Nr. 41/2006 vom 12.10.2006

Seit die Ziegen weg sind

Im Berggebiet breitet sich der Wald aus. Was sind die Folgen? Was passiert mit den BäuerInnen? Ein Forschungsprogramm sucht Antworten.

Von Bettina Dyttrich

Stellen wir uns vor: Der neoliberale Traum wird Wirklichkeit. Der freie Markt bestimmt die Regeln. Umweltschutz- und andere Gesetze, die die Freiheit der Unternehmen einschränken, werden abgeschafft. Wer Land besitzt, darf es nach Belieben verbauen. Die Landwirtschaft wird totalliberalisiert, die BäuerInnen müssen sich ohne Unterstützung auf dem Weltmarkt behaupten. Der Service public ist ebenfalls passé, Dienstleistungen gibt es für alle, die es sich leisten können. Wohin entwickeln sich die Schweizer Alpen unter diesen Bedingungen?

Häuser und Bäume sind die Gewinner. Das Engadin, Davos und die anderen grossen Kurorte werden grossflächig verbaut. Rundherum das Gegenteil: Die BergbäuerInnen haben auf dem freien Markt keine Chance. Dörfer zerfallen, der Wald breitet sich aus, unterbrochen von ein paar Golfplätzen und gut versteckten Mülldeponien. Das wäre die «alpine Brache» mit einigen «alpinen Resorts» darin, wie sie das ETH-Studio Basel um das Architektenduo Herzog und de Meuron letztes Jahr in seinem «städtebaulichen Porträt» skizzierte.

Die heimliche Rückkehr

Mehr Siedlungen, mehr Wald: Die Entwicklung geht tatsächlich in diese Richtung. «Der Wald nimmt im Schweizer Berggebiet schon seit mehr als hundert Jahren zu», sagt Priska Baur. «Nur ist das ausserhalb von Fachkreisen wenig bekannt, weil global viele Wälder bedroht sind. Die Leute haben die Bilder von Regenwaldrodungen im Kopf.» Priska Baur ist Agrarökonomin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 48 hat sie ein Forschungsprojekt zur Waldausdehnung in den Alpen geleitet.

«Der Wald dehnt sich praktisch nur an Grenzertragsstandorten aus», sagt Priska Baur. Das sind Orte, die so wenig Ertrag abwerfen, dass sich die Landwirtschaft unter heutigen Bedingungen nicht lohnt. Rund zwei Drittel der Flächen, die Ende des 20. Jahrhunderts verbuscht oder verwaldet sind, liegen im Sömmerungsgebiet, das heisst auf Alpen, für die es anders als für die Landwirtschaftszone keine flächenbezogenen Direktzahlungen gibt. Es sind vor allem hoch gelegene, steile, steinige und schlecht erschlossene Flächen, die bereits in der Nähe von Wäldern liegen. «Es gibt jedoch auch Flächen, die unerwartet einwachsen», sagt Priska Baur. «In Tujetsch fanden wir zum Beispiel eine wenig steile, recht gut zugängliche Heuwiese, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewirtschaftet wird. Das Heuen lohnte der Ertrag nicht mehr. In solchen Fällen werden Wiesen häufig in Weiden umgewandelt. Hier war das aber nicht möglich, weil es kein Wasser für die Tiere hat.»

«Die Waldzunahme im Schweizer Berggebiet kann als Wohlstandsphänomen interpretiert werden», erklärt Baur. «Heute ist es nicht mehr überlebensnotwendig, jeden mageren Steilhang zu nutzen. Die Wohlstandszunahme lässt sich an der Entwicklung der Ziegenbestände zeigen. Die Ziege leistete früher als ‹Kuh des armen Mannes› einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der Menschen. Die Ziegen frassen die jungen Bäume ab. Im gleichen Mass, wie der Wohlstand zunahm, sank die Zahl der Ziegen - und der Wald dehnte sich aus.»

Wie sieht sie als Ökonomin die Ausbreitung des Waldes? Bringt sie Einnahmen? «Nein», sagt Baur, «dort, wo sich die Landwirtschaft nicht lohnt, ist meist auch die Forstwirtschaft unrentabel.» Dennoch bewertet die Forscherin die Entwicklung nicht einfach negativ. «Die Kulturlandschaft, an die wir gewöhnt sind, ist immer weniger das Abbild unserer heutigen Lebensweise. Sie zu erhalten, hat einen Preis.»

Künstliche Vielfalt

Eine andere Perspektive, sozusagen den Blickwinkel der Wiese, hat Jürg Stöcklin. Er arbeitet am Botanischen Institut der Universität Basel und hat sich bereits in seiner Doktorarbeit mit Grasland beschäftigt. Stöcklin sieht die Zunahme des Waldes im Alpenraum kritisch: «Ich möchte warnen vor romantischen Wildnisvorstellungen. Wir können uns kaum mehr vorstellen, wie homogen und eintönig die Naturlandschaft war. Die Landschaftselemente der Kulturlandschaft - trockene und feuchte, gedüngte und ungedüngte Wiesen und Weiden, Äcker, Hecken, Lesesteinhaufen - haben eine viel grössere Biodiversität als die einstigen Wälder. Und wenn heute Wiesen und Weiden zuwachsen, ist das ja noch kein ‹Urwald›, sondern es geht zuerst einmal etwas verloren.»

Was verloren geht, hat Stöcklin genau untersucht. «Wie prägen Kulturtraditionen und Landnutzung die biologische Vielfalt von Wiesen und Weiden der Alpen?», ist die Grundfrage des Forschungsprojekts 10 des NFP 48, das er mitgeleitet hat. Die Forschenden untersuchten 216 Graslandparzellen: Wiesen, Weiden und aufgegebene, zuwachsende Flächen. «Je vielfältiger eine Landschaft genutzt wird, desto höher ist die Artenvielfalt. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse», sagt Jürg Stöcklin. Die Artenvielfalt war auf den aufgegebenen Flächen deutlich tiefer als auf Wiesen und Weiden.

Jürg Stöcklin und seine KollegInnen haben nicht nur Blumen gezählt, sondern sich auch mit kulturellen Faktoren beschäftigt. Denn die verschiedenen Kulturtraditionen in den Alpen, die romanische, germanische und Walser-Kultur, zeichnen sich durch unterschiedliche Nutzungsformen aus. Die romanische Alpenkultur im Tessin, im Wallis und in den rätoromanischen Gebieten Graubündens ist mehr als 2000 Jahre alt. Typischerweise bestehen die Dörfer aus eng beieinander stehenden Häusern, der Ackerbau spielte bis vor wenigen Jahrzehnten eine wichtige Rolle, und die Aufteilung des Erbes auf alle Kinder führte zu sehr kleinen Parzellen. In den germanischen Gebieten, am Alpennordrand und in der Innerschweiz, erfolgte die Besiedlung erst im frühen Mittelalter, typisch sind Streusiedlungen und die Konzentration auf Viehzucht. Das Erbe wurde als Ganzes einem Sohn übergeben. Die Grenzen zwischen den beiden Kulturen sind meistens identisch mit den Sprachgrenzen, jedoch nicht immer: So sind das Greyerz und die Waadtländer Alpen germanisch geprägt. Die Walser sind ein Spezialfall, sie wanderten im Hochmittelalter aus dem Wallis weg, siedelten vor allem in hohen Lagen und konzentrierten sich neben der Viehwirtschaft stark auf Handel und Saumverkehr.

Grüne RomanInnen?

Doch spielt das alles heute, in der globalisierten Schweiz, überhaupt noch eine Rolle? Das Team von Jürg Stöcklin untersuchte die sozioökonomischen Verhältnisse von 140 Gemeinden. Es trug Fakten in allen Bereichen zusammen: über die Nutzung des Bodens, die Beschäftigten nach Sektoren, die Altersstruktur, die politische Ausrichtung und vieles mehr - und insbesondere über die Landwirtschaft. Es zeigte sich: Die Unterschiede zwischen den Kulturtraditionen sind heute noch signifikant. In den untersuchten Walser-Gemeinden sind vierzig Prozent der Berufstätigen im Agrarsektor beschäftigt, doppelt so viele wie in den germanischen Gemeinden. Dort ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe weitaus am stärksten gesunken. In den germanischen Gemeinden liegt der Anteil der Biobetriebe bei zwanzig Prozent, in den romanischen bei neunzig. Auch der Anteil ökologischer Ausgleichsflächen ist in den romanischen und den Walser-Gemeinden viel höher als in den germanischen. Wie zu erwarten, haben die Forschenden in den romanischen und Walser-Gebieten eine höhere Biodiversität gefunden als in den germanischen.

«Die germanischen Gebiete liegen näher beim Mittelland, viele Leute pendeln in die grossen Städte», erläutert Jürg Stöcklin. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hat früher begonnen und sich stärker ausgewirkt als in den romanischen und Walser-Gebieten. Trotzdem können wir diese grossen Unterschiede nicht nur sozioökonomisch erklären. Es gibt offenbar auch unterschiedliche Mentalitäten.»

Auf den 216 Parzellen in zwölf Gemeinden aller drei Kulturtraditionen führten die Forschenden detaillierte Studien durch: Sie zählten die Pflanzenarten, massen die Biomasse, erhoben Daten über Fressfeinde und Krankheitserreger. Beim Alpenrispengras untersuchten sie auch die genetische Vielfalt. Jürg Stöcklin: «Was die genetische Vielfalt betrifft, verstehen wir vieles noch nicht. Aber wir wissen, dass sie die Voraussetzung ist für die weitere Evolution.» Heisst das, es entstehen in Zukunft verschiedene Arten daraus? «In sehr langen Zeiträumen, ja. Kurzfristiger ist die genetische Vielfalt die Voraussetzung für die Anpassung an Veränderungen, zum Beispiel an die Klimaerwärmung. Verändert sich das Klima, kann sich eine Art entweder anpassen, wandern - wenn sie dafür genug Zeit hat - oder aussterben.»

Verlustspiel mit Risiko

Doch braucht es diese hohe Biodiversität überhaupt? Ginge es nicht auch mit etwas weniger? Diese Fragen hört Jürg Stöcklin immer wieder. «Wir können das nicht beantworten, weil wir nicht wissen, was in Zukunft einmal wichtig sein wird. Wir wissen nicht, welche Arten entscheidend sind und auf welche wir ohne Not verzichten könnten.» Wenn es um den Wert der Biodiversität geht, legt sich Jürg Stöcklin ins Zeug. Er erwähnt Argumente der Ethik und Ästhetik, der Ökologie - ein vielfältiges Ökosystem kann seine Aufgaben besser erfüllen, es produziert saubere Luft, Trinkwasser und so weiter. Er weist auf die internationalen Abkommen hin: Die Schweiz hat sich in der Biodiversitätskonvention von Rio de Janeiro verpflichtet, ihre Biodiversität zu erhalten. Und alte Nutzpflanzen und Nutztiersorten könnten plötzlich auch ökonomisch wieder wichtig werden, den BergbäuerInnen ein Einkommen sichern.

Für Jürg Stöcklin sind die Forschungsergebnisse ein wichtiges Argument für die Erhaltung der Berglandwirtschaft. «Es ist uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Biodiversität ein Kulturprodukt ist, dass die Bauern eine enorm wertvolle Leistung erbringen, indem sie diese Landschaften erhalten.» Doch die Intensivierung der Landwirtschaft auch im Berggebiet führt zu einer Verarmung der Landschaft. Das sieht auch Jürg Stöcklin: «Die Umstellung von Produktesubventionen auf Direktzahlungen war gut, aber das heutige Direktzahlungssystem fördert immer noch zu stark die Intensivierung. Die Direktzahlungen sollten noch stärker an ökologische Leistungen gebunden werden, als dies heute der Fall ist.»

Ökologischer, aber wie?

Doch wohin entwickeln sich die Schweizer Alpen wirklich? Wie entscheidet sich der Match des Waldes gegen die Wiesen und Weiden? Zumindest für Mittelbünden gibt es Prognosen. Fachleute von der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) haben die Auswirkungen der Landwirtschaftspolitik auf sieben Gemeinden um Savognin und Alvaneu untersucht. Sie entwickelten acht Szenarien, von der Liberalisierung auf EU-Niveau (mit halbierten Direktzahlungssätzen) über das Beibehalten der heutigen Direktzahlungssätze bis zum Modell «regionale Wertschöpfung», in dem die Vermarktung regionaler Nischenprodukte zu einem Mehreinkommen führt.

Die Resultate zeigten, dass bei einer Liberalisierung das bäuerliche Einkommen so stark sinkt, dass ohne Nebenverdienst gar nichts mehr geht. Fast ein Fünftel der heute genutzten Flächen im Tal und auf Maiensässstufe fiele brach und wüchse zu. Der Anteil der einwachsenden Flächen im Sömmerungsgebiet dürfte noch höher sein, da die Zahl der gealpten Tiere stark zurückginge. Wenn gleichzeitig eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht, also die BäuerInnen keine Nebenjobs finden, wird es kritisch: Denn 26 der untersuchten 63 Betriebe müssten bis 2015 aufgeben.

Und was passiert, wenn das Direktzahlungssystem ökologisch umgebaut wird, wie das der Botaniker Jürg Stöcklin fordert? Auch dazu liefert die ART zwei Szenarien. In den Szenarien «Landschaft und Ökologie» gibt es eine Nutzungsvorgabe und höhere Beiträge für ökologisch wertvolle Flächen. Flächenbeiträge, Sömmerungsbeiträge (Zahlungen für gealpte Tiere) und Entschädigungen für steile Hänge werden hingegen radikal gekürzt. Die Auswirkungen würden die BäuerInnen nicht freuen: Fünfzehn Prozent der Nutzfläche würde aufgegeben, fast so viel wie bei einer Liberalisierung. Das landwirtschaftliche Einkommen sänke ebenfalls sehr tief. Dann wäre ein solcher Umbau also gar nicht ökologisch, sondern kontraproduktiv?

Jürg Stöcklin sagt: «Das Resultat hängt stark davon ab, wie die Zahlungen konkret gestaltet werden. Die ART hat in ihren Szenarien zum Beispiel die Hangbeiträge massiv gekürzt. Dann lohnt sich die Bewirtschaftung der Steilhänge nicht mehr. Das ist ein Grund für den hohen Anteil der aufgegebenen Flächen. Man könnte ein ökologisches Szenario auch ganz anders ausgestalten.»

Eine kleine Änderung im Direktzahlungssystem - und schon wird eine Wiese zum «Grenzertragsstandort», den der Wald übernimmt. Ob es grossflächig so kommen wird, hängt stark von der Landwirtschaftspolitik der nächsten Jahre ab. Und letztlich davon, was die Berglandwirtschaft den UnterländerInnen wert ist.

NFP 48

Zum Nationalen Forschungsprogramm 48 (NFP 48) «Landschaften und Lebensräume der Alpen» gehören 35 Forschungsprojekte aus diversen Fachrichtungen von der Botanik bis zur Volkskunde. Das NFP hat sich zum Ziel gesetzt, «die Diskussion über die Zukunft dieses Lebensraums und die aktive Gestaltung von Prozessen, die eine nachhaltige Nutzung dieser Ressource ermöglichen», zu unterstützen. Der Begriff «nachhaltig» wird mit «gesellschaftlich wünschbar, ökologisch vertretbar und wirtschaftlich tragbar» definiert. Zur Frage, was das genau bedeutet und ob eine solche Vereinbarkeit von Ökologie, Sozialem und Rentabilität überhaupt möglich ist, gibt es jedoch keine Ausführungen. Das NFP 48 begann 2002 und läuft noch bis 2007. Heute sind 33 der 35 Forschungsprojekte abgeschlossen. Der erste Teil der Synthese des Forschungsprogramms wurde am 27. September in Flims präsentiert. www.nfp48.ch

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