Nr. 45/2006 vom 09.11.2006

Im neuen Kleid

Der Wirtschaftsgeograf und Stadtforscher Philipp Klaus untersucht die Bedeutung der Kulturwirtschaft und ihrer kreativen Kleinunternehmungen für die Zürcher Stadtentwicklung.

Von Angelus Eisinger

Rund dreissig Jahre sind es her, als hierzulande nicht wenige junge Linke der Stadt den Rücken kehrten und dabei auch aus der Gesellschaft ausstiegen, wie es damals hiess. Im Laufe der achtziger Jahre versiegte dieser Exodus zwar langsam, allein: Das anhaltend muffige kulturelle und politische Klima in den Städten konnte dafür nicht Anlass gewesen sein. Denn nach wie vor behaupteten spöttische Zungen nicht ohne Grund, Zürich sei zwar doppelt so gross, aber nur halb so lustig wie der Wiener Zentralfriedhof. Heute signalisieren Freitag-Taschen, Flussbars und unterkühlt gestylte Clubs den Aufstieg Zürichs zur «Trend- und Partystadt». Frohlockend verweisen Stadtpolitikerinnen und Standortförderer auf die omnipräsenten Städterankings, die Zürich seit einigen Jahren immer ganz oben auf ihrer Liste führen. Nicht ohne Anmassung tritt die Stadt heute als «Downtown Switzerland» auf.

Die Erweckung zur Stadt

Das Beispiel Zürich hat durchaus exemplarischen Charakter für das neue Kleid, das sich viele Schweizer Städte über die letzten zwanzig Jahre verpasst haben. Überall ist am Image gebastelt worden, und die Einsätze dabei bildeten Architektur, Kultur, Museen und Aufwertungen des öffentlichen Raums. Das Kunst- und Kongresshaus Luzern (KKL), die Fondation Beyeler, die Streetparade oder verschiedene Filmfestivals fallen unter diese Anstrengungen. Wie lässt sich diese Tendenz erklären in einem Land, dessen Stadtskepsis geradezu notorisch ist?

Die Studie «Stadt Kultur Innovation» von Klaus Philipp macht deutlich, wie sehr diese Erweckung zur Stadt mit der Entstehung der Kulturwirtschaft und ihrer kreativen Kleinunternehmen zusammenhängt. Sie entwirft ein facettenreiches Porträt dieser Stadtproduzentinnen. Dabei entsteht auch ein Stück Geschichte lokaler Subkultur, indem Klaus die Verbindungen zwischen der Entstehung und Entwicklung dieser Unternehmen und politischen und subkulturellen Regungen gegen den Courant normal seit 1980 freilegt. Theoretisch verortet der Stadtforscher Zürich in einer allgemeinen Tendenz, die vor dem Hintergrund des internationalen Städtewettbewerbs und der damit einhergehenden «Transformation der Ökonomie» gesehen werden muss. Auf einen knappen Nenner gebracht, können sich Städte in diesem Wettbewerb nicht länger nur als Orte der Produktion präsentieren, sondern müssen darum bemüht sein, Unternehmungen und ihre Arbeitskräfte mit attraktiven Angeboten in Kultur, Freizeit und Erholung anzulocken und an sich zu binden.

Die Nachkommen der Gnomen

Dabei übernehmen die Unternehmungen der Kulturwirtschaft einen wesentlichen Part, den Klaus über zwei eng verwobene Phänomene erklärt: die «Kulturalisierung der Ökonomie» und die «Ökonomisierung der Kultur». Bezeichnet Kulturalisierung die bereits angesprochene Notwendigkeit, Kultur als Schlüsselfaktor im Wettbewerb der Städte einzusetzen, verweist die Ökonomisierung der Kultur auf die wachsende Bedeutung von Zeichen und Bilderrepertoires für Unternehmungen und Städte. Sie generieren das Mass an medialer Aufmerksamkeit, das notwendig ist, um im Meer von Information nicht einfach zu verschwinden.

Die rasch wachsenden «Creative Industries» in Bereichen wie Mode, Film, Medien, Architektur oder Grafik tragen somit wesentlich zum Image einer Stadt bei, vermitteln kulturelles Flair und signalisieren urbanes Selbstverständnis. Bei einem Spaziergang durch die Innenstadtquartiere von Zürich fällt ihre Präsenz rasch ins Auge, Klaus verleiht ihnen nun durch seine Untersuchungen und statistischen Erhebungen konkrete Profile. So zählt jeder zwölfte Arbeitsplatz heute schon zu diesem bunten Pool von Tätigkeiten, 2001 waren es bereits rund 4000 meist kleine Arbeitsstätten. Unkonventionelle Arbeitszeiten und flexible Unternehmensstrukturen, geringe Löhne, junge Unternehmungsleitungen und starke Motivation prägen weite Teile der kreativen Industrie.

Im Grunde waren die Voraussetzungen für eine kulturelle Hausse vor Ort nicht besonders günstig. So verwies die Formel von den Gnomen von Zürich auf den irritierenden Spagat, weltläufige Parkettsicherheit in wirtschaftlichen Belangen mit provinzieller Dumpfheit in kulturellen und gesellschaftlichen Belangen verbinden zu wollen. Tatsächlich entstanden, wie Klaus zeigt, über die letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre die neuen kulturwirtschaftlichen Bereiche ohne öffentliche Unterstützung und oft im bewussten Widerstand gegen die herrschenden Realitäten. Wenn sie sich heute auf die trendigen Stadtkreise vier und fünf konzentrieren, könnte nur allzu leicht vergessen gehen, wie sehr diese Entwicklungen als Ergebnis eines schrittweisen Eroberns und Umdefinierens von Stadt zu verstehen sind.

Erhöhte Designbereitschaft

Das spiegelt sich auch darin, dass in Zürich der Aufstieg der kreativen Bereiche eng mit der Geschichte der subkulturellen Bewegungen verknüpft war, wie Klaus in einer minutiösen Chronik zeigt: Mit der Achtzigerbewegung artikulierte sich in Events und Performances ein aktionistisches Kulturverständnis, das Stadtraum neu für sich in Anspruch nahm. Darin wurde ein neuer Umgang mit Stadt eingeübt, der bald in illegalen Bars, umfunktionierten Fabrikhallen und besetzten Häusern seinen Ausdruck fand. Keller für Keller, Hinterhof für Hinterhof wurden so Teile der Stadt mental neu auf der Stadtkarte verortet. Das rasante Verschwinden der Industrieproduktion aus der Stadt nach 1990 beschleunigte diesen Prozess noch einmal, indem sich in den industriellen Brachgebieten Freiräume und Experimentierfelder öffneten und zudem billige Ateliers und Übungsräume zur Verfügung standen. Solche Bedingungen erlaubten es den kleinen Modefirmen und Grafikbüros, den Filmerinnen und übrigen Nischenproduzenten, die finanziellen Risiken gering zu halten.

Interviews in solchen Betrieben geben Einblick in Sprache und Codes der Szene. Gerade in diesen Passagen wird deutlich, wie sehr gegenüber den Anfängen heute Grenzen und Selbstverständnisse verwischt worden sind. Wenn hier beispielsweise ein Wort wie «Orte der Avantgarde» fällt, schwingt darin auch eine Spur Narzissmus mit, der die Gegenwart ganz allgemein begleitet. Zu den Zeitzeichen gehört zudem, dass viele dieser Produkte ein Gesellschaftssegment mit erhöhter «Designbereitschaft» bedienen. Wenn in den Interviews eine Befragte nach einer «Brasserie mit Bar und Speisesaal» ruft, wird deutlich, wie sehr längst nicht mehr nur die KundInnenseite nach den «feinen Unterschieden» (Pierre Bourdieu) strebt.

Vergleichen wir das Zürich vor ein paar Jahrzehnten mit der Stadt von heute, haben die kreativen Bereiche tatsächlich viel zur kulturellen Innovation beigetragen. Ihre Beiträge zur Renaissance der Stadt sind mittlerweile feste Grössen in einem allgemeinen Urbanitätshype, der städtische Lebensqualität vor allem an der Anzahl Cafés, Bars, Galerien und Boutiquen misst. Inwieweit sie allerdings tatsächlich heute noch «gesellschaftliche Innovation» befördern, wie dies Klaus feststellt, scheint zumindest fraglich. Denn gleichzeitig werden die Existenzbedingungen dieser ProduzentInnen zunehmend prekärer. Klaus belegt eindrücklich die Labilität aktueller Stadteuphorie. Im Zuge der Kommerzialisierung drohen viele kreative Betriebe, Opfer einer Dynamik zu werden, deren Initialzündungen sie einmal waren. Längst drängen grosse Immobilienfirmen und Developer mit Nachdruck in die nun auch in Renditevorgaben ausgedrückt attraktiv gewordenen Stadtgebiete in Zürich West und anderswo.

Was aus Opposition gegen die bestehenden Realitäten entstanden ist, bedarf für Klaus einer öffentlichen Förderung, die sich kaum von traditioneller Kultur- und Unternehmungsförderung unterscheidet. Darin liegt eine paradoxe Ironie.

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