Nr. 01/2007 vom 04.01.2007

Bauherr einer geteilten Stadt

Der frühere Bürgermeister von Jerusalem wird gerne als grosser Liberaler gesehen. Zu Unrecht.

Von Zvi Schuldiner, Jerusalem

Der Tod von Teddy Kollek im Alter von 95 Jahren hat eine Lawine von Superlativen ausgelöst: In fast allen Nachrufen wurde der ehemalige Bürgermeister, der am Dienstag verstorben ist, zu einer mythischen Figur hochstilisiert, zu einem Vorbild für alle und zu einem überragenden Liberalen. Er habe aus Jerusalem etwas Besonderes gemacht, heisst es, einen Ort der Koexistenz, eine geeinte Stadt. Doch dies entspricht in etwa so sehr der Realität wie der Begriff von der «liberalen Okkupation», den viele akzeptierten, zumindest bis 1987, als die erste Intifada begann. Doch es gibt keine liberale Okkupation, und die «auf ewig geeinte Hauptstadt Israels» ist eine tief gespaltene Stadt. Teddy Kollek, 1911 im damaligen Österreich-Ungarn geboren, leitete zwölf Jahre lang das Büro von David Ben Gurion, der bis 1963 Premierminister Israels war. Nach seinem Austritt aus der Arbeitspartei 1965 fragte Ben Gurion seinen Mitarbeiter Kollek, ob er nicht als Kandidat der neu gegründeten Rafi-Partei für das Amt des Bürgermeisters antreten wolle. Kollek sagte nach einigem Zögern zu und gewann die Wahl mit knapper Mehrheit. Jerusalem war damals eine kleine, schöne Provinzstadt, die aber seit 1948 von einer Grenze durchzogen war - der zwischen Jordanien und Israel. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 fiel diese Grenze, und mit einem Schlag war Kollek nicht mehr der Bürgermeister einer politisch recht unbedeutenden Stadt, sondern der Bürgermeister eines Symbols.

Er war auch einer der Architekten der grossen Lüge von der «liberalen Okkupation». Besser als andere verstand er, dass bei dieser Okkupation nicht nur ein Gebiet besetzt wurde, sondern auch dessen palästinensische BewohnerInnen. Wie sein enger politischer Freund Mosche Dajan plädierte er dafür, dass den PalästinenserInnen eine Reihe von Rechten gewährt wurde, die ihnen eine relative Handlungsfreiheit erlaubten. Nichtsdestoweniger blieb es eine Okkupation, der sie unterworfen waren und die sie ihrer nationalen und politischen Rechte beraubte.

Seine Rhetorik war liberal, aber Kollek war vor allem ein Mann der Tat. Er baute Quartiere, die einem Plan folgten: Sie sollten die demografische Überlegenheit der jüdischen Bevölkerung sicherstellen. Die physische Grenze war zwar gefallen, doch an ihre Stelle trat eine unsichtbare, nicht weniger reale Grenze, die die Bevölkerungsgruppen teilte und ihnen unterschiedlich viele öffentliche Mittel zusprach.

1987, nach zwanzig Jahren Okkupation und zwanzig Jahren Bürgermeister Kollek, interviewte ich Amir Haschin, damals Kolleks Berater für die palästinensischen Stadtbezirke. Selbst dieser treue Gehilfe Kolleks gab unumwunden zu, dass für die palästinensische Seite sehr wenig getan worden sei. Weitere neunzehn Jahre später erhalten palästinensische LehrerInnen nur einen Bruchteil der Ausbildung, die ihren israelischen KollegInnen zusteht. Auch in allen anderen städtischen Bereichen - vom Strassenbau bis hin zur Abwasserentsorgung - wurden und werden die palästinensischen Viertel stark benachteiligt.

Diese unsichtbare Mauer konnte auch von der Rhetorik nicht versteckt werden. Die zwei Städte - in der einen die besetzten PalästinenserInnen, in der anderen die «liberalen Besatzer» - waren Teil einer Realität, die auch die Propaganda nicht verwischen konnte und die nur jene Naiven nicht sahen, die den israelischen Geschichten glaubten. Inzwischen hat die Forschung bestätigt, dass die Bevölkerungsgruppen in zwei verschiedenen Welten leben und sie kaum Kontakt zueinander haben.

Die meisten Menschen in Israel und in der Welt (und selbst viele in Jerusalem) übersehen, dass es in der «ewig geeinten Stadt» ein Flüchtlingslager gibt. Kollek baute Zehntausende von Wohnungen für JüdInnen, während Tausende von PalästinenserInnen unter Bedingungen leben, die denen von Slums in der Dritten Welt gleichen. Die neuen Quartiere umzingelten ein Land, das von Menschen bewohnt wird, die in der Regel nicht einmal die Genehmigung bekamen, auf ihrem eigenen Grund zu bauen.

Kollek war ein Wolf im Schafspelz, dem es gelang, die Stadt zu regieren, ohne den Hass der besetzten Bevölkerung zu steigern. Er akzeptierte eine begrenzte Autonomie, aber der Kern seiner Politik blieb unverändert: Die Stadt ist jüdisch, die jüdische Dominanz muss gestärkt werden, für eine Machtteilung und gemeinsame Souveränität gibt es keinen Platz.

Nur wenige Tage vor Kolleks Tod hat der Oberste Gerichtshof den Bau einer Mauer im palästinensischen Quartier A-Ram genehmigt. Nun baut Israel in der Mitte der geeinten Stadt angeblich aus Sicherheitsgründen eine kafkaeske Mauer, die PalästinenserInnen von PalästinenserInnen trennt. Die Schikanierung der palästinensischen Bevölkerung geht also weiter und umfasst nun auch ihre Isolation von der Westbank.

Andererseits präsentiert die geteilte Stadt den BesucherInnen ein Image, das Kollek ebenfalls geschaffen hat: das wunderschöne Israel-Museum, Theater und Konzertsäle, moderne Bauten, grüne Parkanlagen, Beides gehört zu Teddy Kolleks Erbschaft.

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