Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Ins Blaue hinaus

In «Konturen des Unglücks und eine schöne Geschichte» erzählt der Basler Schriftsteller leichtfüssig rabenschwarze Geschichten der unglaubwürdigen Art.

Von Edith Krebs

«Ich bin ziemlich gut», sagt Hellstein von sich. Und wiederholt diesen Satz in der Erzählung «Der Freileiter» so lange, bis auch die gutmütigste Leserin daran zu zweifeln beginnt. Tatsächlich ist Hellstein ein Pechvogel, dem so ziemlich alles im Leben misslingt. Zwar ist ihm als jungem Starkstromelektriker noch Bewunderung gewiss, wenn er sich am Abend im «Elsässerhof» in Pose wirft und ein Bier bestellt. Sogar eine Freundin hat er, die erst noch ein paar Nummern zu schön für ihn ist, wie uns der Autor maliziös wissen lässt. Als Hellstein seine Stelle verliert, wirft ihn das völlig aus der Bahn. Er kauft sich eine Pistole - eine Browning Kaliber 7,65 -, doch aus Angst, daneben zu schiessen, bringt er sich dann doch nicht um. Noch einmal scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden, als er die patente Marte trifft, die ihm nicht nur Arbeit besorgt, sondern auch einen Sohn schenkt. Doch dann geht es nur noch bergab, Hellstein wird zum zweiten Mal arbeitslos, provoziert einen Unfall, dem er schliesslich eine Rente verdankt. Am Ende liegt Hellstein im Streckbett und sinnt auf Rache. «Er war dort unten angekommen, wo seine Verzweiflung war, reif, tröstlich, schwarz, mit einem Schimmer darin wie in müden Augen.»

Mit «Konturen des Unglücks» betitelt der Basler Schriftsteller und frühere WOZ-Redaktor Roger Monnerat seinen kürzlich erschienenen Erzählband. Die Stimmungslage ist in der Tat rabenschwarz, der Tonfall hingegen überraschend leichtfüssig. Mitten im Unglück gibt es immer irgendwo ein bisschen Glück, dieses Motto könnte über den Geschichten stehen. Da ist zum Beispiel Robert, Journalist, Mitte vierzig. Auf der Suche nach einer einstigen Geliebten eines Studienfreundes baut er mit seinem Auto einen Unfall, wird in einer kleinen Werkstatt ausgeraubt und misshandelt. Schliesslich gelingt ihm die Flucht, eine Frau findet ihn auf der Strasse liegend und pflegt ihn gesund. Es ist Marie, die gesuchte Geliebte, Robert und sie werden ein Paar. «Le Petit Jésus» heisst diese eher unwahrscheinliche Geschichte - so hatte ihn, den Friedfertigen und Wehrlosen, der junge Mechaniker in der Werkstatt verspottet.

Man kann solche Spiegelungen, die bereits für den 2002 erschienenen Roman «Der Sänger» bezeichnend waren, als konstruiert empfinden, als unglaubwürdig im negativen Sinn. Doch Monnerats Unglaubwürdigkeit hat System. Das zeigt die längste und komplizierteste Geschichte in diesem Band. «Die Unglaubwürdigkeit des Peter Gunzman» handelt von einem Geschäftsmann, der wegen eines Liquiditätsengpasses eine neue Identität für sich entwirft und diesen Wechsel über Jahre hinweg ebenso akribisch plant wie seine eigene Ermordung. Ganz offenbar geht es Monnerat nicht darum, uns von der Wahrscheinlichkeit eines Plots zu überzeugen. Viel eher ist Raffinesse sein Ziel, die Nonchalance, die Eigendynamik, die seine Geschichten entwickeln. Immer bleibt da etwas Schwebendes, Unfassbares, ja Rätselhaftes zurück, das auch eine Zweitlektüre nicht auszulöschen vermag. Dass der Schriftsteller das Wunder, das Wunderbare, liebt, zeigt die «schöne Geschichte», die - von der Grundfrage ausgehend, was überhaupt eine schöne Geschichte sei - assoziativ von einem Beispiel zum nächsten schwappt und dabei eine Art poetologisches System offenbart: «Die kleinen Alltagswunder (...) beruhen meist nur auf Zufällen und Koinzidenzen, und erstaunlich ist weniger, dass es sie gibt, sondern, dass es in uns eine Instanz geben muss, die auf solche Wunder wartet. Eine Erklärung dafür ist vielleicht, dass wir fast nicht anders können, als uns ständig mehr zu verausgaben, als es für die praktischen Belange erforderlich wäre, und dieser Überschuss an Gedanken und Gefühlen, der, wie man sagen könnte, ins Blaue hinausgeht, in uns die Erwartung aufbaut, dass von dort draussen manchmal auch etwas zurückkommen müsste, zurückkommen würde oder zurückkommen könnte.»

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