Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Das Gegenteil von Davos

Beim Treffen in Nairobi werden ab dem 20. Januar 120000 BesucherInnen erwartet. Die örtlichen SlumbewohnerInnen hoffen auf weltweite Aufmerksamkeit.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Auf dem Schulhof von Pater Daniele laufen die Vorbereitungen für das Weltsozialforum schon seit Monaten auf Hochtouren. Auf dem staubigen Boden malen Kinder bunte Banner. HelferInnen aus der Nachbarschaft planen nach den Schulstunden Kundgebungen. Auch soll ein «Slummarathon» stattfinden, an dem nicht nur SlumbewohnerInnen, sondern auch weltberühmte Läufer wie der kenianische Weltrekordhalter Paul Tergat teilnehmen. Kinder wie Erwachsene sind aufgeregt, dass es jetzt bald endlich losgeht. «Hier leben die Ärmsten der Ärmsten, und beim Weltsozialforum haben wir die einmalige Chance, unserem Unmut vor grossem Publikum Luft zu machen», freut sich Daniele. Der Italiener ist vor mehr als zehn Jahren hierher nach Korogocho gezogen.

Zerstörte Lungen

Korogocho ist einer der ärmsten Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Hundert Meter von Pater Danieles Schule entfernt beginnt die einzige Mülldeponie Nairobis. Die Abfallberge ragen in den Himmel, jeden Tag kommt neues Material hinzu. In Korogocho leben rund 120 000 Menschen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer. Rund um die Mülldeponie wird die Bevölkerung auf mindestens 700 000 geschätzt. Tendenz steigend. Der giftige Qualm der nie verlöschenden Schwelbrände auf den Abfallbergen hat schon Tausenden die Lungen zerstört. «Ich will, dass der Müllplatz verschwindet», sagt Moses, einer der Aktivisten aus Korogocho. «Aber das ist nicht alles: Ich will, dass alle Kenianer in Würde leben können, und für diese Forderung will ich auf dem Weltsozialforum Unterstützer von überall her gewinnen.»

Oduor Ong’wen lächelt zufrieden. Für Leute wie Moses hat Ong’wen, ein Organisator des Weltsozialforums, seit zwei Jahren hart geschuftet. «Wir wollen den kleinen Leuten helfen, ihren täglichen Kampf auf die grosse Weltbühne zu bringen und dann gemeinsam mit ähnlich Betroffenen eine Strategie zu erarbeiten.» Das Welttreffen der GlobalisierungskritikerInnen hat bisher viermal im brasilianischen Porto Alegre und einmal im indischen Bombay stattgefunden. Ausserdem gab es letztes Jahr dezentrale Treffen in Venezuela, Mali und Pakistan.

Das riesige Sportgelände im Norden Nairobis, wo während des Forums bis zu 120000 BesucherInnen aus allen Teilen der Welt erwartet werden, sieht noch nicht mal wie eine Baustelle aus. Die Räume sind leer und verstaubt, nur aus der Ferne klingt Baustellenlärm. Doch in ein paar Tagen, da ist Ong’wen sich sicher, werden die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche prall gefüllt sein mit Ständen und Zelten. 108 Restaurants sollen dann rund um die Uhr Essen kochen. Mehr als 1200 Veranstaltungen sind auf die drei Tage verteilt worden, die für Seminare und Kundgebungen zur Verfügung stehen. Auf improvisierten Bühnen soll nonstop Kultur zu sehen sein. Das Weltsozialforum in Nairobi will ebenso ernst genommen werden wie seine Vorgänger.

Die Buskarawane

Neben spezifisch afrikanischen Problemen stehen auch die üblichen globalisierungskritischen Themen auf dem Programm. «Wie im Gründungsjahr 2001 ist das Weltsozialforum immer noch und vor allem das Gegenmodell zum Weltwirtschaftsforum in Davos», betont Professor Edward Oyugi, der im Organisationskomitee des Weltsozialforums sitzt. VertreterInnen von Regierungen und Industrie, die in den Schweizer Bergen in Nadelstreifen über die Weltwirtschaft philosophierten, müssten permanent daran erinnert werden, dass ihre profitorientierte Politik katastrophale soziale Folgen habe. «Aus afrikanischer Sicht heisst das zum Beispiel: Wenn ihr ständig über die Öffnung von Grenzen für Güter fabuliert, dann macht die Grenzen gefälligst auch für Menschen auf!» Mit neuer Aktualität wird in Nairobi auch das Thema Krieg und US-Weltdominanz diskutiert werden, nachdem die US-Luftwaffe gerade erst Bomben über Somalia abgeworfen hat.

Während in Nairobi noch organisiert wird, hat das Weltsozialforum für Kiss Abraham schon längst begonnen. Seit dem 14. Januar ist der Sambier auf der Fahrt Richtung Nairobi. Zusammen mit Künstlern und Aktivistinnen aus Sambia, Simbabwe, Malawi, Südafrika und Tansania zieht er in einer Buskarawane durch das südliche Afrika. Die fahrende Demonstration will die in Afrika noch weithin unbekannte Globalisierungskritik verbreiten. «Wir nehmen das Wort Bewegung ernst», sagt Abraham. «Mit unserer Karawane wollen wir garantieren, dass das Weltsozialforum auch ganz unten ankommt.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch