Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

1:0 für Frieden

Kann Krieg die Welt zu einem friedlicheren Ort machen? In einem Sammelband präsentieren Pazifistinnen und humanitäre Interventionisten ihre Argumente - eine verblüffende klare Sache.

Von Roman Schürmann

Berüchtigt ist sie, die Frage, die dem Pazifismus den Garaus machen soll: «Sie sind mit Ihrer Freundin im Wald, ein Vergewaltiger kommt, Sie haben eine Pistole in der Tasche, was tun Sie?» Der pazifistische Zivildienstantragsteller, der sein Gewissen vorführt, muss kapitulieren, meint der Fragesteller. Oder aber er entlarvt sich selbst als Unmensch. (Wirklich entlarvend ist, dass die Gewissensprüfung hierzulande immer noch existiert.)

Tatsächlich gibt es den absoluten Pazifismus, der auf jegliche Gewalt verzichtet. Der Jainismus, eine indische Religion, schreibt Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen vor; die Frutarierinnen ernähren sich nur von Pflanzenteilen, die ohne Schaden für die Pflanze gewonnen werden können. Christen, daran sei wieder einmal erinnert, halten dem Aggressor eigentlich auch die andere Wange hin. Die meisten Menschen, die sich selbst als PazifistIn bezeichnen, gehen aber nicht so weit. Für sie heisst Pazifismus, dass sie die Sinnlosigkeit des Kriegs erkannt haben und dieses Mittel als untauglich für die Lösung von Problemen und die Förderung des Friedens erachten.

Nie wieder Krieg?

Eine erste Blüte erlebte der Pazifismus nach dem unerwartet mörderischen Ersten Weltkrieg - «Nie wieder Krieg!» war eine weithin akzeptierte Forderung. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der Nuklearpazifismus - «Nie wieder Krieg!», weil auch ein klitzekleiner Konflikt einen weltweiten Atomkrieg mit verheerenden Folgen auslösen kann. Endlich eine friedliche Welt, meinten viele nach 1989; die neunziger Jahre waren aber desillusionierend - «Nie mehr Krieg», so schien es, hiesse, auf gewaltsame humanitäre Interventionen zur Friedenserzwingung verzichten. Lieber ein guter gerechter Krieg, als dem Unheil tatenlos zuschauen, sagten viele ehemalige FriedensaktivistInnen. Auch im andauernden «Krieg gegen Terror» ist Kritik an militärischer Gewalt verdächtig. Was ist mit dem Pazifismus los?

In Bedrängnis sei er geraten, finden Barbara Bleisch und Jean-Daniel Strub, die eben einen Sammelband dazu herausgegeben haben. «Pazifismus - Ideengeschichte, Theorie und Praxis» versammelt siebzehn Beiträge (darunter sechs englische). Bleisch und Strub, beide am Ethik-Zentrum der Uni Zürich beschäftigt, haben eine sehr nützliche Einleitung verfasst, die übersichtlich ins Thema einführt, die verwendeten Begriffe klärt und den aktuellen Forschungsstand darstellt - möglichst neutral, versteht sich.

Situationen ohne Zusammenhang

Das Buch hat aber einen verblüffenden Effekt. Vielleicht ist er damit zu erklären, dass die PazifistInnen «immer schon» gewohnt waren, «unter Legitimationsdruck zu stehen», wie es in der Einleitung heisst. Zwar kommen beide Seiten im eher erbitterten Streit zu Wort, doch die Argumente der PazifistInnen sind um Längen fundierter, logischer, zwingender.

Das Problem der NichtpazifistInnen ist, dass sie die Fragestellung nicht umfassend verstehen. Sie präsentieren Situationen ohne Kontext, die eine einfache Entscheidung verlangen. Dass die Welt meist etwas komplexer ist und alternative Handlungsmöglichkeiten bestehen, entgeht ihnen. So erneuert Jan Narveson, emeritierter Philosophieprofessor aus Kanada, seine bereits 1965 erstmals publizierte und oft zitierte Kritik am Pazifismus. Doch wenn es darum geht, eine Haltung gegenüber Staaten einzunehmen, die Unrecht tun, gibt es für ihn nur Krieg oder unmoralische Passivität. Dabei zeigt etwa der deutsche Friedensethiker Michael Haspel, dass zivile Konfliktbearbeitung - bei relativ vernachlässigbaren Kosten - immense Möglichkeiten bietet. NichtpazifistInnen ignorieren auch die Wirkungen der Existenz von Waffenindustrien, Armeen und militärischem Denken. Haspel macht deutlich, «dass es einen zumindest mittelbaren Zusammenhang gibt zwischen den ökonomischen Faktoren, die zum Hungerproblem beitragen, und militärischer Rüstung und militärischer Gewalt».

Exemplarisch dafür, wie die PazifistInnen viel weiter denken, ist der Beitrag von Robert L. Holmes, Philosophieprofessor an der Universität Rochester, der fast pedantisch alle Argumente der gerechten KriegerInnen behandelt und entkräftet. Philipp Smith, Quäker und Philosophieprofessor in Oregon, stellt fest, dass die VertreterInnen der Theorie des gerechten Krieges, so sie ihre Theorie ernst nehmen, in der Praxis eigentlich pazifistische Positionen vertreten - da die Regeln des gerechten Kriegs nur in einem einzigen Fall sicher eingehalten werden: wenn der Krieg gar nicht stattfindet.

Logische Munition

Der «erkenntnistheoretische Versuch gegen die humanitären Kriege», den Olaf L. Müller, Philosophieprofessor an der Berliner Humboldt-Universität, vorlegt, ist der insgesamt gelungenste Beitrag. Mit Witz und Verve verfasst, liefert er nicht nur Munition gegen die MilitärinterventionistInnen, sondern beschreibt am Beispiel Kosovo auch eine leider nur ansatzweise realisierte Alternative zu den Nato-Bombardierungen.

Schliesslich äussern sich PolitikerInnen aus dem linken Spektrum. Beim Versuch zu erklären, weshalb ihre Parteien in den letzten Jahren alte pazifistische Überzeugungen aufgegeben haben und für bewaffnete Auslandeinsätze plädieren, kommen bei SP-Nationalrätin Barbara Haering und dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei ähnliche Defizite zum Vorschein wie bei den nichtpazifistischen Kameraden im theoretischen Teil. Jo Lang, Nationalrat der Zuger Alternativen, ist dagegen überzeugt, dass die Welt die Schweizer Armee nicht braucht. Viel nötiger sei es, die Uno «gegen all die neoimperialistischen Alleingänge und neokolonialistischen Sonderbünde, sei das nun die Nato, die US-Army oder eine EU-Armee, zu stärken». Und die heutige Friedensbewegung müsse sich «mit der globalisierungskritischen und der ökologischen Bewegung inhaltlich und organisatorisch viel stärker verbinden». Damit der Pazifismus die Welt nicht nur theoretisch friedlicher macht.

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