupt herausarbeitet, ist auch die Stärke seiner Studie. Damit kehrt Menger zu einer Domäne zurück, die in letzter Zeit in Vergessenheit geraten ist: zur Ideologiekritik. Mit nüchternen soziologischen Daten zeigt er, dass wir heutigen ArbeitnehmerInnen tatsächlich, wie einst Marx - und letztlich auch Freud - behauptete, im «falschen Bewusstsein» leben: Wie träumen lieber von zukünftigen Karrieren, die wir nie haben werden, als dass wir den realen Beschäftigungsverhältnissen ins Auge sehen.

Eine weitere Stärke von Mengers Buch zeigt sich, wenn man es im Kontext jener Debatte betrachtet, die seit einigen Jahren über die Annäherung von Kunst und Wirtschaft geführt wird. Meist wird der Prozess so beschrieben, dass die Wirtschaft sich in das Gebiet der Kunst einmischt: Firmen agieren als professionelle Kunstsammlerinnen und geben sogar Werke in Auftrag, während so genannte «art banker» die bildende Kunst oder den Film als Investitionsbereiche wie Aktien oder Edelmetalle behandeln. Entsprechend suchen Kunst und Kunsttheorie fast verzweifelt nach Strategien, um solchen Vereinnahmungen Widerstand zu leisten. Das Resultat ist meist enttäuschend. Gewöhnlich läuft es darauf hinaus, dass wahlweise eine von zwei altbekannten Forderungen wiederholt wird: Entweder plädiert man dafür, die Autonomie der Kunst zu retten - zum Beispiel mithilfe des Staates oder privater MäzenInnen -, oder man versucht, subversive Strategien zu entwickeln. Mitmachen, um etwas zu bewirken, lautet in diesem Fall das Credo.

Menger beurteilt die Situation ganz anders. In dem Bereich, den er untersucht - den Arbeitsverhältnissen -, zeigt sich, dass es gar nicht die Wirtschaft ist, welche die Kunst erobert. Vielmehr ist um gekehrt zu beobachten, wie die Kunst sich die Wirtschaft unterwirft. Die Produktionsbedingungen und Anstellungsmodelle, die sich im Kunst- und Kulturbereich etabliert haben, dienen nun als «Modell», das nach und nach auch auf die anderen Wirtschaftszweige angewandt wird. Folglich plädiert Menger keinen Moment dafür, die Kunst irgendwie retten zu wollen. Im Gegenteil: Nach der Lektüre seines Essays liegt der Schluss nahe, dass gerade die Kunst jener Bereich ist, in dem die von Marx und Freud diagnostizierte Selbsttäuschung des Subjektes ihren angestammten Platz hat.

Jenseits der Soziologie

So aufschlussreich und erfrischend Mengers Analyse auch ist, einen kleinen Minuspunkt gibt es doch zu notieren: Der soziologische Blick auf Arbeitsverhältnisse und Karriereträume hat bisweilen etwas Einengendes. Insbesondere lässt Menger die Frage aussen vor, ob es eine philosophische Grundlage für die Affinität von Kunst und Kapitalismus gibt. Das fällt umso mehr auf, als die Entwicklung, die er beschreibt, derart logisch und konsequent zu verlaufen scheint, dass es schwer fällt, darin einen Zufall oder eine Ironie der Geschichte zu sehen.

Was also könnte das Geheimnis der Kunst sein, das es ihr erlaubt, heute als Modell für den Kapitalismus zu funktionieren? Zumindest eine Antwort kommt einem schnell in den Sinn: der Mehrwert. Ist es nicht das Ziel aller Firmen, Produkte zu entwickeln, die einen möglichst hohen Mehrwert aufweisen? Ist nicht deshalb die Kreativität so wichtig? Und ist nicht die Kunst jene Industrie, welche seit vielen Jahrhunderten die höchsten Mehrwerte erzielt?

Insofern das Kunstwerk einen sehr geringen Gebrauchswert und eine nach oben offene Gewinnspanne hat, scheint es immer schon das Ideal des kapitalistischen Produkts gewesen zu sein. Vielleicht werden die heutigen CEO-Stars nur deshalb so teuer bezahlt, weil sich dieser Zusammenhang nicht mehr verbergen lässt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch