Nr. 11/2007 vom 15.03.2007

Zum Glück hat jemand genauer hingesehen

Was unterscheidet Zürich Schwamendingen von anderen Vorstädten - und was nicht?

Von Armin Büttner

«In Schwamendingen sieht man heute Gegensätze, die an anderen Orten erst langsam sichtbar werden. Das macht es so spannend», sagte die in Berlin lebende gebürtige Baslerin Susann Sitzler im März letzten Jahres im WOZ-Interview. Sie war damals frisch in Zürich gelandet, um hier zweieinhalb Monate lang für ein Buch über Schwamendingen zu recherchieren. Spannend? Dabei wissen wir alle, wie es im Zürcher Aussenquartier aussieht: «Brennende Abfallkübel, zwischen denen man von ausländischen Gewalttätern überfallen wird», wie Sitzler es damals ironisch formulierte.

Zum Glück hat Sitzler genauer hingesehen. Das Buch «Vorstadt Avantgarde» bietet keine hochtrabenden städtebaulichen oder sozialwissenschaftlichen Theorien, sondern eher ein essayistisches Erspüren dessen, was Schwamendingen von anderen Vorstädten in der Schweiz unterscheidet - und was eben nicht. Sitzler sprach mit Neuzugezogenen ebenso wie mit Alteingesessenen, die sich an Zeiten erinnern, als Schwamendingen noch ein Dorf war. Mit Leuten aus den hässlichen Wohnblocks wie mit den - ebenfalls dort existierenden - HausbesitzerInnen, die mitleidig «auf die in den Blöcken da unten» schauen. Vor allem aber läuft sie mit offenen Augen durch die Welt und erweist sich dabei als genaue Beobachterin - auch ihrer eigenen Reaktionen auf das Quartier.

Diese Herangehensweise hat sich als sinnvoll erwiesen, denn gerade durch die Mischung aus Fakten, Interviews und persönlichen Gedanken der Autorin entsteht beim Lesen ein umfassendes Bild der Widersprüche, die das Quartier prägen. So gelingt Sitzler anhand von Schwamendingen zu zeigen, wie die ganze Schweiz ihren eigenen Bildern davonläuft: «Wer die alte Zeit zurückhaben will, sieht die vielen Ausländer. (...) Wer noch gegen die Eltern rebelliert, die Bünzli. Und alle sehen die Wohnblöcke, die sie unangenehm daran erinnern, dass heute nur noch dreissig Prozent der Schweizer in einem richtigen Dorf oder in einer richtigen Stadt leben. Wo sonst kann man das, was man fürchtet, einmal so bequem und gefahrlos aus der Nähe sehen?»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch