Nr. 46/2006 vom 16.11.2006

Ein Modell für alle?

Widersprüchliche Nachrichten kommen aus Indien: von Wirtschaftswunder und aufstrebenden Mittelschichten, von Hunger und religiösem Fundamentalismus, aber auch von Widerstand gegen Staudammprojekte und Gentechnologie und von geheimnisvollen KämpferInnen für die Armen, den NaxalitInnen.

Der deutsche Journalist Gerhard Klas hat ein Buch geschrieben über soziale Bewegungen in Indien. 160 Seiten sind wenig über ein Land mit mehr als einer Milliarde EinwohnerInnen. Doch in dem kleinem Buch gibt es erstaunlich viel zu erfahren - zu Fragen, die nicht nur in Indien wichtig sind. «Zwischen Verzweiflung und Widerstand» hat neun Kapitel, die in einen einführenden Text und ein längeres Interview gegliedert sind. Beim Lesen wird schnell klar, dass Indiens scheinbar sagenhafter wirtschaftlicher Aufschwung Schattenseiten hat. Es sei «eine kleine Gruppe, die Millionen und Abermillionen in unserem Land ausbootet», sagt etwa Periyapatna Satheesh. Auch er, der ehemalige Fernsehjournalist, gehörte einmal zu den Wohlhabenderen. Heute unterstützt er KleinbäuerInnen im Bundesstaat Andhra Pradesh bei der Biolandwirtschaft und der Organisation von Frauenräten.

Alte Sorten statt Maschinen

Drei Bäuerinnen aus solchen Räten kommen zu Wort. Sie sind Dalit, Kastenlose, ausgegrenzt aus der Hindugesellschaft. Doch dank traditioneller Anbaumethoden und Selbstorganisation haben sie heute genug zum Leben: Statt Reis kultivieren sie verschiedene Bohnen- und Hirsesorten. Diese sind nahrhafter, und wenn eine Sorte schlecht wächst, gibt es genug von den anderen. «Unsere Landwirtschaft kümmert sich auch um die Jungen, Alten, Behinderten, Kleinkinder, das Vieh, alles», sagt Samamma Bidakanne. Über die Versprechungen der industriellen Landwirtschaft machen sich die drei Frauen keine Illusionen: «Wir haben riesige Maschinen gesehen. Eine davon konnte an einem Tag fünfzig Hektar umpflügen. Das ist bemerkenswert - aber wo sollen die ganzen Leute hin?»

Wohin die industrielle Landwirtschaft führen kann, sehen die Frauen in ihrer eigenen Nachbarschaft. Bauern - seltener Bäuerinnen - glauben den Versprechungen der Agroindustrie, kaufen Saatgut für «cash crops», vermarktbare Pflanzensorten wie Baumwolle, dazu Dünger und Pestizide. Dabei verschulden sie sich. Wenn die Ernte schlecht ausfällt, vervielfachen sich die Schulden; viele BäuerInnen bringen sich aus Verzweiflung um, indem sie etwa die teuer gekauften Pestizide trinken. Nur dort, wo die BäuerInnen gut informiert sind, nimmt die Zahl der Selbstmorde ab, sagen mehrere von Klas’ GesprächspartnerInnen.

Fische pflegen

Ist ein gutes Leben für alle ohne Umweltzerstörung möglich? Wie lassen sich Gewerkschaftsarbeit und Umweltschutz vereinbaren? Bei solchen weltweit drängenden Fragen scheint Indien dem Westen einen Schritt voraus zu sein. Das zeigt zum Beispiel der Fischerpriester Thomas Kocherry in Kerala. Er organisiert den Kampf der kleinen Fischer regional, aber auch international mit dem World Forum of Fisher Peoples. Die Stossrichtung ist klar: keine grossen Kutter, kleine Strukturen, Selbstbeschränkung gegen Überfischung. Der Fisch soll denen zukommen, die ihn am dringendsten brauchen: den Menschen an den Küsten dieser Welt.

Aus den gleichen Gründen wie die DalitbäuerInnen lehnt Kocherry industrielle Methoden ab: «Wenn die zehn Millionen Fischer hier in Indien im Fischereisektor bleiben sollen, kann man nicht einfach der Modernisierung das Wort reden.» Der industrielle Fischfang, sagt er, sei «kein technologischer Fortschritt, sondern eine importierte Krise.»

In Indien gibt es eine verwirrende Vielfalt von kommunistischen Parteien und Bewegungen. Klas hat mit mehreren AktivistInnen gesprochen: mit einem linientreuen Parteirepräsentanten, der China in den Himmel lobt, genauso wie mit einem parteilosen Marxisten, der sich in der Sozialforumsbewegung engagiert. Aufschlussreich ist auch das Gespräch mit Kavita Krishnan, die den zum Teil bewaffneten Basisbewegungen nahe steht. Für die Verteidigung gegen die Polizei, die die Landbevölkerung terrorisiert, setzt Krishnans Organisation auf unkonventionelle Methoden: «Wenn ein Dorf attackiert wird, müssen die Bewohner sich selbst wehren können. Als Waffen dienen den Milizen dabei verschiedene Haushaltsgegenstände und alles, was ihnen aus eigener Kraft und Möglichkeit zur Verfügung steht.»

Ohne Wachstum und nachholende Industrialisierung gehe in den Ländern des Südens gar nichts, heisst es fast überall. «Zwischen Verzweiflung und Widerstand» zeigt andere Wege. Wege, die angesichts der kommenden Energie- und Klimakrise wahrscheinlich mehr Zukunft haben. Und die indischen AktivistInnen, die trotz widriger Umstände nicht aufgeben, machen Mut. Auch uns verwöhnten EuropäerInnen.

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