Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Auf wankendem Grund

Im neuen Roman «Im April» kehrt die Autorin zum Ort ihrer Jugend zurück. Diesmal zeichnet sie ihn als Schauplatz geschichtsträchtiger Geheimnisse.

Von Eva Pfister

So richtig wohl ist es den Personen in Christina Viraghs Büchern selten. In «Pilatus» hat Jolan die Höhenkrankheit und verliert ihre Mutter, weil sie nicht schnell genug hinter ihr den Berg hinaufkommt. Andere haben Fieber, wie Selena im neuen Roman «Im April», wo die Leute ausserdem am Föhn leiden. Einige können nicht schlafen, und den meisten ist schwindlig.

Der Schwindel ist ein Symptom für das zentrale Thema im Schreiben von Christina Viragh. 1960 ist sie als Kind ungarischer Emigranten in die Schweiz gekommen, da war sie sechs Jahre alt. «Wer emigriert, hat natürlich den Boden unter den Füssen verloren», sagt die Autorin, und wie einschneidend diese Erfahrung war, merke sie mit fortschreitendem Alter immer stärker. So kreisen alle ihre Bücher um dieses Lebensthema, wobei sich aber Sichtweise und literarischer Zugriff ständig ändern.

Die Matte bei Luzern

In «Unstete Leute», ihrem Erstling aus dem Jahr 1992, liest man die Beschreibung einer traumatischen Ankunft in der Fremde, Erinnerungen an die Verständnislosigkeit der so anders gepolten Menschen, denen Ordnungsliebe und Sauberkeit wichtig sind und die sich von Fremden eher gestört fühlen. Im jüngsten (dem fünften) Roman «Im April» wird die Emigrationserfahrung mit einer heiteren Leichtigkeit erzählt. Das Traumatische, das Unheimliche hat sich in die äussere Umgebung verflüchtigt und beunruhigt Zugezogene wie Einheimische gleichermassen.

«Die These des Buches ist, dass wir alle so leben», sagt Christina Viragh. «Ich möchte dies nicht dahin stilisieren, dass wir alle Emigranten sind. Aber wir stehen alle auf einem Boden, der nicht ganz der unsere ist, weil er auch Vergangenheit in sich trägt. Da waren früher andere Leute und andere Geschichten.»

Der Roman «Im April» springt wagemutig durch sechs Jahrhunderte und erzählt viele Geschichten, die sich zum Porträt eines Ortes zusammenfügen. Dieser Ort heisst Matte und liegt am Stadtrand von Luzern, ein Grundstück, mit dem etwas nicht stimmt. Schon im 15. Jahrhundert weigert sich der Pächter, diese Wiese zu mähen, und die Pferde scheuen, wenn sie darüberreiten sollen. Später steht hier das Bauernhaus der Familie Schacher, in dem sich der Fluch ebenso fortsetzt wie die Tyrannei der Väter. Eine Villa begrenzt die Matte nach der einen Seite, oben im Giebelfenster liegt der Eigentümer mit einem Fernrohr auf der Lauer, man weiss lange nicht, warum. Gerüchte kursieren: Ein Fluch, ein Monstrum, nein, ein Schatz stecke in diesem Boden. Im 20. Jahrhundert wachsen Mietshäuser auf der Matte, darin wohnen in den sechziger Jahren Mari und ihr Vater Ferenc, Emigranten aus Ungarn, denen in ihrer neuen Umgebung nicht nur die Matte rätselhaft vorkommt. Im 21. Jahrhundert lebt in der gleichen Wohnung Selena, die von ihrem Mann ein Kind ertrotzt, dann aber nicht weiss, wie sie mit dem Muttersein umgehen soll und sich in Krankheit flüchtet. Ihr Mann hat seine eigenen Probleme, fühlt sich von einem Doppelgänger verfolgt.

Kleine Doppelgängerfiguren sollen in vorchristlicher Zeit hier in der Erde begraben worden sein, denn der geheimnisvolle Ort war eine Kultstätte, wie ein Hobbyhistoriker herausfindet. Manche Dinge finden so im Laufe des Romans eine Erklärung, andere Geheimnisse lösen sich nur teilweise auf, und was sagenhaft beginnt, findet zu keinem Ende. Christina Viragh spielt virtuos mit den Elementen des Gothic Horror - doch darum geht es ihr nicht. Schon in «Pilatus» (2003 erschienen) erzählen Sagen von Verrat und Verschwinden, aber hinter den Bergstürzen und den biblischen Mythen verbirgt sich die Geschichte eines sehr konkreten Verrats, nämlich desjenigen einer Mutter an ihren Kindern.

«Ich lasse es wachsen»

In diesem Verrat steckt wohl der traumatische Kern im Werk von Christina Viragh, den sie jedoch über die Jahre hinweg nicht blosslegt, sondern stets neu umschreibt. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie sie die Vergangenheit literarisch immer wieder neu befragt, wie sie sich in die Wahrnehmung - eines Geruchs, eines Bildes oder eines Klangs, eines erinnerten Satzes - versenkt und so die Erinnerungen neu erfindet. Denn die sind ebenso fiktiv wie die anderen Geschichten um die Matte, darauf legt die Autorin Wert. Recherchiert habe sie nicht. «Damit ist aber nicht gesagt, dass sie nicht real sind. Solche Geschichten sind einfach vorhanden. Wenn man ein bisschen gräbt, wo immer man sich befindet, stösst man auf Seltsamkeiten.»

Fragesätze durchziehen Viraghs Texte. Sie führen in den früheren Büchern in labyrinthische Innerlichkeitsräume, während sie sich diesmal zu einem Klatschchor oder zu witzigen Dialogszenen auswachsen können. Man spürt direkt, wie die Autorin mit ihren Figuren plaudert. «Im April» ist das humorvollste von Christina Viraghs Büchern, auch das zugänglichste für die LeserInnen. Und obwohl er wie eine kunstvolle Collage wirkt, ist der Roman nicht so entstanden. Die Autorin, die auch als Übersetzerin arbeitet (unter anderem von Imre Kertész und Sándor Márai) und seit zwölf Jahren in Rom lebt, empfindet ihr eigenes Schreiben als etwas Organisches: «Ich lasse es wachsen. Nur im äussersten Notfall würde ich etwas verschieben. Ich habe mich einfach in die Atmosphäre jenes Ortes versenkt, und dann hat es sich wie von selbst erzählt.»

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