Nr. 02/2007 vom 11.01.2007

Der Hausbesuch

Von Pascal Claude

Der englische «Guardian» pflegt auf seiner Online-Fussballseite eine sehr sinnlose und sehr schöne Rubrik namens «The Knowledge». Hier sammelt sich das unnütze Wissen von Britanniens und oft auch Europas Fussballgemeinde. Leserinnen und Leser senden der Redaktion Fragen, Leserinnen und Leser antworten. Vor einiger Zeit war einem Fussballfan aus Cardiff während der Partie Wales – Russland aufgefallen, dass die im Fernsehen eingeblendeten Abkürzungen WAL-RUS zusammen ein Tier ergeben, das englische Walross. Er fragte nun via «The Knowledge», ob jemand noch weitere Beispiele für Tiernamen kenne, die sich aus den Abkürzungen von Länderspielgegnern ergeben. Und bekam tatsächlich eine Antwort: «Sollten Belgien und Uganda je gegeneinander antreten, hätten wir den BEL-UGA».

Aktuell wird in «The Knowledge» die Frage behandelt, ob Fussballfan zu sein gesundheitsschädigend ist. Vom fragenden Iren und den Antwortenden werden diverse seriöse Studien zitiert, die allesamt zum Ergebnis kommen: Ja – zumindest auf die Dauer. In den Regionen Newcastle/Sunderland und Leeds wurde nach Niederlagen des Heimteams eine deutliche Zunahme von Herzattacken festgestellt. In Florenz kommt es nach Niederlagen der Fiorentina zu einer signifikanten Häufung von Magenbeschwerden, betroffen sind grösstenteils Männer. Nach dem WM-Finale 1994 zwischen Italien und Brasilien stiegen die Testosteronwerte der Brasilianer um 20 Prozent, während jene der italienischen Anhänger um den gleichen Wert sanken. Ein englischer Arzt hat festgestellt, Fussball zu schauen schade den Augen.

Nachdem ich all dies erfahren hatte, freute ich mich über die Schlagzeile in der Sonntagspresse, wonach man Fussballfans in der Schweiz fortan Hausbesuche abstatten will. Doch dann malte die Druckerschwärze dunkle Wolken an den Himmel. Es geht gar nicht um die Gesundheit der Fans. Und es werden auch keine Ärztinnen und Ärzte sein, die plötzlich vor der Tür stehen, zuhause oder am Arbeitsort. Sondern die Polizei.

In Deutschland, so ist zu lesen, hätte man sehr gute Erfahrungen gemacht mit der «Gefährdeansprache», wie es im Fachjargon heisst. Polizisten in Zivil besuchen Fussballfans, die in einer zentralen Datei gespeichert sind, und sagen ihnen vor ihren Eltern, Ehefrauen, Kindern oder ArbeitgeberInnen: «Hallo Hans. Wir kennen dich. Pass auf, was du tust an der WM.» Das will man in der Schweiz nun auch tun auf die Euro 2008 hin, jetzt, wo man mit der HOOGAN-Datenbank das nötige Instrument dazu hat.

In einer der schätzungsweise 134 Reportagen zum Thema Sicherheit im Vorfeld der WM 2006 begleitete ein Team der ARD zwei Berliner Polizisten auf einen solchen Hausbesuch. «Hallo Heiko. Wir kennen dich, du weisst schon. Bleib zuhause an der WM.» Heiko nickte. Als die Polizisten weg waren, fragten die Reporter nach. «Auf keinen Fall bleib ich zuhause. So was wie ’ne WM vor der Haustür lass ich mir nicht entgehen», sagte Heiko. Und seine Frau: «Was solls. Heiko ist nun mal Hooligan, das ist sein Hobby. Das kann ich ihm nicht verbieten.» Nebenan spielte der Sohn.

Klar, Heiko hatte vielleicht wirklich was vor im letzten Sommer. Und so eine Reportage ist nicht repräsentativ. Dennoch irritiert der euphorische Ton, den Martin Jäggi, Schweizer Sicherheitschef der Euro 2008, anschlägt. Solche Hausbesuche erinnerten an den Pranger, gab der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür auf Radio DRS zu bedenken, so was sei in der Schweizer Rechtssprechung nicht vorgesehen. Ausserdem ist noch vollkommen offen, wer hierzulande in die Datenbank aufgenommen wird und also für Hausbesuche in Frage kommt: «Hallo Jürg, wir kennen dich, du bist registriert. Wir wissen, was du getan hast, tu das an der EM besser nicht noch mal», heisst es dann vielleicht an einer Haustür in Bern. «Aber ich habe doch nur Schneebälle aufs Feld geworfen, damals im Espenmoos. Und die EM ist im Sommer», sagt dann Jürg. Und es muss nicht einmal ein Witz sein.

Die EM 2008 dient seit fünf Jahren als Katalysator einer repressiven Vorwärtsstrategie, die das Wef vor Neid erblassen lassen könnte. Plötzlich ist alles möglich, alles erlaubt, alles nötig. Damit sich die Uefa mit Sitz im schönen Nyon ordentlich die Kassen füllen kann, biegen wir unser Rechtssystem im Wochentakt zurecht. Sportminister Schmid, der mal drei Champions-League-Heimspiele lang Thun-Fan war, feiert derweil Geburtstag. Fussballfan zu sein kostet Nerven dieser Tage, und ein bisschen schmerzt es auch. Bloss: Die Hausbesuche werden kaum von der Krankenkasse übernommen. Da blättert einmal mehr die Steuerzahlerin. Oder der Steuerzahler.

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