Nr. 04/2007 vom 25.01.2007

Wo Gras langsam wächst

Aigues-Vertes an der Rhone ist ein besonderes Dorf mit besonderen EinwohnerInnen. Autonomie wird hier ganz gross geschrieben.

Von Helen Brügger

Gleich nach den Hochhausriegeln der letzten Satellitenvorstadt Genfs geht es aufs Land, in die «campagne genevoise». Durch eine umsichtige Raumplanung blieb diese Landschaft vor wüster Zersiedlung bewahrt. Über Felder und durch einen kleinen Wald geht es Richtung Rhone. Glasklar und grün, geläutert von ihrem Aufenthalt im See, windet sie sich in Mäandern der Grenze zu Frankreich zu, zu den Ruinen des Fort de l’Ecluse. In einer Flussbiegung liegt das Dorf Aigues-Vertes. Es besteht aus einem Bauernhof mit Stallungen und einem Gewächshaus sowie Werkstätten, Wohnhäusern und einem grossen Kulturzentrum. Das Dorf an der Rhone ist kein Dorf wie alle andern. Die BewohnerInnen sind zwar Bauern und Bäckerinnen, Schreiner und Malerinnen, Töpfer, Weberinnen oder Wirte, aber sie sind auch Behinderte. Geistig Invalide. IV-RentnerInnen.

In Aigues-Vertes wird gebaut: Neue Wohnhäuser und ein Gebäude für die Bürgermeisterei entstehen. Telefonkabel werden verlegt, Internetanschlüsse installiert. Die Bäckerei wird vergrössert und renoviert, noch stehen die Tische und Stühle im angrenzenden kleinen Café auf einem rohen Betonboden.

Ein «villageois» tritt ein, ein Dorfbewohner. Der Kleidung nach arbeitet er auf dem Bauernhof und möchte gar zu gerne die Zeitung haben, die ich gerade lese. Doch da hat er nicht mit dem Wirt gerechnet, der ihn zurechtweist, er solle mich in Ruhe lesen lassen. Das ist das einzige scharfe Wort, das während meines Aufenthalts in Aigues-Vertes fällt. Sonst fällt der respektvolle Umgang aller mit allen auf.

75 «villageois» wohnen im Dorf; wenn der Ausbau im Jahr 2009 abgeschlossen sein wird, haben hier 120 bis 130 Menschen Platz. Die rund 150 BetreuerInnen wohnen ausserhalb. Der Ausbau der Aufnahmekapazitäten geht schrittweise vor sich, denn das «globale Gleichgewicht» dürfe nicht ins Wanken geraten, sagt Thomas Büchi, der Präsident der gemeinnützigen Stiftung, die Aigues-Vertes verwaltet. Dasselbe gilt für die Aufnahmekriterien: Nicht finanzielle Kriterien sind ausschlaggebend, sondern die Eignung des einzelnen Menschen für das Dorf. Über die Aufnahme entscheidet die kantonale IV-Behörde in Zusammenarbeit mit der Dorfverwaltung.

Ein «villageois» zeigt uns sein Namensschild am Briefkasten, sein Haus, sein Zimmer. Um zu beweisen, dass es wirklich sein Zimmer ist, legt er sich aufs Bett und will sich fotografieren lassen. Direktorin Annelise Schneider lacht. In den ersten Tagen sei er aus dem Zimmer gar nicht mehr herausgekommen, so stolz sei er auf die eigenen vier Wände gewesen. Die DorfbewohnerInnen leben in kleinen Gemeinschaften in Häusern, die normalen Einfamilienhäusern gleichen, sieht man von den grosszügigen Gemeinschaftsräumen und den auf die speziellen Pflegebedürfnisse zugeschnittenen sanitären Einrichtungen ab. Die Mittagsmahlzeiten werden von den BetreuerInnen in der zentralen Dorfküche hergestellt, gegessen wird im eigenen Haus. Das Abendessen wird in der privaten Küche zubereitet, wer helfen will, ist dabei.

Eine Treppe nach Mass

In einem der neuen Gebäude gibt es sogar eine Einzimmerwohnung. Hier wohnt der Bäckerlehrling, den wir eben kennengelernt haben, als er unter der kundigen Aufsicht eines ausgebildeten Bäckers ein Blech voll Käseküchlein in den Backofen stemmte. Brot und Patisserie werden nicht nur für das Dorf, sondern auch für KundInnen ausserhalb gebacken. Der junge Mann wird Aigues-Vertes bald einmal verlassen und auf eigenen Füssen stehen.

Eingliederung in die Gesellschaft oder höchstmögliche Autonomie im Dorf, das sind die Ziele von Aigues-Vertes. «Und damit haben wir spektakuläre Erfolge», sagt die Direktorin Annelise Schneider stolz. Ihrer Meinung nach ist Aigues-Vertes bei der sozialen Eingliederung von Behinderten «ein Vorbild für ganz Europa, was sage ich, für die ganze Welt!» Das Schlüsselwort ist Selbstbestimmung - und die schrittweise Entwicklung von Hand und Hirn durch Arbeit und kulturelle Aktivitäten. «Wir verkaufen keine Bastelarbeiten an barmherzige Seelen», sagt Thomas Büchi, der Präsident der Stiftung. «Wir verkaufen Produkte, die durch ihre Qualität auf dem Markt bestehen, wir fertigen auch Massarbeit auf Bestellung.»

In Aigues-Vertes wohnen Arbeitende mit einem Lohn und einem festen Tagesablauf, auch wenn jeder nach seinem Rhythmus und nach seinen Fähigkeiten arbeitet. In der Schreinerei etwa riecht es gerade atemberaubend nach Zedernholz: Eine Treppe nach Mass wird hergestellt, sie wurde von einem privaten Bauherrn in Auftrag gegeben.

Selbstbestimmung heilt. Dieses Konzept wurde in den sechziger Jahren bekannt. Damals wirbelten fortschrittliche PsychiaterInnen die bisherigen Vorstellungen der Psychiatrie durcheinander und behaupteten, nur der Wahnsinnige sei normal, weil er sich mit allen Mitteln dem Wahnsinn der Normalität entziehe. Aigues-Vertes geht jedoch nicht auf das Modell der Antipsychiatrie zurück, sondern auf die Lehren Rudolf Steiners. Dieser versuchte schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die Menschen dazuzubringen, sich von allen Formen von Bevormundung zu befreien, um einen individuellen Zugang zur «übersinnlichen Welt» zu erlangen. Von anthroposophischen Eltern behinderter Kinder im Jahr 1960 gegründet und während dreissig Jahren von ihnen verwaltet, öffnete sich Aigues-

Vertes nach und nach der Aussenwelt. Die heutige Trägerschaft ist eine gemeinnützige Stiftung, in dessen Stiftungsrat Persönlichkeiten aus dem politischen und sozialen Leben Genfs sitzen. Er wird präsidiert vom FDP-Grossrat Thomas Büchi und von der SP-Grossrätin Christine Sayegh.

Ein weiteres Stück Freiheit

In einem Gemeinschaftsraum hängt ein Bild in den typischen anthroposophischen Pastellfarben, auch architekturaler Schmuck mit den charakteristischen runden Ecken fällt hie und da auf. Sind es optische Hinweise auf die weiter wirkenden Ideen Rudolf Steiners? «Wir haben übernommen, was gut war», sagt die Direktorin Annelise Schneider. Von den AnthroposophInnen stammt die Idee des Dorfes, das Modell der Wohngemeinschaften und die biologische Landwirtschaft. Von ihnen stammt auch das Konzept der Verbindung zwischen Arbeit und kulturellen Aktivitäten als Grundlage für eine umfassende harmonische Entwicklung des Individuums. Die pädagogischen und medizinischen Konzepte würden heute aber in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Fachleuten weiterentwickelt, sagt Schneider. Und Thomas Büchi fügt hinzu: «Ehrlich gesagt, war das Dorf ziemlich heruntergekommen, als sich die Anthroposophen aus der Verwaltung zurückzogen.»

Die jährlichen Betriebskosten von Aigues-Vertes in der Höhe von rund siebzehn Millionen Franken werden heute zum grössten Teil durch die Beiträge der dort lebenden IV-RentnerInnen, durch kantonale Beiträge und Bundessubventionen gedeckt. Immerhin eine knappe halbe Million stammt aus den Erträgen der Produkte, die die BewohnerInnen, etwa auf den Biomärkten der Stadt, verkaufen.

Bald wird es auch ein Restaurant im Dorf geben, als Abwechslung zu den Mahlzeiten der Dorfküche. Dann wird ein weiteres Stück Freiheit, die Nichtbehinderte selbstverständlich geniessen, verwirklicht sein. Überhaupt: Neben Selbstbestimmung wird auch Freiheit grossgeschrieben in Aigues-Vertes. Die DörflerInnen bewegen sich frei im ganzen Dorf, sie können auch weg, wenn sie wollen. Auf Forderung des mitbestimmenden Dorfrats, zusammengesetzt aus den BewohnerInnen, wurde eine Bushaltestelle eingerichtet. Der Dorfrat selbst wandte sich an die öffentlichen Verkehrsbetriebe Genfs und setzte häufigere Busverbindungen in die Stadt durch. Nicht alle DörflerInnen allerdings dürfen in die Stadt. «Es ist ein dauerndes Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit», sagt Annelise Schneider.

Der gute Geist

Was aber geschieht, wenn ein «villageois» sich in den Kopf setzt, einen Ausflug in die Stadt zu machen, obwohl sein Vormund und die Dorfverwaltung das nicht erlauben? «Wir versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er das noch nicht schaffen würde. Dieses Vertrauensverhältnis muss da sein, sonst geht es nicht», sagt die Direktorin. Halten könne man niemanden, wenn er wirklich wegwolle, auch die in der Nacht patrouillierenden Aufsichtspersonen könnten das nicht. «Die Freiheit hat ihre Risiken.»

Aigues-Vertes betreibt auch einen eigenen Bauernhof. Die Wollschweine wühlen kräftig in der Erde, die Mutterkühe haben ihre Kälber um sich, die Esel promenieren in den riesigen Stallungen hin und her. Ein Bauer will sich nicht etwa mit den Kühen, sondern mit einem jungen Esel fotografieren lassen. Er umarmt das zierliche Tier, das soeben verkauft worden sei - und ist spürbar hin- und hergerissen zwischen der Freude am gelungenen Handel und der Trauer über den kommenden Verlust des Tiers. Mit den dorfeigenen Pferden will Annelise Schneider übrigens demnächst ein Therapieangebot auch für Aussenstehende auf die Beine stellen. Wie wichtig der hautnahe Kontakt mit Tieren für das psychische und physische Wohlbefinden ist, erleben die DorfbewohnerInnen jeden Tag. «Unser Ziel ist, dass Aussenstehende, Spaziergänger und Ausflügler nach Aigues-Vertes kommen, von unseren Angeboten profitieren und an unserem Leben teilnehmen», sagt Annelise Schneider.

Aigues-Vertes als Vorbild? «Verallgemeinern lässt sich dieses Projekt nicht», sagt Präsident Büchi. Als konkrete Utopie profitiert Aigues-Vertes vom guten Geist des Ortes, von der Grosszügigkeit des sozial aufgeschlossenen Kantons, von der Unterstützung durch die liberale Genfer Bourgeoisie und von zahlreichen Schenkungen und Benefizanlässen auf hohem Niveau. Eines ist sicher: Die offizielle InvalidInnenpolitik mit ihrem Misstrauen gegenüber «Scheininvaliden», ihrem Spardruck und ihrem technokratischen Fallmanagement wirkt nach einem Besuch in Aigues-Vertes geradezu barbarisch.

«Man kann nicht am Gras ziehen, dass es schneller wächst», sagt das Sprichwort. In Aigues-Vertes hat das Gras Zeit zu wachsen.

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