Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Wie sind die Dinge ins Ei gelangt?

Wie alle guten Kinder- und Jugendbücher ist «Aller Anfang» eine wunderbare Lektüre für (Vor-)LeserInnen jedes Alters.

Von Christine Tresch

Schöpfungsmythen gehören zu den literarischen Urformen. Was am Anfang war, beschäftigt die Menschheit von jeher. Kein Fortschritt, keine natur- oder geisteswissenschaftliche Erkenntnis hat die Faszination von Beschreibungen rund um diese Leerstelle mindern können. Ja, es scheint sogar, als ob die Lust am Fabulieren über den Anfang unserer Welt und möglicher anderer Welten ein probates Mittel ist, unserem durchmedialisierten, globalisierten Alltag die Narrenmaske vorzuhalten. Zumindest wer Franz Hohlers und Jürg Schubigers neues Buch «Aller Anfang» gelesen hat, sieht die Welt für eine Weile mit anderen Augen.

Die beiden beschäftigen sich schon länger mit Schöpfungsgeschichten. Das Genre begann Franz Hohler nach der Lektüre von Stephen Hawkings «Eine kurze Geschichte der Zeit» zu kitzeln. Er habe, sagte der Autor an der Vernissage von «Aller Anfang», vieles darin nicht verstanden und aus Trotz seine eigene Schöpfungsgeschichte aufgeschrieben. Sie erzählt, wie aus einer Kiste voller Erbsen das Universum entstand. Hohler liess die Geschichte ins Englische übersetzen und schickte sie dem Astrophysiker. Eine Antwort ist bis heute ausgeblieben.

Jürg Schubiger fragt in vielen seiner Bücher nach dem Wesen der Dinge, ihn beschäftigt das Geheimnisvolle im Alltäglichen. Er liefert die Auftaktgeschichte für «Aller Anfang»: Aus einem riesengrossen Ei schlüpft nach und nach die ganze Welt. Schubiger betreibt ein Spiel im Spiel, denn wie ist dieses Ei da hingekommen, und wie sind die Dinge ins Ei gelangt? Franz Hohler beendet das Buch mit einer Geschichte, in der eine Engelschar die zu Brot gewordene Erde genussvoll verzehrt. Zwischen dem Schöpfungsei und der leibhaftig gewordenen Erde entspannt sich ein Schöpfungsreigen bestehend aus 32 Hin-und-her-Geschichten der wundervollsten Art. Hier wird Schreiben zum Welterfinden, und das ist eigentlich die genuine Aufgabe von Literatur.

In einer Geschichte kommt Eva aus dem Ausland auf die Welt und bringt einen Melkstuhl und Hühnerfutter mit; ein anderes Mal trägt ein ungelenker Gott die Schöpfungen einer Göttin auf die Erde und wird seither von den Menschen verehrt. Es wird aber auch von irdischen Schöpfungen erzählt. Von der Prinzessin etwa, die sich einen Prinzen baut, weil alle Männer, die um ihre Hand angehalten hatten, darunter auch ein verkappter Eisbär, ihr zu dumm oder zu hässlich waren. Ihre Schöpfung aber verselbstständigt sich und zieht in die Welt hinaus. Am Schluss ruft sie den Eisbären zurück. Und es wird davon berichtet, wie wir zur Sprache gekommen sind - ein Kuckuck brachte die Worte. Wir lernen das Ektische kennen, eine Ursprache, die nur aus zwei Wörtern bestand, und erfahren weitere nützliche Dinge, woher die Kälte kommt etwa, warum das Kamel einen bösen Blick hat oder die Löwen Fleisch fressen.

Schubiger und Hohler haben sich auf ein Spiel eingelassen, das beiden viel abverlangte. Sie mussten auf die Vorlagen des Partners eingehen, in ihrer neuen Geschichte den Nachklang der alten mitnehmen. Man spürt förmlich, wie die Vorgabe des einen die Fantasie des anderen angeregt hat und wie gross das gegenseitige Vertrauen war. Hier sind zwei am Werk, die sich nichts mehr beweisen müssen und wissen, wo ihre Stärken liegen. Dazu kommt die Dritte im Bunde, Jutta Bauer. Sie wird mit ihren Illustrationen - mal Vignetten, mal ganzseitige Kommentare - diesen Texten auf hintersinnige Weise gerecht. Sie lässt Schöpfer und Geschöpftes noch ganz neu und rein erscheinen, rückt Details in den Vordergrund, fügt verspielte Kommentare hinzu.

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