Nr. 38/2006 vom 21.09.2006

Keine Gnade für Pippi

Von Marcel Hänggi

Fred war ein Junge mit einer ausgeprägten Fantasie. Er war glücklich in Tagträumen, worüber er oft die Hausaufgaben vergass. In der Schule schrieb er durchschnittliche Noten - obwohl ein IQ-Test ihn als überdurchschnittlich intelligent ausgewiesen hatte. Sein Kinderpsychiater diagnostizierte die Aufmerksamkeitsstörung ADS, behandelte diese medikamentös - und Fred schrieb die erwarteten Bestnoten.

Fred ist eines von vielen Beispielen aus «No Child Left Different» (Kein Kind darf anders sein). Der Sammelband vereinigt Aufsätze über psychische Störungen von Kindern - oder besser: über Abweichungen von der Norm, die von Eltern, BetreuerInnen oder ÄrztInnen als Störungen empfunden und behandelt werden. Wobei, wie das Beispiel Fred zeigt, sogar der Durchschnitt als Abweichung betrachtet werden kann, wenn Eltern mehr als Durchschnitt erwarten.

Der Titel des Buchs ist eine Anspielung auf «No Child Left Behind» (Kein Kind soll zurückbleiben), das Motto eines US-Bundesgesetzes zur Schulreform. Die AutorInnen - Kinderärzte, Psychiaterinnen, Psychologen - halten beunruhigt fest, dass die Norm immer enger gefasst werde, dass also immer mehr Kinder als behandlungswürdig «anders» gälten. Und dass echte oder vermeintliche Störungen immer öfter nur biomedizinisch verstanden und medikamentös behandelt würden, während Umweltfaktoren vergessen gingen. Die HeldInnen der Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf oder Huckleberry Finn würden heute wohl auf Medikamente gesetzt, schreibt Herausgeberin Sharna Olfman, Professorin für Psychologie an der Universität in Pittsburgh.

Besonders deutlich werden die Trends bei den Diagnosen «Depression» und «Aufmerksamkeitsstörung». Immer mehr «depressive» Kinder erhalten Medikamente, deren Wirkung auf das kindliche Gehirn noch weitgehend unerforscht ist. Die Verschreibung von Ritalin gegen Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung - alles andere als eine klar definierte Krankheit - hat in den neunziger Jahren um über 700 Prozent, die von Amphetaminen insgesamt um 2000 Prozent zugenommen.

Die Zahlen stammen aus den USA, das Buch richtet sich an ein US-Publikum. Wenn wir es dennoch zur Lektüre empfehlen, so deshalb, weil sich ein Blick nach Amerika oft lohnt: Hier werden Trends sichtbar, wenn sie in Europa noch kaum auffallen. Das Buch zeichnet eine Gesellschaft, die Eltern zum Vollzeitarbeiten (oder mehr) zwingt, Kindern mit ihren Macken immer weniger Raum lässt, sie mit Mediengewalt und Inseraten überschwemmt (ein US-Teenager soll in einem Jahr um die 40000 TV-Spots sehen) und öffentliche Schulen kaputtspart - und die diese Kinder mit Medikamenten ruhig stellt, um nichts an ihrer mörderischen Leistungs- und Konsumlogik ändern zu müssen.

In der Schweiz ist die Situation gewiss nicht so dramatisch. Doch wenn man betrachtet, in welche Richtung die Reformen des Gesundheitswesens zielen, die Bundesrat Pascal Couchepin anstrebt; wenn man ausserdem in Rechnung stellt, wie der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Forschung auch in der Schweiz steigt (und bewusst forciert wird), so ist die Tendenz hier wie da dieselbe.

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