Nr. 48/2006 vom 30.11.2006

Die Nati, das Spiegelbild eines Landes

101 Jahre Schweizer Fussballnationalteam: Ein neues Buch erzählt die Geschichte ohne fähnchenschwingenden Patriotismus.

Von Philipp Anz

«Die schweizerische Mannschaft machte einen vorzüglichen Eindruck und wäre gewiss der französischen überlegen gewesen, wenn die einzelnen Spieler, aus denen sie zusammengesetzt war, häufiger Gelegenheit hätten, zusammenzuspielen.» - «Für den Sieg unternahmen beide Equipen zu wenig. Der französische Trainer Domenech sprach hinterher davon, dass sich die Mannschaften zu gut kennen, als dass sich Überraschendes hätte ereignen können.» Zweimal ein Spielbericht aus der «Neuen Zürcher Zeitung», zweimal zu einem Vergleich Schweiz-Frankreich. Doch zwischen den beiden Aussagen liegen 101 Jahre: Die erste beschreibt das erste offizielle Länderspiel einer Schweizer Fussballnationalmannschaft im Februar 1905 im Pariser Parc des Princes (0:1), die zweite das Aufeinandertreffen an der WM 2006 in Deutschland (0:0). Zwischen Februar 1905 und Juni 2006 liegen auch 661 Länderspiele (207 Siege, 144 Unentschieden, 310 Niederlagen), in denen über 700 Spieler eingesetzt wurden.

Hinter diesen nackten Zahlen verbergen sich unzählige Spielzüge, Taktiken, grosse Siege und viele «ehrenvolle Niederlagen», die persönlichen Geschichten von Spielern und Trainern und nicht zuletzt der Umgang der Schweizer Bevölkerung, Medien und Politik mit «ihrer» Nationalmannschaft. «Die Nati», herausgegeben vom ehemaligen WOZ-Sportredaktor Beat Jung, arbeitet diese Geschichte(n) nun erstmals umfassend in Buchform auf. Zwar findet sich für Statistikfans ein ausführlicher Anhang mit vielen Zahlen, allen Resultaten der Männer- wie Frauenteams sowie Kurzporträts aller Nationaltrainer und der wichtigsten Spieler. Doch «Die Nati» ist in erster Linie ein Lesebuch - nicht nur für historisch interessierte Fussballfans.

Chronologisch arbeiten Jung und seine MitautorInnen Christian Koller, Thomas Knellwolf, Jürg Ackermann, Marianne Meier, Fabian Brändle und Werner Bosshard die Geschichte der Nati auf, unterteilt in einzelne Epochen, von den Anfängen über die Erfolge in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die spätere «Loosing Generation» bis zur letzten WM. Legendäre Spiele wie der 4:2-Sieg an der WM 1938 gegen Grossdeutschland, die 5:7-Niederlage gegen Österreich an der WM 1954 im eigenen Land oder der 4:1-Sieg gegen Rumänien an der WM 1994 leben in Interviews mit Beteiligten und Zitaten aus der damaligen Berichterstattung wieder auf. Die Taktik der einzelnen Trainer vom Schweizer Riegel unter Karl Rappan bis zu Paul Wolfisbergs Abbruch GmbH wird analysiert. Und auch die nicht wenigen Skandale werden beleuchtet: «die Nacht von Sheffield» 1966, «die Nacht von Oslo» 1976 - beide mit Köbi Kuhn in einer Hauptrolle -, die Spuckaffäre um Alex Frei an der EM in Portugal 2004. Heinz Schneiter, 1966 in England Schweizer Captain, meint rückblickend: «Das war ein Fressen für die Presse. In Portugal passierte dann eigentlich genau der gleiche Skandal. Die Schweiz schlägt sich ja immer selber.»

«Die Nati» blickt aber auch über den Rasen hinaus. So wird immer wieder das Wechselspiel zwischen Politik und Fussball thematisiert. Während des Zweiten Weltkriegs etwa, als die Nati zu einem Eckpfeiler der geistigen Landesverteidigung gemacht wurde: «Beweist der Sieg der Fussballelf des kleinen Landes nicht, dass bisweilen dem scheinbar Schwachen Kräfte erwachsen können, die ihn zu unerhörten Leistungen befähigen?» («Sport», 1938). Trotzdem trat die Schweiz während des Krieges wiederholt gegen Teams der Achsenmächte an und hatte mit Karl Rappan einen Trainer, der Mitglied der NSDAP war (siehe WOZ Nr. 39/04). Und immer wieder war die Nati Gegenstand von Diskussionen zur Einbürgerungspolitik: Vom staatenlosen Génia Walaschek in den dreissiger Jahren über die fremdenfeindliche Stimmung in den Siebzigern bis zum heutigen «Secondo-Team».

Das nationale Fussballteam und seine Wahrnehmung sind immer auch ein Abbild der gegenwärtigen Kultur. Schön zu sehen etwa am Streit um den Röstigraben beziehungsweise um die unterschiedlichen «Fussballmentalitäten» zwischen Romands und Deutschschweizern, der beinahe so alt ist wie der Fussballverband. Und nicht zuletzt ist die Nati ein Spielfeld für die Medien. Seit seiner Gründung ist der «Blick» - aber nicht nur er - so etwas wie ein heimlicher Nationaltrainer, der die eigentlichen Trainer hochjubelt (Paul Wolfisberg) oder demontiert (Artur Jorge).

Das alles wird spannend, frei von fähnchenschwingendem Patriotismus und mit einer kritischen Distanz zu Funktionären wie den Helden auf dem Rasen erzählt. Beat Jung und seine MitarbeiterInnen haben akribisch in den Archiven geforscht, mit vielen Zeitzeugen gesprochen und so ein wirklich umfassendes Buch vorgelegt. Eines, das die Geschichte eines Fussballteams und die Entwicklung des Spiels schildert, aber vor allem auch eine Geschichte der Schweiz erzählt. Etwas Besseres kann man sich von einem Fussballbuch eigentlich nicht wünschen.

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