Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Gartengeschichte

Von Edith Krebs

Klein, aber fein präsentiert sich die «Zeitreise durch die Gartengeschichte», die die Zürcher Kulturjournalistin Nadine Olonetzky kürzlich unter dem Titel «Sensationen» vorgelegt hat. Bereits der Stoffumschlag, auf dem ein englischer Garten besonders taktil zur Geltung kommt, wird dem Titel auf besondere Weise gerecht, geht es hier doch weniger um Sensationen im deutschen Wortsinn als um das englische «Sensation», das nicht nur das Wunderbare und Aussergewöhnliche, sondern auch Sinne und Gefühle umfasst.

Die Zeitreise beginnt bereits 4000 vor Christus in Mesopotamien, im Land zwischen den Strömen Euphrat und Tigris, wo die SumererInnen das trockene Land künstlich bewässerten, um Jagdparks und Dattelpalmgärten anzulegen. Sie endet mit dem sogenannten Künstlergarten, beispielsweise jenem, den die Schweizer Künstlerin Katja Schenker 2005 im Innenhof des Bundesamtes für Landestopografie in Bern gestaltet hat. Prominent vertreten ist der englische Landschaftspark, wie er im 17. Jahrhundert im Süden Englands entstanden ist. Es war der Staatsmann und Philosoph Francis Bacon, der in seiner Schrift «On Gardens» erstmals eine «komponierte Wildnis» beschreibt und sich damit von den geometrisch gestalteten Gärten des französischen Rationalismus absetzt. Er läutet damit die romantische englische Tradition ein, die bis heute fortwirkt. Es gibt wohl kein gartenverrückteres Volk als die Briten, das zeigen die Besuchermassen an der jeweils Anfang Mai in London stattfindenden Chelsea Flower Show ebenso wie der Erfolg von Gartensendungen im englischen Fernsehen, zum Beispiel jene von Alan Titchmarsh. Das Buch wartet aber auch mit Überraschendem auf: So steht das Jahr 1988 unter dem Stichwort «Wahrnehmung» und ist dem Künstler und Theoretiker Lucius Burckhardt (1925-2003) gewidmet. In Mitteleuropa gäbe es praktisch keine unberührte Natur mehr, war Burckhardts Meinung. Deshalb richte die Promenadologie, die Spaziergangsforschung, ihren Blick bevorzugt auf vergessene, unauffällige Orte oder Landschaften, die mit einem negativen Image besetzt seien, heisst es dort. Da ist der Weg zum spröden «Designerpark», wie er in den letzten Jahren beispielsweise im neu geschaffenen Stadtviertel Zürich Nord entstanden ist, nicht mehr weit.

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