Nr. 07/2007 vom 15.02.2007

Wahrheit und Lüge

Von Michael Saager

War er nun CIA-Agent oder nicht? Am Ende seines «autobiografischen Romans» belauscht Harry Mathews das Gespräch zweier Gäste in einer Bar. Gegenstand der Unterhaltung ist er selbst: «Sie mussten ihn ausschalten. Er wurde ‹mit äusserster Schadenszufügung aus dem Verkehr gezogen› - die nasse Lösung.» Mathews konstatiert: «Ich hatte genug gehört. Es bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass dieser Mann die Wahrheit sagte.»

Das ist natürlich eine faustdicke Lüge. Eine von vielen. Der ganze Roman ist ein Spiel, das sich dem notorischen Lügenerzählen im Namen der Wahrheit verschrieben hat. Man soll ins Stolpern geraten, und so geschieht es auch. Mathews war Mitglied der 1960 gegründeten Oulipo-Gruppe um Raymond Queneau, Italo Calvino und Georges Perec. Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle) bedeutet übersetzt «Werkstatt für potenzielle Literatur». Zur liebsten Beschäftigung der Oulipoten gehört das Anlegen von Irrgärten - für sich selbst und die LeserInnen.

Mathews erzählt die Geschichte eines in Paris lebenden US-amerikanischen Schriftstellers, der von Freundinnen und Bekannten zu Unrecht verdächtigt wird, CIA-Agent zu sein.

Irgendwann wird es ihm zu bunt. Er dreht den Spiess um und verstärkt das Gerücht. «Zum Spass» gründet er eine der Tarnung dienende Reiseagentur, verkauft gefälschte Trümmer der während der Pariser Flugshow abgestürzten sowjetischen Tupolew, inszeniert Verfolgungsjagden, erledigt verdächtige Botengänge und so weiter. Bald interessieren sich Kommunistinnen, Faschisten, der sowjetische und französische Geheimdienst für ihn. Mathews’ Leben gerät ernsthaft in Gefahr.

Bis zum Ende ist man geneigt, die hochamüsante und überaus elegant geschriebene Geschichte als Autobiografie anzuerkennen. Obwohl zahlreiche Fakten dieser «Chronik des Jahres 1973» nicht stimmen. Es ist eine verspielte Persiflage auf die teilweise absurd anmutende Geheimniskrämerei von Geheimdiensten. «Mein Leben als CIA» handelt von der Macht der Glaubwürdigkeit, die ein erfundenes Ich entfalten kann, wenn es nur stark genug behauptet, keine Fiktion zu sein.

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