Nr. 09/2007 vom 01.03.2007

Ökonomische Alternativen

Von Pit Wuhrer

Im linken VSA-Verlag sind kürzlich zwei Bücher erschienen, die unsere LeserInnen interessieren könnten: eine analytische Bestandsaufnahme der Gründe, weshalb sich Deutschland, die grösste europäische Volkswirtschaft, so schwer damit tut, die Stagnation zu überwinden. Und eine Artikelsammlung, die angesichts der wachsenden Dominanz der Finanzmärkte nach einer Alternative zum Shareholderkapitalismus sucht und ein altes Konzept in Erinnerung ruft: Wie wärs mit einer Demokratisierung der Wirtschaft (und zwar über die in Deutschland praktizierte, in der Schweiz aber immer noch nicht umgesetzte betriebliche Mitbestimmung hinaus)?

Im Band mit dem Titel «In der Stagnationsfalle» untersuchen sechs Politökonomen die Frage, woran es liegt, dass Deutschland lange Zeit überhaupt nicht und auch jetzt nur spärlich und mit grosser Verzögerung auf den weltweiten Wirtschaftsaufschwung reagiert. Die Autoren - sie verfolgen im Wesentlichen einen linkskeynesianischen Ansatz - analysieren die Folgen der neoliberalen Politik, die trotz aller «Reformen» des Arbeitsmarktes, der Sozialversicherungen und des Steuerbereichs kein dauerhaftes und sinnvolles Wirtschaftswachstum geschaffen hat. Sie beschreiben die Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation, der menschlichen Bedürfnisse und der Theorien (Karl Georg Zinn, Harry Nick, Norbert Reuter), schildern die Kosten der entfesselten Finanzmärkte (Jörg Huffschmid), sezieren die widersprüchlichen Beziehungen zwischen Wachstum und ökologischer Nachhaltigkeit (eine sinnvolle, auch die Energiebedürfnisse der Dritten Welt berücksichtigende Nachfrage könne, so Klaus Steinitz, nur durch öffentliche Mittel realisiert werden) und fordern eine Steuerung der Ökonomie (Joachim Bischoff).

Diese Steuerung aber, so das Buch «Wirtschaftsdemokratie», darf nicht allein dem Staat überlassen werden. Anknüpfend an die wirtschaftsdemokratischen Konzepte früherer Zeiten beschäftigen sich die AutorInnen mit einer Reihe von Fragen, die weit über den betrieblich-ökonomischen Bereich hinausreichen.

Könnte eine Demokratisierung der immer noch weitgehend totalitären Wirtschaftsbeziehungen eine Alternative im Kampf gegen die Logik von Markt und Profit bieten? Aber wer wären die TrägerInnen eines solchen Prozesses? Welches emanzipatorische Potenzial würde eine Gesellschaft entfalten, in der «ProduzentInnen und KonsumentInnen gemeinsam über Produkte und Produktionslinien, über die Allokation der Ressourcen und über die Art und Weise des Arbeitens entscheiden» (Alex Demirovic)? Welche Probleme müssen überwunden werden (gegenwärtig sind weder Mitbestimmung noch Wirtschaftsdemokratie Thema der Demokratietheorie)? Oder scheitern Ansätze wie der der britischen Lucas-Arbeiter (siehe WOZ Nr. 7/07) zwangsläufig an den Kommandostrukturen des Kapitals?

Allein schon die Tatsache, dass diese Fragen wieder aufgeworfen werden, macht das Buch lesenswert.

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