Nr. 32/2006 vom 10.08.2006

Die Restkuhfrage

Wegen BSE ist es seit 2001 verboten, in der Schweiz Tiermehl zu verfüttern. Ein ökonomisch und ökologisch absurdes Verbot, denn zwei Drittel eines gesunden Rindes werden vernichtet.

Von Susan Boos

An diesem hübschen Ort im Toggenburg steht eines der Krematorien der Fleischindustrie. Eine Fabrik, die den belanglosen Namen «TMF Extraktionswerk AG Bazenheid» trägt. Es riecht nach Heu, nach Hitze, nach Sommer und sonst nach nichts. Früher war das anders. Oft hing ein süsslicher Geruch in der Luft. Dieser unerträgliche Geruch, der für den Tod steht. Der Geruch von verrottendem Fleisch. Aber eben, das ist längst Geschichte.

Dort, wo man den Tod zu sehen bekäme, darf man nicht hin. Das hat der Verwaltungsrat der TMF vor einigen Jahren beschlossen, sagt Werner Käufeler, der Geschäftsleiter der TMF. Er ist ein freundlicher, sportlicher Mann, der alles weiss über das Werk und alles zeigt, ausser den «unreinen Teil». Der «unreine Teil» ist dort, wo die Laster ihre Fracht abladen, verendete Kühe und Kälber, Schlachtabfälle, manchmal sind auch Haustiere dabei. Die Laster kippen die Kadaver und Fleischreste in eine Mulde, drunter läuft ein Förderband und speist die Tierreste in die Maschine ein.

«Die Journalisten wollen immer nur die Rohmaterialanlieferung sehen», sagt Käufeler. Er wundert sich, denn sonst will niemand wissen, was mit den Tonnen von Abfallfleisch passiert, dass einst alles verwertet wurde und heute als Müll gilt. Nur das edelste Fleisch wird verzehrt. Fast zwei Drittel eines geschlachteten Rindes landen in der Tiermehlfabrik. Beim Schwein ist es ein Drittel. Jährlich werden in der Schweiz 250000 Tonnen Schlachtabfälle entsorgt. Käufeler schüttelt den Kopf: «Das sind Proteine, bestes Eiweiss, das wir einfach vernichten. Es ist verrückt.»

Früher hat die TMF Tiermehl hergestellt, das man Tieren verfütterte - auch Kühen. Dann kam BSE, das Rindvieh wurde krank, und man begriff, dass es falsch war, Rinder mit ihren Artgenossen zu füttern. Kannibalismus nennt sich das. Käufeler sagt, sie hätten immer nur Tiermehl für fleischfressende Tiere produziert: «Wir waren lediglich die Produzenten und überzeugt, dass Schweine und Hühner unser Mehl fressen. Für mich war es völlig überraschend, als ich erfuhr, dass man es auch den Wiederkäuern füttert. Die Bauern hatten das Mehl vermutlich für ihre Schweine gekauft und irgendwann gesehen, dass ihre Kühe das Mehl mögen und es ihnen gut tut - Hochleistungsrassen brauchen viel Eiweiss. So kam das Tiermehl in ihre Futtertröge. Verboten war es ja nicht.»

Das änderte sich mit BSE: Seit einigen Jahren ist es in der Schweiz und in der EU verboten, Nutztieren Tiermehl zu füttern. So wurde aus der Futtermittelproduzentin TMF eine Entsorgungsfirma.

Jährlich verarbeitet die TMF 47 000 Tonnen Tierreste und stellt 10 000 Tonnen Tiermehl und fast 7000 Tonnen Tierfett her. Das Tiermehl hat einen Heizwert wie Altholz, das Fett ist so gut wie Heizöl extraleicht. Mit dem Fett erzeugt die TMF für den eigenen Betrieb Dampf. Das Mehl geht in die Zementfabriken. Damit die es verbrennen, muss die TMF den Zementfirmen vierzig Franken pro Tonne entrichten. Das kann Käufeler nicht verstehen: «Wir liefern ihnen hochwertigen Brennstoff und müssen noch zahlen. Das ist absurd.» Etwa eine Million Franken kostet die TMF die Entsorgung des Tiermehls pro Jahr. Aber anderswo kann das Mehl nicht verbrannt werden.

Gestank gebannt

Käufeler führt durch die Anlage. Kessel, Rohre, noch mehr Kessel, noch breitere Rohre. Alles blank und sauber. Was man sieht, gleicht einem Kraftwerk. Das Hässliche und Stinkige passiert hinter Chromstahl. Zuerst kommen die Fleischabfälle in den «Knochenbrecher». Dieser zerhackt alles, auch ganze Kühe, in vier bis fünf Zentimeter kleine Stücke. Hinten kommt eine Masse heraus, die sich «aufgebrochene Rohware» nennt und in den «Autoklaven» spediert wird. Ein gigantischer Dampfkochtopf, der unter Druck das Fleisch während zwanzig Minuten bei 133 Grad erhitzt. Kein Krankheitserreger überlebt dieses Prozedere. Danach holt man die festen Teile heraus. Die festen Teile, das sind die Überreste der Knochen, Hörner, Zähne oder Hufe. Sie werden getrocknet und gemahlen. Der Rest ist eine Suppe aus Eiweiss, Fett und Wasser. Tiere bestehen zu 65 Prozent aus Wasser. Das bescherte jahrelang Probleme und machte die TMF in Bazenheid unbeliebt. Viel Wasser heisst viel Abwasser - täglich verarbeitet die TMF 220 Tonnen Tierüberreste, das macht grob gerechnet 143000 Liter Abwasser, was einem halben Zwanzig-Meter-Schwimmbecken entspricht. Die Brühe ging früher in die Bazenheider Kläranlage. Es roch grauenvoll.

Inzwischen hat man eine fabrikeigene Kläranlage. Unten, in den geräumigen Gängen, die die diversen Fabrikgebäude unterirdisch miteinander verbinden, holt Käufeler einen Plastikbehälter vom Gestell. «Riechen Sie», sagt er und öffnet den Behälter. Es riecht wie abgestandenes Wasser, nicht köstlich, aber zur Not trinkbar - das gereinigte Restwasser der Säugetiere, wie es heute die TMF verlässt.

Auch die Abluft ist kein Problem mehr. Vor zwanzig Jahren baute die TMF einen Biofilter, ein Betonbassin gefüllt mit Torf, Heidekraut und Tannenreisig. Unten bläst man die üble Abluft rein, oben entweicht reines Gas in die Luft. Wenn Käufeler über den Biofilter und die Kläranlagen redet, hört man, wie froh er ist, dass die TMF den Geruch des Todes im Griff hat.

Soja statt Tiermehl

Vor zwei Jahren publizierten das Bundesamt für Landwirtschaft und das Bundesamt für Veterinärwesen einen Bericht «betreffend die Wiederverwertung tierischer Abfälle». Unter dem Titel «Konsequenzen des Fütterungsverbotes» schreiben die Bundesämter: «Das Verbrennen von über 200 000 Tonnen tierischem Material, welches einen grossen Anteil an wertvollen tierischen Proteinen enthält, ist in Anbetracht von ethischen Grundsätzen schwierig zu rechtfertigen.» Heute ernähre man Schweine und Geflügel vegetarisch, was aber nicht deren «physiologischen Bedürfnissen» entspreche: «Soja eignet sich zwar am besten als Ersatz für tierische Proteine, die Anwendung von gentechnologisch verändertem Saatgut führt aber immer wieder zu Diskussionen.»

Heute kommen rund drei Viertel der pflanzlichen Proteine für Tierfütterung aus dem Ausland. Laut WWF importiert die Schweiz pro Jahr rund 250000 Tonnen Soja für die Tierfütterung - also etwa gleich viel, wie man tierisches Eiweiss zerstört. Um diese Soja anzubauen, braucht es 1700 Quadratkilometer Boden, was der Fläche des Kantons Freiburg entspricht. Die gigantischen Soja-Monokulturen, denen vor allem in Brasilien und Argentinien Urwald zum Opfer fällt, haben ökonomisch wie ökologisch verheerende Auswirkungen (siehe WOZ Nr. 21/06).

Die beiden Bundesämter schreiben in ihrem Bericht den überraschenden Satz: «Obwohl einige Organisationen der Fleischbranche als vertauensbildende Massnahme gegenüber den Konsumenten auf die Verfütterung tierischer Abfälle verzichten wollen, ist längerfristig eine Lockerung des Fütterungsverbotes anzustreben.»

«Das wäre sehr gut», sagt Käufeler und wiederholt, was er schon zu Beginn erwähnte: «Es ist ein Skandal, dass wir Eiweiss, das von absolut gesunden Tieren stammt, einfach vernichten.» Um dieses kostbare Eiweiss wieder verwenden zu können, müsste man allerdings differenziert vorgehen. Schon heute kennt man drei Kategorien «tierischer Nebenprodukte»: die gefährlichen Abfälle von kranken Tieren, unsicheres Material und Abfälle, die man eigentlich konsumieren könnte, wenn man wollte. Sinnvoll wäre es, sagt Käufeler, wenn man die Nebenprodukte der dritten Kategorie - also die Schlachtabfälle gesunder Tiere - wieder zu Tierfutter verarbeiten dürfte. «Selbstverständlich darf es keinen Kannibalismus mehr geben. Tiermehl für Schweine darf keine Schweinebestandteile enthalten. Dies bedeutet, dass man die Nebenprodukte getrennt verarbeiten müsste.» Die eine Fabrik würde zum Beispiel Schweinereste zu Hühnerfutter, eine andere Rinderabfälle zu Schweinefutter verarbeiten.

Kürzlich sei er in Deutschland an einer Tagung gewesen, sagt Käufeler. In der EU diskutiere man auch darüber, das Tiermehl wieder zu verfüttern. Das Problem sei nur: «Man muss lückenlos belegen können, woher das Tiermehl stammt. Man sucht deshalb nach einem Marker - ein Pulver oder Mittel, das man zumischen könnte, um jederzeit nachweisen zu können, was für Tiermehl es ist. Nur so liesse sich belegen, dass im Mehl für die Schweine keine Schweinebestandteile sind.»

Eine andere Möglichkeit wäre die Pyrolyse: Man würde aus den Tierresten Bioöl oder Biogas gewinnen und damit Strom oder Wärme erzeugen. Die TMF möchte gerne eine Pyrolyseanlage bauen. Es wäre die erste der Welt. «Wir könnten sie bauen», sagt Käufeler: «Aber was passiert, wenn die EU die Tiermehlverfütterung in einem halben Jahr wieder zulässt? Dann sitzen wir auf einer nutzlosen Anlage.»

Der Seuchenfall

Und was passiert, wenn die Tiermehlfabriken sich auf eine Tiergattung spezialisieren müssten? Plötzlich würden ausländische Firmen um Schweizer Tierabfälle buhlen, um ihre Betriebe auszulasten. Es könnte bald billiger sein, den Fleischabfall im Ausland zu entsorgen. Die hiesigen Tiermehlfabriken (vgl. Kasten) müssten Kapazitäten abbauen. «Die Grossverteiler wie Coop oder Migros interessiert es nicht, ob in der Schweiz ausreichend Entsorgungskapazitäten vorhanden sind», sagt Käufeler. «Aber was geschieht in einem Seuchenfall? Wenn die Schweinepest oder die Maul- und Klauenseuche ausbricht? Dann gehen schlagartig die Grenzen zu, dann kann man keine tierischen Nebenprodukte mehr ausführen. Wer entsorgt dann?»

Laut Gesetz muss jeder Schlachthof, der tierische Nebenprodukte ausführt, nachweisen können, dass er im Seuchenfall in der Schweiz über vertraglich gesicherte Entsorgungskapazitäten verfügen würde - die so genannte Inlandentsorgungsgarantie. Das gilt allerdings nicht mehr für «lebensmitteltaugliche tierische Nebenprodukte», worunter auch Knochen und Schwarten fallen. Die Rekurskommission des Volkswirtschaftsdepartements entschied vor einem Jahr, dass Schlachthöfe für diese exportierten Schlachtabfälle die Inlandentsorgungsgarantie nicht mehr erbringen müssen. Wie viele Tonnen «lebensmitteltaugliche tierische Nebenprodukte» ausgeführt werden, konnte Marcel Falk vom Bundesamt für Veterinärwesen nicht sagen. Er meinte aber, im Seuchenfall gäbe es schon Möglichkeiten, die Entsorgung trotzdem zu sichern: «Man müsste dann halt je nachdem zum Beispiel für ein bis zwei Wochen das normale Schlachten teilweise einstellen, um in den Entsorgungsbetrieben freie Kapazitäten für die Entsorgung der Seuchentiere zu schaffen.»

Käufeler befriedigt die Antwort nicht. Er ist kein Weltverbesserer, aber seit die Tiermehlfabrik vor rund dreissig Jahren ihren Betrieb aufgenommen hat, verfolgt er das Fleischgeschäft. Es gibt ihm zu denken, und er wiederholt erneut: «Es kann doch nicht sein, dass wir gedankenlos so kostbare Wertstoffe vernichten.» ·

Fleischentsorgung in der Schweiz

Die TMF Extraktionswerke AG Bazenheid wurde 1974 gegründet. Fünfzig Prozent des Aktienkapitals sind im Besitz von fünfzehn Deutschschweizer Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Die Mehrheit der anderen fünfzig Prozent hält die Centravo AG Zürich, die grösste Fleischentsorgungsfirma der Schweiz, die in rein privatem Besitz ist. Daneben sind noch der Migros-Schlachthof Micarna Bazenheid sowie einige andere Fleischverarbeitungsbetriebe an der TMF beteiligt.

Von den rund 250000 Tonnen Fleischabfällen, die in der Schweiz jährlich entsorgt werden müssen, verarbeitet die Centravo in ihrem Extraktionswerk in Lyss jährlich 120000 Tonnen, die TMF in Bazenheid 47000 Tonnen und die Geistlich AG in Schlieren 31000 Tonnen; daneben gibt es noch kleinere Sterilisationsbetriebe, die Schlachtabfälle zu Flüssigfutter verarbeiten, das danach in Spezialöfen verbrannt wird.

Bio und Fleischmehl

«Ich finde es schade, dass man solch grosse Mengen an hochwertigen Schlachtnebenprodukten einfach wegwerfen muss», sagt Barbara Früh, Futtermittelexpertin beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick und Beraterin von BioSuisse, die das Knospen-Label kontrolliert. «Es wäre sinnvoll, wenn man Biotiere mit Schlachtnebenprodukten füttern könnte - solange sie Allesfresser sind: also Hühner oder Schweine», konstatiert Früh. Vor allem Hühner seien aus physiologischen Gründen auf bestimmte Aminosäuren angewiesen, die vor allem im Fleisch vorkämen. Durch Soja lassen sich diese Aminosäuren ersetzen, doch ist es kaum möglich, in der Schweiz für Schweine oder Hühner Biosoja anzubauen. Bei den Biokühen oder -rindern ist es Vorschrift, dass neunzig Prozent ihres Futters aus Raufutter besteht, das zumeist aus dem Inland stammt. Siebzig Prozent des Schweine- und Hühnerfutters wird hingegen importiert, vor allem aus der EU, aber auch aus China und Lateinamerika.

Man könnte den Sojaimport reduzieren, wenn man wieder Tiermehl verfüttern dürfte. Intern habe man dies bei BioSuisse und im Fibl schon des Öftern diskutiert, sagt Früh: «Aber es ist sehr schwierig: Tiermehl ist widersprüchlich - die Konsumenten und Konsumentinnen können sich vermutlich kaum damit anfreunden, dass Biotiere Tiermehl fressen.» Und weil die KonsumentInnen vermutlich erbost reagieren, wenn sie erfahren, dass die Biohühner Tiermehl bekommen, lässt man vorläufig das heikle Thema. Kommt noch hinzu, dass BioSuisse versucht, eine hundertprozentig biologische Fütterung zu garantieren. Deshalb käme nur Tiermehl von Biotieren infrage, was die Tiermehlverarbeitung noch komplizierter machen würde. Man müsste nicht nur die Tiergattungen getrennt verarbeiten, um Kannibalismus zu verhindern, man müsste auch noch separate Linien für Bioschwein-Tiermehl und Biorind-Tiermehl aufbauen, was logistisch in den nächsten Jahren kaum zu bewerkstelligen sein dürfte.

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