Nr. 04/2007 vom 25.01.2007

«Spielt eine Cumbia, wenn ich sterbe»

Ein Buch schildert eindrücklich den Alltag von argentinischen Slumkids zwischen Gewalt und Lebenslust.

Von Sonja Wenger

Zwei Jahre lang hat der chilenische Journalist Cristian Alarcón bei den Jugendlichen der Armenviertel von Buenos Aires recherchiert. Herausgekommen ist dabei eine literarische Reportage voller Respekt für die Menschen, die in einer uns verschlossenen «urbanen Parallelwelt mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen» überleben.

Eigentlich wollte Alarcón über die berüchtigten Todesschwadronen der Polizei von Buenos Aires schreiben, als er in der Siedlung San Fernando auf den Mythos von Víctor Manuel «El Frente» Vital stiess. El Frente war am 6. Februar 1999 im Alter von nur siebzehn Jahren nach einem Raubüberfall von der Polizei erschossen worden, obwohl er sich bereits ergeben hatte. Schon als Dreizehnjähriger hatte er bewaffnete Überfälle verübt und war in den Siedlungen schnell berühmt geworden wegen seiner Verwegenheit und seines Ehrenkodexes, aber vor allem auch, weil er seine Beute wie einst Robin Hood an die Bedürftigen verteilte.

Alarcóns Buch «Der Robin Hood von San Fernando» erzählt von dem Mythos, der kurz nach El Frentes Tod um seine Person entstand. Die jugendlichen Kleinkriminellen der Siedlungen glauben bis heute fest daran, dass El Frentes Geist sie vor den Kugeln ihrer FeindInnen und der Polizei schützen kann. Deshalb liegen auf seinem Grab viele Opfergaben, deshalb versammeln sich Jugendliche immer wieder auf dem Friedhof von San Fernando, um «mit El Frente» einen Joint zu rauchen. Alarcón hat es mit viel Geduld geschafft, halbwegs das Vertrauen von Vitals Familie und seinen FreundInnen zu gewinnen. So liessen sie ihn teilhaben an ihrem Alltag,

gewährten ihm Zugang zu ihren Traditionen, erzählten von ihren Erinnerungen und ihren Erlebnissen mit Víctor Manuel. Dieses behutsame, manchmal schleppend langsame Öffnen erlaubt den LeserInnen einen Einblick in eine Welt, in der die Fronten zwischen Gut und Böse viel klarer scheinen als anderswo, in eine Welt, in der Leben und Sterben nah beieinanderliegen und in der Zwanzigjährige bereits als Veteranen gelten.

Doch Alarcón erzählt nicht nur die Lebensgeschichte von El Frente und dekonstruiert den Mythos - er zieht immer weitere Kreise, porträtiert Menschen mal ausführlich, mal in wenigen Worten und lässt dabei stets Hintergrundinformationen einfliessen. Der Autor versucht gar nicht erst, eine Objektivität zu bemühen, die es nicht gibt, sondern vertraut auf die Kraft des subjektiven Blicks. Und so schildert das Buch den Alltag der Kids genauso widersprüchlich, launisch, lebenshungrig und durchsetzt von Gewalt, wie das Leben in den Slums ist. Man vernimmt die Trauer und das Leiden der Mütter und Freundinnen, man sieht die Ausweglosigkeit des Kreislaufs Gewalt - Gefängnis - Drogen, und man ahnt, was El Frente meinte, als er kurz vor seinem Tod sagte: «Wenn ich sterbe, spielt eine Cumbia [ein Tanzlied], weint nicht, weil mich das traurig macht; ich will keine Kränze und Trauermienen, ich, El Frente, will nur Cumbia und meinen Spass.»

Das Buch wurde 2005 mit dem Samuel-Chavkin-Preis für integren Journalismus ausgezeichnet.

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