Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

Berge beleuchten den Mond

Von Johanna Lier

Die Wahrheit ist abwesend. Oder vielleicht dort verortet, wo wir nicht sind. Nicht sein können. Das Wesentliche ist unfassbar, allein schon deshalb, weil niemand wissen kann, was andere wahrnehmen. Man kann sich über die eigenen Sichten Gewissheit verschaffen, aber nie über diejenigen der anderen. Phänomene tauchen auf, doch es braucht nur einen schnellen Lichtwechsel, und schon sind sie verwandelt oder verschwunden. Schlussendlich zerbricht alles oder wird zerstört. Durch den Krieg, durch Illusionen, durch die Entfremdung, das Alter und den Tod.

Es ist nicht einfach, über die neuen Gedichte Jochen Kelters etwas Schlüssiges zu sagen. Oberflächlich gelesen bieten sie in einer suggestiv fliessenden Sprache - in der es aber tückische Stromschnellen gibt, die einen kurz untertauchen und nach Luft schnappen lassen - viele konkrete Bilder an. Von Reisen, Alltagsimpressionen aus den grossen Städten, angedeuteten Liebesgeschichten, politischen Ereignissen und Krieg. Doch beim genaueren Betrachten entziehen sie sich dem analytischen Denken, es ist, als wollte man fliessendes Sprachwasser mit den Fingern festhalten. Die zehn Zyklen, die mit Titeln wie «Tod in den Ebenen» oder «Die andere Seite der Welt» oder «Mein Teil ist die Stille» überschrieben sind, erzählen die Geschichte einer Reise zu unterschiedlichen geografischen Orten wie auch durch die Zeit. Alles ist dauernd im Wandel, und auch wenn das Buch «Verweilen in der Welt» heisst, gibt es dieses Verweilen in den Gedichten nicht.

Dieser Eindruck des Unfassbaren entsteht auch, weil Jochen Kelter in seinen Texten keine Pointen, aber verwirrende Paradoxe setzt: Widersprüche, die das Narrative der Gedichte ins Absurde führen, so auch die Sicht auf die Wirklichkeit und das, was wertvoll oder verbindlich sein könnte. So beleuchten die Berge den Himmel oder auch den Mond, der Staub des Universums schützt die geringfügigen Leben, dies aber leuchtend und gross.

Und sind wir gewohnt, eine grosse Stadt als Metapher für Anonymität, Isolation und Überlebenskampf der Einzelnen zu sehen, dem gegenüber die traditionelle Lebensweise auf dem Land, einengend zwar, dennoch für Geborgenheit und Überschaubarkeit steht, dreht sich dies in Kelters Texten just ins Gegenteil. So bietet das Laute und Schnelle der Stadt Schutz gegen Vereinzelung, Hilflosigkeit und Angst, während die Stille der Natur auf die Auflösung, die Verwesung, die Häutung verweist. Und doch sind sie nicht annehmbar, die grossen Städte.

Ein trauriger Denker ist hier am Werk, der auf das Zerrinnen der Zeit horcht, auf das Vergehen der Liebe, auf das grausame Wüten der Kriege, auf die lauten und doch vergeblichen Behauptungen einer aufgesetzten Identität. Sie lesen sich wie ein grossartiger Abschied, diese Gedichte, ein Abschied von einer Welt, die so desaströs dennoch über alles geliebt sein will. «Und plötzlich / der weite Sommer / in den Himmel ragt // Und plötzlich / die alte Trauer / die noch an der Seele nagt // Und keine / Rückkehr zum Hafen / der Hafen ist abgebrannt // Und keinen / Glauben kein Wehr / will nur zum offenen Meer».

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