Nr. 01/2007 vom 04.01.2007

Eine fundamentale Verunsicherung

Auf provokative Art beschreibt die österreichische Autorin das Lebensgefühl einer Frau, für die es nichts mehr gibt, was ihre Existenz zwingend fordert.

Von Michèle Wannaz

Es hätte jedem passieren können, jeder und jedem. Schön brav in der U-Bahn sitzen, ein bisschen vor sich hin sinnieren, und dann plötzlich: Pam! Beinahe zerfetzt werden, der Mann neben dir liegt am Boden, tot, die anderen keuchen, ringen nach Luft, eine Frau heult, in diesem hohen Ton, niemand kann sie stoppen, und du sitzt nur stumm da und denkst: Das wars wohl. Wars das jetzt, das Leben?

Es wars natürlich nicht. Sonst könnte Selma ja ihre Geschichte nicht mehr erzählen, diese Geschichte von Wut, Ohnmacht und Schmerz, bei welcher die Londoner Terroranschläge vom 7. Juli 2005 nur eine von mehreren Katastrophen sind, die sich in diesem Leben auf einmal ereignen. Die lauteste, spektakulärste und für die Öffentlichkeit schwerwiegendste zwar, aber für Selma selbst nicht die Schlimmste, im Gegenteil. Einen Moment lang kommt es ihr sogar fast erleichternd vor, dass sie nicht selbst zur Waffe greifen musste, um ihrem armseligen Dasein ein Ende zu setzen. Gerade mal Ende vierzig, hat sie alles auf einmal verloren, den Job als Dramaturgin an die Geliebte des Chefs, die grosse Liebe an eine Jüngere und die beste Freundin an den Tod. Alles, worüber sie sich je definiert hat, ist weg. Sie ist ein Nichts. Ein Nichts, das dennoch verzweifelt versucht, alte Kontakte aufzuwärmen und in London ein neues Theaterprojekt an Land zu ziehen - natürlich vergeblich.

Marlene Streeruwitz, neben Elfriede Jelinek die profilierteste - und provokanteste - Autorin Österreichs, hat ein eindrückliches Buch geschrieben. Ein Buch, das das neue Lebensgefühl westlicher Wohlstandskinder festschreibt, ein Lebensgefühl der fundamentalen Verunsicherung, in der der potenzielle Verlust plötzlich allgegenwärtig ist, und zwar in jedem Lebensbereich. Die Angst vor Terrorismus ist hier von Anfang an präsent, bei der Sicherheitskontrolle, beim Starten des Flugzeugs, am Schalter, im Bus. Doch der eigene Tod ist nur der ins Extrem gesteigerte Endpunkt dieses Unbehagens. In Zeiten zunehmender sozialer Unsicherheit, grassierender Jugendgewalt, einer drohenden Klimakatastrophe und der schleichenden Auflösung familiärer Strukturen ist Selma lediglich das mit einer letztlich austauschbaren Biografie ausgestattete Symptom einer Furcht-und-Frust-Gesellschaft, das nun durch Londons Strassen strauchelt.

Eigenwillige Syntax

Das geschieht aber nicht einfach so, sondern als ein einziges Sprachkunstwerk. Streeruwitz passt seit je gern die Syntax dem Charakter ihrer Figuren an. In «Jessica, 30.» hechelte sich die fitnesssüchtige Titelheldin in seitenlangen Wortkaskaden von Komma zu Komma, auf dass sie in dieser leistungsfixierten Gesellschaft bestehen möge. In «Lisa’s Liebe.», diesem «Arztroman ohne Arzt», imitierte Streeruwitz die Form des Groschenheftchens, in dessen klischeehaften Vorstellungen vom Leben und vor allem der Liebe auch die Erzählfigur gefangen bleibt. Und ihre Selma nun spricht - in einem allerdings bereits gut bekannten Duktus der Punkt-Fetischistin Streeruwitz - meist in kurzen, abgehackten Sätzen, die ihre Verstörtheit wiedergeben. Das Leben ist nur noch in kleinsten Einheiten möglich, Satz für Satz aus der Verstörung heraus. Fragen werden zu Fakten, zu unabänderbaren Zuständen der Ratlosigkeit: «Was sollte sie tun.»

Immer wieder geraten die Sätze aber auch in Schieflage, aus den Fugen wie die Erzählerin selbst. Verstümmelt und amputiert, fehlen ihnen die Verben und Prädikate. Selmas Einsichten, und seien sie noch so banal, werden durch Interpunktion zerstückelt, wie all ihre Sicherheiten gesprengt worden sind: «Sie ging ja auch nicht in Literaturverfilmungen. Sie hatte schon lange nicht mehr zusehen können, wie ihre leichten und durchscheinenden. Ihre durchsichtigen Bilder von einem Roman. Wie die in dickfarbige Plumpheiten gerammt wurden.»

Das Wehklagen ist ein larmoyanter Rundumschlag. Gegen die Inhaltslosigkeit des eitlen Kunstbetriebs, die Zumutung des Grossstadgehetzes und die gescheiterte Emanzipation, die nichts geändert habe im Abhängigkeitsverhältnis von Mann und Frau, ausser dass alte Rollenspiele jetzt als freiwillig deklariert würden. Und obwohl das Ganze sich, nicht ohne Witz, ständig an der Grenze zum Selbstmitleid bewegt, bleibt dennoch ständig spürbar, dass ihm eine tiefe Verzweiflung zugrunde liegt. Selma ist heimat- und dadurch identitätslos geworden, weil es nichts mehr gibt, das ihre Existenz zwingend fordert.

Dass dem kindlichen Trotz eine tiefe Verzweiflung zugrunde liegt, bleibt dennoch ständig spürbar. Selma ist heimat- und dadurch identitätslos geworden, weil es nichts mehr gibt, das ihre Existenz zwingend fordert. Ihr vermeintlich planloses Umherziehen hat ein klares Ziel: einen neuen Platz zu finden in der Welt, und sei er auch noch so fern von alten Vorstellungen. Auf ihren Streifzügen treibt es ihr denn auch ein paar krude Abenteuer zu. So etwa sitzt sie unversehens Modell in einem reichlich verqueren Aktzeichenkurs, dabei spürt sie plötzlich die Genugtuung, aus all der Ohnmacht und Verzweiflung heraus eine Spur zu hinterlassen, die zumindest beweist, dass sie existiert hat.

Die Protagonistin befindet sich also, zumindest in Bezug auf das Gefühl einer fremdverschuldeten Machtlosigkeit, in einer den Selbstmordattentätern vom 7. Juli analogen Situation. Mehrmals spielt sie auch mit dem Gedanken an Suizid und Rache: «Warum ging sie nicht hin und liess ihre Wut alles machen. Warum blieb sie in sich gefesselt. Warum ging sie nicht hin und erschoss diese Frau und das Kind und den Anton. Oder nur den Anton. Oder mit dem Auto.»

Unglaubliche Detailversessenheit

Streeruwitz zeigt so, dass in jedem Opfer ein potenzieller Täter schlummert. Und sie zeigt auch, dass der Gegenentwurf zu Attentat Empathie heisst. Selmas Schmerz macht sie offener für andere. Plötzlich fühlt sie sich wildfremden Menschen wortlos verbunden, was ihr eine ganz neue Art von Glücksgefühl beschert.

Das ist aber leider weder neu noch besonders komplex. Während Selmas Fragen ans Leben wenigstens noch Feststellungen sind, wagt sich Streeruwitz selbst an den Kern ihres Stoffes - nämlich das, was Opfer zu (Massen)mördern macht - gar nicht erst heran. Das ist umso ärgerlicher, als sie diese Selbstfindungsgeschichte in einer unglaublichen Detailversessenheit schildert. Ganze 22 Seiten braucht Selma, um ihre Wohnung zu verlassen, 76 weitere, um an den Flughafen zu fahren, einzuchecken sowie nach London zu fliegen und insgesamt 156, bis sie endlich in ihrem Hotel ankommt. Unterwegs passiert so gut wie nichts. Denn der Inhalt ist hier ja wie gesagt die Form. Das ist an sich wunderbar. Nur nützt bei so wenig Inhalt auch die beste Form nur noch beschränkt.

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