Nr. 31/2006 vom 03.08.2006

Erst schiessen, dann darüber weinen

Die Friedensbewegung steckt in einer Krise. Wer heute in Israel gegen den Krieg protestiert, braucht Mut. Den haben nur wenige.

Von Zvi Schuldiner, Jerusalem

«Es ist ja so traurig, dass wir Krieg führen müssen»: Jetzt ist auch Peace Now im Lager der KriegerInnen angekommen. Peace Now, eine der wichtigsten moderaten Kräfte in Israel, war schon immer sehr vorsichtig, die Regierung zu kritisieren, sobald die Arbeitspartei wie zurzeit an der Macht war. Heute sind sie endlich auch Teil einer breiten patriotischen Front. Nach dem Sechstagekrieg 1967 hatten diese Moderaten - Leute wie Amos Oz - den Krieg noch verteidigt. Angesichts des völkerrechtswidrigen Vorgehens in den besetzten Gebieten sind sie dann aber schnell verstummt. Daraufhin hat sich in ihren Reihen eine Tradition des «shoot and cry» entwickelt: Schiessen, und dann darüber weinen.

Das tun zumindest die so genannten MoralistInnen, die ein zentrales Element bei der Besatzung darstellen, sei es beim Bau von Siedlungen, sei es bei den Repressionen gegen die palästinensische Bevölkerung. Es gefällt ihnen, Teil der Elite zu sein, und sie sehen sich gerne in der Rolle des von Zweifeln geplagten «Hamlets», der wegen seiner reinen Existenz leiden muss. Oh! Es ist schrecklich zu töten, aber wir sind dazu verpflichtet, weil unsere Feinde so böse sind. Aber wir leiden sehr darunter, denn wir sind ja so moralisch!

Diese Tradition gibt es bis heute, und die Propaganda in Israel wird nicht müde, die israelische Armee - ohne jede Scham - als die moralischste der ganzen Welt zu bezeichnen. Schon jede Strassensperre und die Vorfälle in den besetzten Gebieten zeichnen ein gänzlich anderes Bild.

Nach dem Besuch des ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat in Israel 1978 hatten israelische OffizierInnen eine Petition an den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin verfasst, dass dieser den Friedensprozess weiterführen sollte. Diese Aktion führte zur Gründung von Peace Now, einer Bewegung, die sich seither für den Friedensprozess im Nahen Osten einsetzt. In den neunziger Jahren begannen dann aber einige der profiliertesten SchriftstellerInnen wie Amos Oz und Abraham B. Yehoshua, jene zu kritisieren, die nicht verstehen wollten, dass ein Krieg gegen Saddam Hussein notwendig war.

Die Kultur des Krieges hat sich schnell zu einer allgemein akzeptierten Ideologie entwickelt. Heute ist Oz plötzlich überall aktiv. Er schreibt für alle, die nach einer spirituellen Ausrichtung suchen. Der aktuelle Krieg wird zu einem «Verteidigungskrieg». Eine schwache Analyse. Doch nun muss das Aussenministerium wenigstens niemanden mehr ins Ausland schicken, um die Situation und die Gefahr für Israels Existenz zu erklären. Die Intellektuellen gehen von allein.

Und Yeriv Oppenheimer, der Vorsitzende und Sprecher von Peace Now, sagte letzten Freitag in der Tageszeitung «Haaretz» gar: «Als ich von den Dissidenten gehört habe, die sich weigern, in diesen Krieg zu ziehen, wollte ich sie umbringen.» Nun ist er ja Teil des Friedenslagers, hat sie also vermutlich nicht wirklich umbringen wollen. Aber er versteht die ExtremistInnen nicht, die nicht verstehen wollen, dass es sich hierbei um einen notwendigen Verteidigungskrieg handelt.

Doch das ist glücklicherweise nicht das ganze Bild. Bereits einen Tag nach Kriegsbeginn haben radikale PazifistInnen begonnen, gegen diesen Krieg zu demonstrieren. Vor zwei Wochen sind rund 3000 Israelis, JüdInnen und AraberInnen, in Tel Aviv auf die Strasse gegangen. Sie stiessen dabei auf grossen Hass und wurden zum Teil auch angegriffen. Letzten Sonntag organisierten einige Frauen dann eine weitere Demonstration, und die Tragödie von Kana löste nun endlich eine Welle von Protestkundgebungen im ganzen Land aus. Vielleicht sind die «Verrückten», die «VerräterInnen» und die «AbweichlerInnen» heute die einzigen, die sich wirklich um die Zukunft dieses Landes sorgen.