Nr. 44/2006 vom 02.11.2006

«Stromer hätte mir auch gefallen»

Der junge Gossauer Roman Hardegger ist Landwirt und wird einmal den elterlichen Hof übernehmen. Über seinen Beruf macht er sich keine Illusionen: Wer als LandwirtIn überleben will, muss beweglich sein.

Von Sina Bühler

Manche junge Bauern sind wahnsinnig erwachsen. Dieser ist 21 Jahre alt, hat rote Backen und die Selbstsicherheit von einem, der ganz genau weiss, was er will. Roman Hardegger spricht schnell und energiegeladen; über seinen Beruf, die Zukunftsaussichten der Landwirtschaft und über seine Pläne. Träumerisch und doch realitätsbezogen, weitdenkend genauso wie selbstironisch. Im Sommer hat er seine Weiterbildung in Agrarwirtschaft abgeschlossen, an der Fachhochschule Strickhof im zürcherischen Lindau. «Wenn ich investieren will, muss ich doch etwas über Unternehmensführung wissen», sagt Roman Hardegger bestimmt.

Und überhaupt, man wisse ja nicht, wie das mit der Landwirtschaft komme, er werde vielleicht einmal froh sein um die bestmögliche Ausbildung. Damit könne er auch in einem Büro arbeiten oder als Berater. Nun, so weit sei es ja doch noch nicht.

Zwei Jahre lang war Hardegger am Strickhof, ein Vollzeitstudium. Fanden seine Eltern das gut? «Naja ...», sagt er grinsend. Um gleich zu ergänzen, für seinen Vater sei es sicher ein furchtbarer Stress gewesen, alleine mit einem Lehrling auf dem Hof. Der Vater habe sich aber nichts anmerken lassen.

Jetzt ist er zurück auf dem Hof in Gossau im Kanton St. Gallen. Ein grosser Betrieb: 52 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, fünfzig Kühe mit eigener Aufzucht, die 330000 Liter Milch geben. Vierzig Mastkälber, die nur mit Milch gefüttert werden, für das helle Kalbfleisch. Und vierhundert Mastsauen, «mehr so nebenbei», sagt Hardegger. Und dann traditionellerweise Obstbäume, der Most ist an diesem warmen Oktobertag gerade einmal zwei Stunden alt. Hardeggers werden ihn an Bekannte verkaufen. Genauso wie die paar zusätzlichen Eier der zwanzig Leghennen, die sie selbst nicht brauchen.

Dass er Landwirt lernen würde, war nicht unbedingt zwingend, sagt er, der als ältester von vier Buben schon immer daheim mitgeholfen hatte. «Stromer hätte mir auch gefallen.» Jetzt ist der zweitälteste Sohn Stromer, der dritte wird Landmaschinenmechaniker, und der kleinste ist noch in der ersten Sekundarschule. Ob der mal Bauer wird und ihm später den Hof streitig machen könnte? Roman Hardegger lacht. «Das glaube ich kaum. Aber wenn, dann würden wir uns sicher einigen.» Und zwar sich so einigen, wie es Roman mit seinem Vater tut. Kaum Spuren eines Generationenkonfliktes: Der Vater bremse natürlich, wenn er wieder die grossen Expansions- und Investitionsträume habe, doch darüber sei er selbst ziemlich froh. Er würde sofort alles vergrössern, aber für seinen Vater bedeute das natürlich in erster Linie ein Risiko und Schulden, der sei da vorsichtiger. Und trotzdem: «Mein Vater ist modern. Er hat schliesslich selbst auch einmal klein angefangen und sein Pachtland nach und nach verfünffacht.»

Die Grösse des Hofs ist immer wieder ein Thema, auf die Grösse kommt es nämlich an. «Auf einem kleineren Hof wäre ich kaum Landwirt geworden», sagt er bestimmt. Da sei man als Einzelner dauernd am Anschlag und müsse trotzdem noch auswärts arbeiten, um über die Runden zu kommen. Doch auch für einen grösseren Betrieb gebe es irgendwann Grenzen, «topografische und klimatische». Sie hätten vielleicht mehr Maschinen als ein kleiner Hof, aber die kämen immer genau an denselben Tagen zum Einsatz. «Denn wir haben schliesslich genau gleich viele Schönwettertage wie die Nachbarn mit zehn Hektaren, dem Schweizer Durchschnittsbauernhof.»

Hardeggers haben Freilaufställe. Bio nennt sich das zwar nicht, aber «das ist schon bio, was wir machen». Für das Zertifikat würden wenige Anpassungen fehlen, zum Beispiel in der Intensität der Bewirtschaftung. Doch das Label interessiert sie nicht, «der Biomarkt ist sowieso gesättigt». Was den Markt betrifft, hatte Romans Vater Klemens auch früher eine gute Nase: Schon bevor die Swiss Dairy Food in Gossau zusammenbrach, hatten sie ihre Milch nicht mehr dorthin verkauft. «Die wollten uns keinen anständigen Preis mehr zahlen, obwohl wir die Milch fast in den Schläuchen hätten hinunterleiten können», sagt Vater Hardegger. Stattdessen standen vor der Fabrik Lastwagen aus der Türkei. Klemens Hardegger wurde misstrauisch und ging - gemeinsam mit einigen anderen Gossauer BäuerInnen - ein ziemliches Risiko ein, als er nach Oberbüren zu liefern begann, ein paar Dörfer weiter, an die Züger Frischkäse, die Mozzarella und Feta herstellt. Dann schloss im Dezember 2002 die Gossauer Milchabfüllung, und über 700 LandwirtInnen aus der Ostschweiz standen plötzlich ohne Abnehmer für ihre 70 Millionen Kilogramm Milch da.

Das mit der Landwirtschaft, die es einmal nicht mehr geben könnte, meint Roman Hardegger übrigens nicht gar so ernst. «Der Druck auf uns wird schon immer grösser. Mit den bilateralen Abkommen werden unsere Preise gesenkt, und das bei gleichbleibenden Kosten.» Der Gewinn könnte so weit sinken, dass ein Hof vom Bauern allein nicht mehr leben könne. Aber das Land in der Schweiz werde sicher immer weiterbewirtschaftet. «Viele Leute haben Freude daran, vielleicht sind es eines Tages nur noch HobbylandwirtInnen.»

Dann ginge allerdings der ökologische Umgang mit dem Boden schnell verloren: wenn der Grossteil unprofessionell arbeite und das Einhalten der Ökobilanz - an welche heute die landwirtschaftlichen Förderbeiträge geknüpft sind - nicht mehr zwingend wäre.

Doch an so was will er heute gar nicht denken. Er plant lieber seine zukünftigen Investitionen. Und die Zukunft in der Landwirtschaft. Und die persönliche Zukunft, stellt sich die Familienfrage nicht? An der Fachhochschule gab es eine einzige Frau, Frauen in der Landwirtschaft sind selten. Ach ja, sagt er. Es müsse ja nicht unbedingt eine Landwirtin sein. «Vielleicht bin ich sogar froh, wenn meine Frau auswärts Geld verdient.» Er lacht.

Vor einiger Zeit reiste Hardegger vier Monate auf die neuseeländische Südinsel, für ein Praktikum. Dort werde das Land schon anders bewirtschaftet. «Die Kühe sind immer auf der Weide», erzählt er, dadurch werde viel weniger Gülle gesammelt, und man dünge darum viel mehr künstlich. In der Schweiz sei das nicht erlaubt, aber Neuseeland sei ein spezielles Land. Doch jedes Land sei besonders, sagt Roman Hardegger: «Nur auf dem Markt sollen wir dann wieder gleich sein.» Wäre es anderswo leichter als Bauer? Möchte er in einem anderen Land leben? «Ich könnte zwar als Landwirt problemlos einen Job finden ... aber nein, ich glaube, das will ich nicht.» Er sei ja auch Bauer geworden wegen des Gossauer Bodens und der Lage, sagt er und trinkt das Glas frischen, knapp zwei Stunden alten Most in einem Zug leer.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch