Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Aufs Höchste aus

Seit Wochen ist Dieter Meier mit seinem ersten Buch unterwegs. Jetzt gibt er also auch noch als Dichter zu reden, und wie!

Von Stefan Howald

Dem Multitalent Dieter Meier angemessen, der sich als Videokünstler mit Musikbegleitung einen Namen gemacht hat, sollte man sich zuerst die DVD zu Gemüte führen, die seinem ersten Buch beigelegt ist. Wenn Dieter Meier aus seinem Leben plaudert oder seine Texte vorträgt, kommt er als durchaus netter Causeur herüber, die Haare sorgfältig in Wellen und die Stirn massvoll in Falten gelegt, um die Anstrengung des Gedankens mit etwas Ironie zu unterlaufen. Aber spätestens wenn er zur Klampfe greift und ein eigenes Gedicht zu drei Takten vorträgt, keimt ein schrecklicher Verdacht: Herr Meier meint es ernst.

Und tatsächlich, diesen versammelten Texten aus den letzten 25 Jahren ist auf dem Papier jede Ironie ausgetrieben. Hier geht es tiefgründig zur Sache unserer Existenz. Meier räsoniert über Kunst und Musik, über Spiel- und andere Süchte, über nationale Stereotypien und die Schweiz. Er drechselt eine Hymne auf Manhattan oder einen Modeschöpfer, verfasst eine Hommage an die italienische Küche oder wettert als Gesellschaftskritiker gegen den Sinnverlust im Spätkapitalismus.

Dunkelzitronengelbe Krawatte

Einige Passagen sind durchaus witzig, etwa die Charakterisierungen bekannter Golfspieler oder ein paar Jugenderinnerungen, und eine Kritik des spätkapitalistischen Konsumterrors ist ja auch nicht ganz zu verachten. Aber Meier kann es nicht beim Erzählen oder Analysieren belassen, sondern er muss jederzeit aufs Höchste dichten und denken. Kein Satz, der nicht noch durch einen Nebensatz verlängert werden könnte, kein Substantiv, das nicht noch durch ein Adjektiv aufgepeppt, kein Gedanke, der nicht noch durch ein Bild platt gedrückt würde.

So beginnt etwa ein Tag im Leben des Dieter Meier: «Eine erste Scheibe Licht, die ins Zimmer schiesst, macht den Staub zum Universum, das so grundlos tanzt, wie ich hier liege.» Die Existenz hat aber auch Handgreiflicheres zu bieten. «In einer Überflussgesellschaft, die das Leben unserer Spezies befreien könnte vom Zweck des reinen Überlebens, trifft der Uppercut der Frage nach dem Sinn des Daseins den Konsumenten so unverhofft, dass er stehend k. o. herumirrt.» Überhaupt, die Frage nach dem Sinn. Dieter Meier kann nicht anders, als sie immer wieder zu stellen. Und noch einmal. Auch als Sinn, warum er heute in den Supermarkt fahren sollte. Unser «Herumkrebsen auf diesem Planeten» hat es ihm besonders angetan, weshalb er den Begriff mehrfach verwendet; wobei er sich zuweilen demütig vor der Macht des Schicksals verbeugt, die alle an ihren Platz gestellt hat.

Es geht eine Faszination von diesem Buch aus, die nämlich, ob Meier noch eins auf seine Bilder draufsetzen kann. Wie liesse sich beispielsweise die Beschreibung eines Schlagersängers steigern, der «seine Lackschuhe mit der spezifischen Leichtigkeit schwerer Männer aus den Unterschenkeln warf»? Doch tatsächlich schafft es Meier, die «ersten Tritte in die Bergwand der verbalen Entäusserung» in einem späteren Text ins Crescendo überzuführen: «Nur wer selbst schon die Steilwand der Wahl der richtigen Farben voll ausgelotet hat, kann die Qualen des Dandys verstehen, das Mohnrot seines Hemdes mit dem Schrei einer dunkelzitronengelben Krawatte zu brechen.»

In all der Sinnsuche, der frühen Spielsucht, dem Ruhm als Musiker oder Filmer oder Rinderzüchter, den Verlockungen durch Sex, Drogen und Langeweile scheint eine Konstante geblieben zu sein: Von klein auf wollte Dieter Meier Schriftsteller werden. Mit beinahe kindlicher Inbrunst betont er, dass Schreiben die einzige künstlerische Tätigkeit darstelle, bei der man sich nicht hinter dem Rücken von Mitarbeitern verstecken könne, sondern ganz allein auf sich gestellt sei, um dem eigenen Gelingen oder Versagen ins Gesicht zu starren. In letzterem Fall gilt: «Nur Qual ist dann das Dichterleben / In der Falle steckt die Dichtermaus.»

Schicksal grosse Wundertüte

Denn mit dem Dichten und Denken ist es nicht getan. Meier muss auch noch «dichten». Das heisst also, da der Rhythmus zuweilen rüttelt und schüttelt: Reime suchen. Nicht ohne Erfolg. «Doch Eitelkeit hat mich gezwungen / Sonst hätte ich nur kurz gerungen / Denn was nur sein kann und nicht muss / Das endet oft im frühen Schluss», verspricht er gelegentlich. An anderer Stelle imaginiert sich Meier im metaphysischen Einklang des Universums als fleissiges Arbeitstier. «Mitten in der Märzennacht / Sitzt Meier an der Schreibmaschine / Weiss denn Meier, was er macht / Fliegt er wie die Honigbiene / Ist sein Tanz auch ein Programm / Setzt er sich nur auf die Blüte / Weil er gar nicht anders kann / Schicksal grosse Wundertüte.»

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