Nr. 04/2007 vom 25.01.2007

Randen nach Spitzbergen

Alte Sorten sind mehr als Liebhaberei. Gelingt ihre Erhaltung? Und warum ist auch der Agrarkonzern Syngenta daran interessiert?

Von Bettina Dyttrich

Die Schweiz ist ein Schlaraffenland. Ein Küttiger-Rüebli-Salat gefällig, gefolgt von Rheintaler-Ribelmais-Polenta mit Baselbieter Rötelitomaten und Posthörnlibohnen, zum Dessert ein Fruchtsalat aus Gelterkinder Kirschen, Bühlerzwetschen und Edelchrüsler-Äpfeln?

Die vielfältige Landschaft zwischen Ebenen und Viertausendern und die grossen klimatischen Unterschiede haben dazu geführt, dass in jeder Ecke der Schweiz die unterschiedlichsten Nutzpflanzensorten gezüchtet wurden. Das Resultat: 100 Kartoffel- und Rebsorten, 400 Gemüse- und über 1000 Apfelsorten.

Heute, wo die meisten SchweizerInnen nur noch über das Migros- oder Coop-Regal Kontakt mit der Landwirtschaft haben, ist viel von der einstigen Vielfalt verschwunden. Vor allem der grossen Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg fielen viele knorrige alte Bäume zum Opfer, und statt dieser komischen Kartoffelsorten war Stocki angesagt.

Doch keine Entwicklung ohne Gegenbewegung: Der leidenschaftliche Pomologe Karl Stoll sammelte und vermehrte jahrzehntelang alte Apfelsorten, 1985 gründete er zu diesem Zweck den Verein Fructus. Pro Specie Rara ist bereits seit 1982 aktiv für die Erhaltung alter Nutzpflanzensorten und Tierrassen. Heute beteiligen sich in der ganzen Schweiz Menschen an der Erhaltung von Nutzpflanzen; es gibt Gemüsesortengärten und Schauobstgärten, einen Verein zur Förderung der alten Getreidesorten Emmer und Einkorn und einen für den Rheintaler Ribelmais, und mehrere SaatgutzüchterInnen haben alte Sorten im Sortiment, etwa die Sativa in Rheinau ZH.

Überlebenswichtig

Alte Sorten sind mehr als nur eine schöne Beschäftigung für HobbygärtnerInnen. Sie ertragen magere Böden, Trockenheit oder kurze Sommer - Eigenschaften, die vielleicht bald überlebenswichtig sind, wenn sich das Klima[100] verändert. Schon heute werden alte Apfelsorten mit modernen gekreuzt, um besonders robuste Äpfel für den Biolandbau zu züchten. Weil der Erhalt der sogenannten Agrobiodiversität so wichtig ist, beteiligt sich auch der Bund daran: mit dem Nationalen Aktionsplan pflanzengenetische Ressourcen, der pro Jahr etwa drei Millionen Franken kostet. «Wir brauchen die Vielfalt der Pflanzensorten, weil wir die künftigen Bedürfnisse nicht kennen. Darum heisst es: Im Zweifelsfall erhalten», sagt Hans-Jörg Lehmann, Leiter Ökologie des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW).

Global sieht es für die Agrobiodiversität nicht gut aus. Bereits sind etwa drei Viertel aller Nutzpflanzen verschwunden. Die Ernährung der Menschheit hängt heute an einer Handvoll Sorten. Diese Entwicklung ist sehr gefährlich: 1845 beispielsweise vernichtete die Knollenfäule in Irland die ganze Kartoffelernte und löste eine verheerende Hungersnot aus. Es gab nur wenige, eng verwandte Kartoffelsorten auf der Insel - eine grössere Vielfalt hätte die Katastrophe verhindern können.

Auch international engagieren sich Organisationen für Agrobiodiversität, etwa der Global Crop Diversity Trust (Globale Stiftung für Nutzpflanzendiversität), der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) mitgegründet wurde. Doch die meisten Organisationen setzen ganz auf Genbanken, in denen Saatgut im Tiefkühler gelagert wird. Der Global Crop Diversity Trust plant sogar eine katastrophen- und atomkriegssichere unterirdische Genbank auf Spitzbergen.

Wahnsinniger Koch

«Die Information in einer Genbank ist tot», kritisiert Béla Bartha, der Geschäftsführer von Pro Specie Rara. «Das Wissen über den Anbau, die Pflege und die Verwendung einer Pflanze geht verloren. Was nützt ein Gemüse, wenn niemand mehr weiss, wie man es zubereitet?» Bartha plädiert dafür, alte Sorten lebend zu erhalten und zu nutzen.

Dafür braucht es neben Gärtnerinnen auch Köche und Konsumentinnen. Pro Specie Rara arbeitet seit 1999 mit Coop zusammen. Der Grossverteiler verkauft heute etwa dreissig alte Gemüse- und Früchtesorten, dazu Samen und Setzlinge von fünfzig Sorten. Die Kooperation hat Erfolg - allerdings sind nur fünf Prozent der alten Sorten geeignet für Coop. Die anderen sind zu unergiebig, lassen sich nicht transportieren, sind schlecht haltbar, schmecken zu ungewohnt oder treiben den Koch beim Schälen in den Wahnsinn. Dass die Sortenerhaltung ganz dem Markt überlassen werden kann, ist daher eine Illusion.

Die Marktchancen von Schweizer Landsorten waren das Thema einer Tagung im Herbst 2006, an der unter anderem das BLW, Pro Specie Rara, Coop, Syngenta (vgl. «Syngenta: Die neue Pro Specie Rara?») und ZüchterInnen teilnahmen. Die Ergebnisse wurden letzte Woche präsentiert. Die alten Sorten hätten die Chance, einen «festen Nischenplatz» bei Grossverteilern und auf Wochenmärkten. Doch warum eigentlich nur in Nischen? «Laufend werden gute Sorten aus dem normalen Markt ausgeschlossen», sagt die grüne Nationalrätin Maya Graf. «Als Biobäuerin erlebe ich das direkt mit. Die Grossverteiler wollen zum Beispiel seit dem letzten Jahr keine Bühlerzwetschgen mehr, weil sie zu klein seien. Und meine Lieblingskirsche, der Basler Adler, gilt heute nicht mehr als Tafelkirsche. Ist es sinnvoll, dass Sorten aus dem normalen Markt herausfallen und dann als Nischenprodukt wieder eingeführt werden?» Das ist laut Hans-Jörg Lehmann vom BLW eine globale Entwicklung. «Mit der Vereinheitlichung von Lebensmittelvorschriften und den modernen Maschinen fällt alles, was nicht maschinell sortiert, verpackt oder geschält werden kann, raus. Es gibt eine Spaltung des Marktes.»

Diese Spaltung ist bereits im Gang. Auch bei Coop: Fine Food, Bio und Pro Specie Rara für die Reichen und Bewussten, Prix Garantie und Preisabschläge für den Rest. Hinter der Spaltung des Marktes steht eine Spaltung der Landwirtschaft in eine umwelt- und sozialverträgliche Nische und den industrialisierten Rest. Ist das wirklich die einzige Möglichkeit?

Syngenta: Die neue Pro Specie Rara?

Auch Syngenta interessiert sich für alte Sorten. Der Agrarmulti lebt zu vier Fünfteln von Agrargiften wie dem heftig umstrittenen Paraquat, der Rest des Umsatzes kommt aus dem Saatguthandel. Mart von Grinsven von Syngenta nahm an der Tagung über Marktchancen von Schweizer Landsorten teil. Sein Fazit: «Landsorten eignen sich nicht für die Massenproduktion, sie besitzen aber wertvolle Eigenschaften für die Züchtung.» Durch das Einkreuzen alter Sorten mit gutem Geschmack sollen «verbesserte» Hochleistungssorten entstehen. So verwundert es nicht, dass Syngenta zu den Hauptsponsoren des Global Crop Diversity Trust gehört.

Syngenta fördert genau jene industrialisierte Landwirtschaft, die für die globale Bedrohung der Sortenvielfalt verantwortlich ist. «Effiziente Produktionsmethoden» in Grossbetrieben seien notwendig, «um den steigenden Nahrungsmittelbedarf zu befriedigen», sagt van Grinsven. «Das ist ein Trugschluss», widerspricht François Meienberg von der Erklärung von Bern. «Es sind heute Kleinbauern, die hungern. Eine Ertragssteigerung der industriellen Grossbetriebe macht sie nicht satt. Wichtig wären hingegen faire Produktpreise, ein Ende des Dumpings aus der EU und den USA und eine gerechte Landverteilung.»

Auch die grüne Nationalrätin Maya Graf macht sich Sorgen über die züchtenden Grosskonzerne: «Vier Konzerne liefern global neunzig Prozent des Saatguts. Die Gefahr von Monopolisierung ist gross. In vielen Ländern sind zudem heute Patente auf Gensequenzen erlaubt. Wenn ein Konzern die Eigenschaften einer alten Sorte patentieren lässt, verunmöglicht er allen anderen die Züchtung.» Das sei inakzeptabel: «Das freie, uneingeschränkte Züchten muss möglich bleiben. Und die Pflanzenzucht sollte zurück zu den Bauern.»

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