Nr. 35/2006 vom 31.08.2006

Und jetzt das Dach

Von Alfons Ummenhofer

Wer klettert, interessiert sich vor allem für Schwierigkeitsgrad, Zustieg und Mythos einer Route. Schwierigkeiten und Mythen bieten die Churfirsten mit Chäserrugg, Hinterrugg, Schibenstoll, Zuestoll, Brisi, Frümsel und Selun genug - diese sieben Berge haben neben dem Alpstein und dem Rätikon ihren festen Platz in der gedanklichen Kartografie zahlloser Kletterbegeisterter.

Früh schon kursierten Routennamen wie Chico Mendez und Anchorage in der oberschwäbischen Kletterhalle, in der wir uns im Winter immer treffen. Aber wo genau verlaufen diese Routen? Wie kommt man zum Einstieg, und wie gross sind die Schwierigkeiten? Mit Thomas Wältis «Kletterführer», 1995 publiziert, kam Klarheit auf: Er verhalf uns zur nötigen Übersicht. Wer den Blick jedoch öffnen will über die Frage hinaus: «Wie schaffe ich es bis zum nächsten Bolt?», der oder die sollte zu Emil Zopfis neuem Buch greifen. Denn schon beim ersten Durchblättern taucht man buchstäblich ein in diese Welt der vertikalen Zacken und Wände über dem Walensee.

Thomas Wälti ist einer der AutorInnen, die Zopfi für sein Buch «Churfirsten - über die sieben Berge» gewinnen konnte. Wälti und Zopfi schreiben angenehm unspektakulär über die modernen Klettereien in den Wänden. Es klingen immer der Respekt und die für die alpinen Felsfahrten nötige Ernsthaftigkeit durch. Und wenn man ihre Schilderungen liest, stellt sich das klamme Gefühl wieder ein, das einen trotz des zwischenzeitlich gut gesicherten Zustiegs zur Zuestollsüdwand begleitet. Der nach unten geschichtete Kalk in der ersten Seillänge der Route Chico Mendez, in der man schon sehr genau auf seine Füsse schaut, ist sofort wieder präsent.

Mit angenehmer Spannung lesen sich auch die anderen Beiträge des Buches, man erfährt einiges über diese Bergkette. Die Alpen Tschingla und Schwadis hat man schon öfter von weit oben betrachtet, von nun an gehört Jörg Hobys Bericht über einen Sommer auf der Alp mit zu diesem Bild. Horizonterweiterung eben. Nach der Lektüre von Hans Mohrs Beitrag über die Entstehungsgeschichte des Gebirgsstocks kommt sogar Lust auf, einmal vom Walensee aus auf den Gipfel des Zuestolls zu wandern.

Doch dann fällt der Blick beim Zuklappen des Buches auf das Foto auf der Umschlagrückseite (es zeigt den Überhang in der Südwand des Chäserruggs) - und es gibt nur noch einen Gedanken: «Lass uns dieses verdammte Dach machen!»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch