Nr. 34/2006 vom 24.08.2006

Deutsche Bonanza

Klaus Modicks neuer Roman ist eine ebenso unterhaltsame wie böse Satire auf den Literaturbetrieb - und gerade jetzt besonders aktuell.

Von Eva Pfister

«Höchste Zeit, die Wahrheit zu sagen.» Der neue Roman des Oldenburger Autors Klaus Modick ist ein Bekenntnis - das Bekenntnis eines Fälschers. Der Literaturbetrieb ist in seinen Mechanismen so berechenbar, dass es ein Leichtes ist, einen Bestseller zu produzieren, so lautet seine Botschaft. Icherzähler Lukas Domcik befolgt einfach die Lehren seines Lektors beim Lindbrunn-Verlag, der angesichts eines Exposés über zwei Fragen nachdenkt: «Was würde Hollywood dazu sagen?» und «Wie lässt sich ein Produkt im Markt positionieren?»

Dieser zum Produktmanager mutierte Lektor legt seinem Autor das Genre der Dokufiktion ans Herz, insbesondere zum Thema deutsche Vergangenheit. Denn wunderbar verkäuflich seien nach wie vor alle Bücher mit authentischem Touch zu Krieg, Faschismus und Holocaust. Einwände lässt der Lektor nicht gelten: «... fest steht allemal, dass die Aufarbeitung der deutschen Schande zu einem kulturindustriellen Faktor ersten Ranges geworden ist, zu einer multimedialen Bonanza» - und ohne die «hätten es Böll und Grass nie zum Nobelpreis gebracht».

Beim Namen Grass zuckt man zusammen, aber Klaus Modick kann beim Schreiben seines Romans noch nichts von Grass’ spätem Geständnis gewusst haben, das nun - beabsichtigt oder nicht - zum Verkaufsmotor seines neuen Buches wurde: Waffen-SS als Verkaufsargument! Modick, der als Erzähler oft schon die Bedingungen seines Schreibens reflektierte (zuletzt in seinem «Vatertagebuch»), studierte nur die Mechanismen des Marktes und schildert süffisant, wie die Medien, pawlowschen Hunden gleich, auf bestimmte Themen reagieren. Darum bearbeitet sein Autor Domcik die pseudoliterarische Hinterlassenschaft einer Grosstante - Liebesgedichte, Elogen auf den Nationalsozialismus, aus späterer Zeit katholischer Bekennerschwulst - zum Werk einer ganz anderen Person: Tante Thea kommt noch während des Kriegs zu tieferen Einsichten und verliebt sich in einen jüdischen Arzt. So entsteht nach dem Muster Verblendung - Bekehrung - Happy End «Die Odyssee einer tapferen Frau durchs Tausendjährige Reich».

Mit Vergnügen liest man das von Klischees strotzende Exposé, das im Lindbrunn-Verlag begeisterte Reaktionen auslöst. Zumal Domcik auch nicht vergessen hat, eine passende Autorenfigur zu präsentieren: Die junge Engländerin Rachel, Hilfskellnerin und Möchtegernschauspielerin, macht er zur Halbjüdin und Grossenkelin von Tante Thea. Nicht nur, weil er sich in das Mädchen verguckt hat, sondern weil er weiss, «dass derzeit in Deutschland gut aussehende Mädchen und junge Frauen, die das ABC auswendig konnten und mit der Tastatur eines Computers halbwegs zurechtkamen, in der Riege des literarischen Fräuleinwunders beste Karrierechancen hatten».

Man sieht, Domciks (oder Modicks?) Seitenhiebe sind nicht eben fein. Dies und dass man den fiktionalen nicht so recht vom realen Autor trennen kann, schaden manchmal dem Buch. Lukas Domcik ist sicher nicht zufällig ein Anagramm des Autorennamens. Aber zunächst zeichnet Modick seinen Icherzähler durchaus als eigenständige Figur: Domcik ist ein eher einfältiger, geschwätziger und eitler Schreiberling, dessen Blick auf die Welt und den Literaturbetrieb auch von der Dackelperspektive des Zukurzgekommenen gefärbt ist.

Mit der Zeit aber mischen sich klügere Passagen des Autors dazwischen, der einfach keine bissigen Kommentare auslassen kann. Sie machen ihm sichtlich Spass, ebenso die persiflierenden Texte: vom Waschzettel des Verlags bis zu den Rezensionen seines Bestsellers. Die sind nur in jenen Zeitungen kritisch, in denen der Verlag keine Inserate publizieren liess. Satire oder schon Realität?

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