Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

Das Bauerngift

Die Organisation Erklärung von Bern (EvB) macht Druck auf Syngenta. Sie ruft die Schweizer Bevölkerung dazu auf, an einer Abstimmung im Internet teilzunehmen. Es geht um den Verkauf sehr gefährlicher Pestizide.

Von Esther Banz

EvB lügt! EvB lügt!! EvB lügt!!! Guy-Michel Wolff, Medienbeauftragter der Syngenta, kann es nicht anders ausdrücken. Für ihn ist klar: Alle Fakten, alle Aussagen der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern sind falsch. Und böswillig. Selbst das erste Kampagnensujet, mit dem die EvB vor knapp zwei Wochen in Inseraten ihren öffentlichen Prozess gegen Syngenta startete, bezeichnete Wolff gegenüber persoenlich.com als «scheinbar manipuliert».

Die Fotografie zeigt Rajammah Murugesu, 46, Plantagenarbeiterin in Malaysia. Sie ist auf einem Auge erblindet - weil ihr bei der Arbeit versehentlich Paraquat ins Gesicht spritzte. Um den im Syngenta-Produkt Gramoxone enthaltenen Wirkstoff Paraquat geht es in der EvB-Kampagne. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die NGO wegen des Pestizids mit dem Basler Agropharma-Giganten anlegt. Aber dieses Mal soll das letzte Mal sein. Denn das Ziel lautet: Syngenta nimmt das hochgiftige, Menschen krank machende Pestizid Paraquat endlich vom Markt. Unterstützt wird die EvB von über vierzig weiteren Organisationen, darunter Greenpeace, Helvetas, Swissaid und Pesticide Action Network. Deren Asien-Präsidentin Irene Fernandez, Trägerin des alternativen Nobelpreises 2005, berichtete diese Woche in Bern detailliert von den Paraquat-Opfern in Malaysia. Unterstützung erhofft sich die EvB nun aber auch von der Schweizer Bevölkerung: Die Kampagne ist als öffentlicher Prozess aufgezogen, im Internet kann jeder und jede seine Stimme abgeben und für «schuldig» oder «nicht schuldig» plädieren. Bis dato sagen über 9000 TeilnehmerInnen: «Schuldig!» (achtzig plädieren für «nicht schuldig»). Laut Oliver Classen hofft die EvB, mit dieser neuen Art von Kampagne einen Präzedenzfall zu schaffen für die angestrebte Demokratisierung der Wirtschaft.

Die EvB hat auf den Bildmanipulationsvorwurf reagiert und der Presse ein Video mit dem Opfer gezeigt, ein Interview, in dem die Malaysierin noch einmal schildert, wie es dazu gekommen ist, dass sie wegen des Syngenta-Pestizids erblindete. Guy-Michel Wolff krebst noch am selben Tag zurück - was den Bildmanipulationsvorwurf betrifft. Er schreibt der WOZ in einer E-Mail: «Das (die in persoenlich.com gemachte Anschuldigung) war ein persönlicher Kommentar, off-record. Ich möchte das nicht weiter kommentieren (…)» Und am Telefon doppelt er nach: «Ich habe mich da etwas aus dem Fenster gelehnt.» Man sei ja daran gewöhnt, dass manipuliert werde.

Worum gehts eigentlich, weshalb reagiert Syngenta derart unüberlegt auf eine Kampagne der EvB? Paraquat, der besagte Pestizidwirkstoff, ist hoch effizient - auch gegen Menschen. Seit Jahren klären verschiedene internationale Organisationen über die Gefahr des Pestizids Schweizer Herkunft auf und verlangen Verbote. In der Schweiz selber ist Paraquat seit 1990 nicht zugelassen. Wie auch in andern Ländern Europas. In Deutschland ist das Mittel das einzige von 345 zugelassenen Herbiziden, das mit dem Totenkopflogo und einem T+ versehen ist, und das bedeutet: Achtung! Hochgradig giftig!

Es bedarf vollumfänglicher Schutzvorkehrungen, damit sich der Bauer oder die Sprüherin bei der (täglich stundenlangen) Anwendung des effizienten Unkrautvernichtungsmittels nicht selber gefährdet: Schutzmaske, Schutzbrille, Schutzanzug, Schutzstiefel. Damit kann das Risiko verkleinert werden, dass es zu unmittelbaren Symptomen wie Nasenbluten und Hautverätzungen oder zu gravierenden gesundheitlichen Schäden wie eben Erblindung kommt. Noch wenig ist über die Langzeitschäden bekannt, aber Studien weisen auf chronische Lungenschäden und Parkinson hin.

Die von Syngenta dringlich empfohlenen Vorsichtsmassnahmen könnten in Europa und den USA umgesetzt werden. Nicht so in den Ländern des Südens mit oft tropischen Verhältnissen. Hier geht der Bauer in Sandalen (seine einzigen Schuhe) oder sogar barfuss aufs Feld. Die Kosten für all die Körperschutzuntensilien würden ganzen Wochen- oder sogar Monatsbudgets einer Familie entsprechen. Kommt hinzu, dass die Betroffenen in diesen Ländern die Warnungen auf der Paraquat-Verpackung oft gar nicht verstehen, weil sie nie lesen gelernt haben. «Wir gehen deshalb in diesen Ländern in die Schulen», sagt Syngenta-Sprecher Guy-Michel Wolff, denn so würden immerhin die Kinder ihre Paraquat-anwendenden Eltern über die Gefahren des Pflanzengiftes aufklären können. Tatsache ist: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von jährlich mindestens 20000 Todesfällen durch die Anwendung von Pestiziden aus (Stand 2002) aus. Guy-Michel Wolff hat wohl recht, wenn er sagt, dass dies nicht «nur» Paraquat betreffe, sondern auch andere Pestizide. Ein neuer, von der EvB in Auftrag gegebener Bericht entlastet die Firma Syngenta aber keineswegs: Trotz der Vorsichts- und Aufklärungsmassnahmen vonseiten der Basler Chemiefirma kommen laut EvB weltweit noch immer Tausende von Menschen durch Paraquat gesundheitlich zu Schaden, allein in Südkorea seien es jährlich 2000. Das ist Beweis genug, dass die Präventivmassnahmen in keiner Weise genügen.

Konzerne delegieren soziale und ökologische Verantwortung gerne nonchalant weiter. Erst recht, wenn es um die Gefährdung von Menschenleben geht. Dass für Guy-Michel Wolff von Syngenta die EvB-Fakten Lug und Trug sind - und man nimmt ihm tatsächlich ab, dass er das im tiefsten Inneren so sieht und empfindet - erstaunt trotzdem. Unglücksfälle aufgrund «missbräuchlicher Anwendung» von Paraquat würden zwar bis nach Basel rapportiert. Aber die vielen Papiere will er der Journalistin nicht zumuten, und deshalb verweist er auf «zwei, drei Beispiele», die er noch mailen könne.

Guy-Michel Wolff beteuert wiederholt, Syngenta investiere Millionen, um die Bauern über die korrekte Anwendung des hochgiftigen Pestizids aufzuklären, sie sogar auszubilden. Das mag stimmen. Auch, dass bei einem Verbot von Paraquat einfach die Konkurrenz in die Lücke springen würde, ohne Vergleichbares zur Unfallprävention zu leisten. Letzteres ist das Lieblingsargument von Syngenta gegenüber jeglicher Paraquat-Kritik. Aber entschuldigt das eventuelle Vergehen anderer Firmen die eigenen Fehler? Ausserdem: Die Fakten der EvB sind hieb- und stichfest und auf www.paraquat.ch nachzulesen. Syngentas Gegenargumente ebenfalls. Bilden Sie sich selber eine Meinung.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch