Nr. 02/2007 vom 11.01.2007

Eine Wurst für 17 Franken?

Interview: Susan Boos, Foto: Ursula Häne

Hans Ruh: «1978 hatte man mich an der Uni Zürich nicht zum Professor gewählt. Ich nehme an, es war, weil ich zu links war.»

Als es den Eisernen Vorhang noch gab, waren Sie oft im Osten. Was 
haben Sie dort gemacht?
Hans Ruh: Ich habe ja bei Karl Barth 
in Basel Theologie studiert. Schon als Student schickte mich Barth auf einige delikate Missionen. Ich musste zum Beispiel zwei verbannte ungarische Theologieprofessoren besuchen. Mein Auftrag war es, Informationen zu sammeln, damit Barth sich bei der ungarischen Regierung für sie einsetzen konnte. Das tat er ziemlich erfolgreich, weil der damalige Aussenminister ein ehemaliger Student von Barth war. Manchmal musste ich auch Geld schmuggeln.

Wie lief das ab?
Einmal sollte ich für einen ungarischen Theologen, der dringend eine Herzoperation brauchte, Geld schmuggeln. Ich wechselte das Geld in Wien und versteckte es in Zündholzschachteln. Im Zug deponierte ich die Zündholzschachteln im letzten Abteil und setzte mich in ein anderes, um das Geld über die Grenze zu bringen. Als ich die 
Zündholzschachteln wieder holte, merkte ich, dass Zündhölzer drin waren. Ich hatte die falschen Schachteln versteckt – die mit dem Geld hatte ich noch in der Tasche. Zum Glück wurde ich nicht erwischt, sonst hätten sie 
mich wohl verhaftet. Na ja, das waren so Juniorenspässe.

Später waren Sie auch in Ostdeutschland tätig.
Barth schickte mich nach Ostberlin, 
als Fraternal Worker – wo ich eine ökumenische Theologiestelle führte. Eine Aufgabe war es, für die protestantische Bischofskonferenz der DRR Informationen aus dem Westen zu beschaffen. Ich war halblegal in Ostdeutschland, gewohnt habe ich im Westen. Viermal wurde ich festgenommen, aber da war immer die schützende Hand von Karl Barth, der exzellente Beziehungen in den Osten hatte.

In den Landeskirchen gab es damals zahlreiche Kommunistenfresser. Wie war denn Ihr Verhältnis zum sogenannt realen Sozialismus?
Meine Haltung in Ostberlin war immer: Die Kirche ist nicht gegen den 
Sozialismus, sondern im Sozialismus. Wir waren der Überzeugung: Man kann den Kommunismus nicht zu 
Tode kämpfen, man muss ihn zu Tode lieben. In der Schweiz galt ich nach meiner Rückkehr aber trotzdem als Linker.

Wurden Sie deswegen 1978 nicht zum Professor gewählt?
Es war ambivalent. Obwohl man 
mich für einen Ostfreund hielt, bekam ich, als ich in die Schweiz zurückgekehrt war, vom Militärdepartement 
einen Brief. Man fragte mich, ob ich nicht Feldprediger werden wolle, 
diese Anfrage hat mich positiv überrascht. Aber es stimmt, 1978 hatte 
man mich an der Uni Zürich nicht 
gewählt. Ich nehme an, es war, weil 
ich zu links war. Gesagt hat man mir 
das natürlich nicht direkt. 1983 wurde 
ich dann trotzdem gewählt, vermutlich haben sie keinen Besseren gefunden (lacht).

Nach der Wende von 1989 ist einzig der entfesselte Markt übriggeblieben. In Ihrem Buch «Die 
Zukunft ist ethisch – oder gar nicht» plädieren Sie dafür, den Markt ethisch zu zähmen. Das soll funktionieren?
Den Markt auszuklammern, ist nicht realistisch. Er ist sozusagen eine Condition humaine. Die Frage ist vielmehr, wie man den Markt steuert. Der Philosoph Max Weber sagte, der Markt sei ein eisernes Gehäuse, so einfach ist 
das aber nicht: Der Markt ist vielmehr das Resultat von menschlichem Verhalten. Man muss es nun schaffen, Ethik und Markt wieder näher zusammenzubringen. Konsumentinnen und Konsumenten, die ein ethisches Bewusstsein haben, können viel bewegen, wenn sie zum Beispiel keine Produkte kaufen, die aus Betrieben 
mit schlechter Kultur stammen. 
Dasselbe gilt für Anleger und Anlegerinnen.

Wie wurde Ihr Buch denn aufgenommen?
Ehrlich gesagt, habe ich ein bisschen den Verdacht, dass die Leute es nicht 
lesen. Manche sagen, Sie fänden es zu kompliziert.

Manchen dürfte auch nicht gefallen, dass Sie eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Vermögen verlangen und dass Sie schreiben, der Energieverbrauch müsse massiv eingeschränkt werden. Doch wie wollen Sie das erreichen?
Meiner Meinung nach sollte der Liter Benzin zwölf Franken kosten. Ich wäre dafür, eine Fettsteuer einzuführen, dann würde eine Bratwurst halt 
siebzehn Franken kosten. Ich könnte eine Partei gründen, um all diese Forderungen ins Programm aufzunehmen. Aber das bringt nichts, weil ich dafür keine politische Mehrheit finde. Deshalb suche ich Alliierte, Leute, die 
sich ebenfalls Gedanken machen, 
wie man ethischer wirtschaften kann. Zu diesem Zweck habe ich den Ethikfonds Bluevalue gegründet, aber darüber können wir ja das nächste Mal
reden.

Hans Ruh (73) war bis 1998 Professor 
für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Sozialethik an der Universität Zürich. 2006 hat er zusammen mit Thomas Gröbly das Buch «Die Zukunft ist ethisch – oder gar nicht. Wege zu einer gelingenden Gesellschaft» publiziert.

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