Nr. 05/2007 vom 01.02.2007

Gandhi reloaded

2007: Während vier Tagen wird in Davos Wein zu Wasser und Dreck zu Gold. Und alle sind sich einig: Trotz drohenden Klimakollapses muss die Weltwirtschaft weiterwachsen. Ein Rundgang im Hochsicherheitsbereich mit Waffe.

Von Daniel Ryser, Davos

«Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verliert beides.»
Benjamin Franklin. Und Angela Merkel in Davos

«This may be the generation that will face Armageddon.»
Ronald Reagan

Drinnen ist Klimawandel Thema, draussen stecken die Limousinen im Stau und die Geländewagen, die Hummer (mit einem Verbrauch von über achtzehn Liter pro hundert Kilometer); die Helikopter können nicht fliegen, weil der Schnee doch noch gekommen ist, dafür starten und landen in Zürich-Kloten achthundert Privatjets, und weil die ChauffeurInnen nicht frieren wollen, parken die Limousinen fünf Tage lang mit laufendem Motor, und Richtung Davos-Wolfgang baute Shell eine Tankstelle mit Formel-1-Treibstoff, damit die Wef-TeilnehmerInnen mit Rennautos über den zugefrorenen See donnern können. Das macht den Braten auch nicht mehr fett, könnte man sagen. «Fett» war höchstens der Auftritt des Berner Rappers Greis am Public-Eye-Forum, doch eigentlich zählte dieser Auftritt nicht wirklich, wie das gesamte Public-Eye-Forum, die Gegenveranstaltung zum Wef.

Klaus Gandhi

Im Davoser Hotel Montana erhielt Novartis den Preis für «unverantwortliches Konzernverhalten». Dies, weil das Unternehmen durch Patentklagen verhindert, dass in Indien erschwingliche Generika gegen Krebs auf den Markt kommen. Novartis-Chef Daniel Vasella fand am Wef keine Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Und die grossen Schweizer Medien hatten bereits im Vorfeld klar gemacht, wem die Sympathien galten (dem Wef) und wem das Gespött (den GlobalisierungsgegnerInnen), die entweder keine Ahnung hätten, sich widersprächen oder falsche Prioritäten setzten. Der stellvertretende Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», Roland Schlumpf, schrieb während des Wef jeden Tag, dass der Zusammenhang zwischen dem Verbrennen fossiler Brennstoffe und dem Klimawandel nicht erwiesen sei. Das mochten ja nicht einmal mehr die Wef-TeilnehmerInnen, zumindest die meisten, bezweifeln, wie zum Beispiel Gründer Klaus Schwab, der in seiner Eröffnungsrede mit fast manischem Zwang das in seinen Kreisen sogenannte Gutmenschentum beschwor und zum Abschluss seiner Rede Mahatma Gandhi zitierte: «Du selbst musst der Wandel sein, den du Dir erhoffst!»

Doch so ganz mochte Klaus Schwab in Davos nicht auf Gandhis Lehren vertrauen, und es ist ob des unglaublichen Aufmarsches an Polizei, Militär, Geheimdienst, Security, Scharfschützen auf den Dächern der Hotels Belvedere und Sheraton vielleicht erwähnenswert: Es ist keine Bombe hochgegangen. Geschossen wurde auch nicht. Selbstverständlich wären Bomben hochgegangen und wäre geschossen worden, das massive Polizeiaufgebot hätte das nicht verhindert.

Bei den Faschisten

Wer Michael Chertoff reden hörte, den Chef der US-amerikanischen Homeland Security, des 2002 geschaffenen Departements «zum Schutz der amerikanischen Bevölkerung und Staatsgebiete vor terroristischen und anderen Bedrohungen», der verstand, warum der blasse, hagere Mann eine Heerschar Leibwächter braucht, die ihn vor der Welt beschützt: Gegen Chertoff war der korrupte US-Präsident Richard Nixon ein leuchtender Liberaler und Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels ein Anfänger. Chertoff forderte auch in Davos die totale Überwachung der BürgerInnen, weil in seiner Argumentation jeder zweite Araber ein Terrorist ist, weil jeder andere Araber und Nichtaraber wider Willen für den Terrorismus benutzt werden kann, weil man die BürgerInnen vor sich selbst schützen muss. Und der Feind ist überall. Verhielt sich deine Frau in letzter Zeit nicht merkwürdig, Bob? Die Ursachen des Terrorismus müssten dabei nicht diskutiert werden, da jede Analyse eine Art der Rechtfertigung des Terrors sei. Wer nichts verbrochen hat, das ist die Meinung Chertoffs, der hat auch nichts zu befürchten. Also kann keine Massnahme zu weit gehen. Das liegt auch ganz in der Wef-Logik: Frei sein soll in erster Linie der Markt.

So muss es bei den FaschistInnen sein, dachte ich, als ich vorbei an Scheinwerfern, Stacheldraht, Scharfschützen, SchäferhündInnen, diversen Kontrollen und finster blickenden, ob der Kälte vermummten PolizistInnen ins Kongresszentrum stiefelte, um mir Angela Merkels Wef-Eröffnungsrede anzuhören. «China wird 2009 Exportmeister sein und die USA ablösen», sagte sie. Sie sprach vom «Stern»-Report, fürchtete den Klimawandel und glaubte, ein Drittel aller Erwerbspersonen Afrikas werde in den nächsten zwanzig Jahren an Aids sterben. Merkel forderte als Konsequenz daraus mehr Freihandel, mehr Wachstum. Das sei die Lösung der meisten Probleme, inklusive Klimakollaps. Wie das gehen soll, mehr Wachstum und weniger Emissionen, liess die deutsche Bundeskanzlerin offen. OptimistInnen glauben an eine Effizienzsteigerung im Energiebereich und an Atomkraftwerke, denn diese seien, sofern sie nicht explodieren, umweltverträglich.

Das Höllenteil

«Warum habe ich den Pfefferspray gegen aggressive Hunde in der Tasche?», fragte ich mich während der Eröffnungsrede. Sie geben acht Millionen für Sicherheit aus, lassen Kampfjets aufsteigen, scannen jeden, der das Zentrum betritt, ich wurde abgetastet, geröntgt, und nun dies: Ich sitze bewaffnet an der Eröffnungsparty, und wenn dieses Höllenteil in diesem Saal losgeht, dann ist die Party zu Ende. Die anwesenden CEOs könnten die vermeintliche Verätzung von Atemwegen, Atemnot, grauenhaftes Brennen der Augen während der Rede der Bundeskanzlerin nur als den Moment interpretieren, an dem Terroristen in ihr Leben traten. Massenpanik wäre die Folge. Der Pfefferspray blieb in der Jackentasche.

Wef 2008 in Jerusalem?

Der US-Ökonom Nouriel Roubini warnte vor Rezession, vor dem Kollaps des US-Immobilienmarktes und vor den ökonomisch katastrophalen Folgen der Erderwärmung und hofft, dass Hillary Clinton die nächste US-Präsidentin wird. Der Texaner Rex Tillerson, CEO des Mineralölkonzerns Exxon Mobile, mit einem Umsatz von über 370 Milliarden Dollar grösster Konzern der Welt, glaubte hingegen, dass sich aufgrund der Klimadebatte nicht viel ändern wird: «Auch 2030 werden die alternativen Energien bloss zwei Prozent ausmachen. Wir haben mit dem Irak sehr gute Ölquellen erschlossen, nun müssen die Liefermengen optimiert werden.» Ob er Zyniker sei? «Ich lache mich nicht tot über den Klimawandel, glauben sie mir. Ich habe Kinder.» Doch anders als jährlich wiederkehrende Stimmungsvermieser wie das Thema Afrika und Aids, schien der Klimawandel die Wef-TeilnehmerInnen wirklich zu beschäftigen. Sie könnten ja selbst betroffen sein. Skifahren in Davos war auch schon einfacher. Bill Gates, was werden Sie tun, wenn Kalifornien austrocknet? «Ich lebe schon lange an der Ostküste.» Michael Dell, CEO der gleichnamigen Computerfirma, nippte gelangweilt am Kaffee und wollte sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. WTO-Chef Patrick Lamy amüsierte sich im hellblauen Strickpullover und sagte lediglich «Sorry». «Wir müssen uns über alle Grenzen hinweg lieben», sagte der ehemalige iranische Präsident Mohammad Khatami gerade in eine Fernsehkamera, während in einem Panel diskutiert wurde, ob und wie ein Militärschlag gegen den Iran «sinnvoll» wäre.

Schimon Peres, ehemaliger Ministerpräsident Israels, machte sich grosse Hoffnungen: Die 500 Kilometer lange Grenze zwischen Israel, den palästinensischen Gebieten und Jordanien müsse zum Businessparadies werden. «Investieren Sie!», rief er den CEOs zu. Geplant sei eine Wasserleitung vom Roten Meer zum Toten Meer. Es soll Oasen geben, neue Felder, Tausende Tonnen benötigtes Saatgut. «Sie können eine bessere Welt schaffen durch Investitionen. Jetzt leben erst 300 Millionen Menschen in der arabischen Welt, bald sind es 600 Millionen! Steigen sie ein, bevor der Markt wächst. Das Feuer der muslimischen Resistance kann durch Investitionen gebrochen werden.» Weil Peres sich so ins Zeug legte, soll das Wef 2008 in Jerusalem stattfinden. Klaus Schwab unterstützte auf jeden Fall den «wunderbaren Gedanken». Ein Wef gibt es im September 2007 auch im boomenden China.

Der Lachs war delikat

Essen! Eine Wef-Teilnehmerin (war es Shell?, Siemens?, die TA-Media?) hatte Fussbälle gespendet, und kleine, verhungernde Afrikanerkinder strahlten in die Kamera, spielten mit dem Ball und sagten: «Vielen Dank!» Die Sierra Leone Refugee Allstars hauten auf ihre Trommeln, während zur Vorspeise Lachs serviert wurde. Wir wippten im Takt. Der Lachs war delikat. Nach einem Film über ein verhungerndes Kind in einem anderen Kontinent wurde die Hauptspeise serviert, und «The Economist» warb für Businessalternativen: «Invest in Macedonia. New business heaven in Europe.» Drinnen der Ruf nach Dialog, Frieden, Fairness, draussen Polizeigewalt, Umweltzerstörung, knallharte Geschäftsbandagen. Ausgerechnet das «Wall Street Journal» konstatierte: «Die Firmen kommen nach Davos, um ihr Image zu polieren.» In zehn Jahren erzählen die PR-Profis am Wef vielleicht, der Klimawandel sei gottgegeben und nicht aufzuhalten. Denn eines wurde tausendmal gepredigt: Trotz des drohenden Klimakollapses wäre ein Nullwachstum fatal. Die Wirtschaft brauche Wachstum, und zwar bis die Dämme brechen und die Nordhalbkugel zufriert. In Davos denkt man nicht daran, diese Entwicklung aufzuhalten. Das Wef fördert Kapitalismus und Kosmetik, damit der Kapitalismus weitergedeiht. Die Temperaturen steigen.

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