Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Von Krankheiten gezeichnet, am Leben hängend

«Jedermann» ist ein Roman übers Altwerden und auf seltsame Art autobiografisch.

Von Michael Guggenheimer

Seine erste Frau und Mutter seiner beiden Söhne Randy und Lonny hiess Cecilia, die zweite, Phoebe, war die Mutter seiner Tochter Nancy. Mit Merete, einem dreissig Jahre jüngeren dänischen Model, war er in dritter Ehe verheiratet. Dreimal lebte der «ehemalige Seriengatte» mit einer Frau zusammen, und dreimal wurde er geschieden. Und dazwischen und nebenher hatte er Affären, mit seiner Sekretärin etwa und mit seiner Krankenpflegerin, Affären, von denen er bis zum grossen Zornausbruch seiner zweiten Frau zu Unrecht meinte, sie seien unbemerkt geblieben. Sein sechs Jahre älterer Bruder Howie war zeitlebens kerngesund und in Kalifornien im Bankgeschäft zum Multimillionär geworden. Grund genug zu Eifersucht, auch wenn der Bruder ihm immer wieder in Krisensituationen beigestanden hat. «Er», die Hauptfigur, die in Philip Roths Roman «Jedermann» namenlos bleibt, war in der New Yorker Werbebranche als Creative Director tätig und hat Arztpraxen und Krankenhäuser im Laufe seines Lebens im Übermass kennengelernt: Als Kind wurden ihm früh die Mandeln entfernt, mit neun Jahren musste er wegen eines Leistenbruchs operiert werden. Mit 34 wurde er mit Blinddarmdurchbruch und Bauchfellentzündung längere Zeit hospitalisiert, als älterer Herr wird er mit Koronarstenose, Hypertonus, Nierenarterienverschluss, Carotisarterienverengung und mehreren Stent-Operationen konfrontiert. Nur dank Bypass und Defilibrator kann er am Leben bleiben, nach seinem 65. Geburtstag folgt eine Erkrankung der anderen. Einem medizinischen Kompendium der Gefässerkrankungen gleicht das Vokabular einiger Abschnitte im Leben dieses Protagonisten. Und doch hängt er, der Sohn des Besitzers von «Jedermanns Schmuckladen» im Provinznest Elizabeth in New Jersey auch dann noch am Leben, wenn seine ehemaligen Freunde einer nach dem anderen schwer erkranken und sterben. An der Uferpromenade spricht er eine junge Joggerin an, meint vergeblich, sie zu einer Affäre verführen zu können, als sei er um Jahrzehnte jünger. Er drückt ihr einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Hand, sie aber, die seit Tagen von ihm beim Laufen beobachtet wurde, ändert ihre Route. Tragikomisch ist dieses Buch, und gleichzeitig handelt es vom Ernst des Lebens, das eines Tages zu Ende geht.

Allesamt aus jüdischem Milieu

Philip Roth hat einen Roman über das Älterwerden geschrieben. «Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker», stellt Roths Creative Director fest. Und der Autor ergänzt: «Nachdem er fast ein Dreivierteljahrhundert lang gelebt hatte, war es aus und vorbei mit dem produktiven, aktiven Leben.» In seinem früheren Buch «Mein Leben als Sohn» (1991 in deutscher Übersetzung erschienen) schilderte Roth mit unerbittlicher Genauigkeit, zugleich aber sehr mitfühlend, die letzten Lebensjahre seines Vaters. «Jedermann» beginnt und endet mit dem Tod eines Mannes, der ebenso wie Roth 1933 geboren wurde. Und wie der Autor hat der Protagonist im Roman einen älteren Bruder. Er liebt und hasst ihn zugleich, weil offenbar nur er selbst immer wieder ernsthaft erkrankt. Mit dreizehn bereits hatte er sich von seinem Judentum verabschiedet, nicht anders als der Autor Philip Roth, der von sich behauptet, keine jüdischen Romane zu schreiben, auch wenn die männlichen Hauptfiguren seiner Romane allesamt jüdischen Milieus entstammen und die meisten ehemaligen Berufskollegen und Freunde des alternden Creative Directors ebenso aus jüdischen Familien kommen wie er selbst. Und am Schluss seines Lebens wird die Hauptfigur begraben auf einem verfallenen jüdischen Friedhof neben der Autobahn.

Der Tod ist allgegenwärtig in «Jedermann». Bereits beim ersten Krankenhausaufenthalt der Hauptfigur stirbt ein Junge im Nachbarbett. Und unweit des Ferienhauses, in dem der namenlose spätere Werber mit seinem Bruder und den Eltern die Sommerferien während des Zweiten Weltkriegs verbringt, wird die Leiche eines Matrosen geborgen. Was angesichts der vielen im Roman geschilderten Krankheiten und medizinischen Eingriffen als eine düstere Lebensgeschichte des Mannes erscheinen könnte, der «zu einem Lagerhaus für künstliche Gerätschaften geworden ist, die den endgültigen Zusammenbruch hinauszuzögern helfen sollen», kommt mitunter als eine durchaus witzige und lebenshungrige Erzählung daher, als Schilderung eines durchschnittlichen nordamerikanisch-männlichen Lebens. Der Mann ohne Namen hat die Kunstschule absolviert und wendet sich im Alter der Malerei zu. Er kann einige Bilder über eine Galerie verkaufen, die anderen hängen in der Wohnung seiner Tochter. Nach dem 11. September 2001 ist er aus New York ans Atlantikufer in eine Alterssiedlung für Betuchte gezogen, und um als Alleinstehender mit starken Sehnsüchten nach Frauen auch Frauen begegnen zu können, offeriert er Malkurse für AnfängerInnen und Fortgeschrittene. An diesen Kursen nehmen nur pensionierte Damen teil, die eine nach der anderen sterben. Die verklärten Erinnerungen an seine Kindheit in der Kleinstadt und an die Eltern und an seine Frauen füllen seinen Alltag. Seine von ihm bewunderte Tochter und Mutter von Zwillingen ist die einzige Person, der er sich bis zur letzten (und tödlich verlaufenden) Operation nahe fühlt. Ein einziges Mal liest ihm eine Frau die Leviten, vertreibt ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Die beiden Söhne, die er im Stich liess, haben für ihren Vater nichts als Verachtung übrig, was ihn belastet. Nicht erst gegen Ende des Lebens verbringt der kontakthungrige Erotomane ein einsames Leben. In Roths Romanen stehen die Figuren in der Fülle ihres Lebens. Hier beginnt und endet ein Erzählstoff mit dem Tod, der in keinem Lebensabschnitt dem Protagonisten des Buchs weicht. Jedermann muss sterben, die Allgegenwärtigkeit des Todes, sie gilt für alle.

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