Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Tim und Gibran

Wenn der Gewalttäter ein Gesicht bekommt, sieht er plötzlich anders aus. Ein Film begleitet zwei extrem gewalttätige Jugendliche.

Von Jen Haas

Ein etwas eingeschüchterter, aber proper aussehender Jugendlicher wird aufgefordert, seinen brutalsten Übergriff auf einen anderen Jugendlichen vor Publikum nachzuzeichnen. Er zögert zunächst, schildert dann den Vorfall: Weil ein Mitschüler seiner Aufforderung nicht nachkam, bei einer Filmvorführung ruhig zu bleiben, habe er zugeschlagen, weil es ihm an Respekt gegenüber seiner Person fehlte. Zugeschlagen ist nur der Vorname. Zunächst hämmert er seinen Kopf gegen denjenigen seines Gegenübers. Nachdem dieser zu Boden gesackt ist, verpasst er ihm einige Tritte in die Bauchgegend. Mit ein paar gezielten und heftigen Fusstritten auf den Kopf lässt er das winselnde Opfer liegen. In seinen Haaren hängt ein Zahn.

In einer zivilisierten Gesellschaft, so der Soziologe Norbert Elias, werde offene Brutalität und Gewalt mit «Unlustdrohungen» eingeschränkt: Der gepflegte und äusserst charmante Gibran befindet sich in einem Antiaggressionstraining, einer Gruppentherapie für extrem gewalttätige Jugendliche. Im Dokumentarfilm «Faustrecht» von Bernhard Weber und Robert Müller wird er, zusammen mit dem eher unauffälligen Tim, über längere Zeit begleitet. Obwohl sie noch nicht volljährig sind, hat ihre Aggressionsbereitschaft eine bemerkenswerten Batterie an «Unlustdrohungen» zur Konsequenz: psychiatrische Kliniken, Einzel- und Gruppentherapien, Pflegefamilien, Jugendheime und so weiter und so fort. «Faustrecht» ist ein detailreiches Porträt zweier auffälliger Persönlichkeiten, aber auch einer gesellschaftlichen Maschinerie, die versucht, dieser Auffälligkeit mit ihren eigenen Gewaltmitteln Herr zu werden.

Sein eigentliches Potenzial schöpft der Dokumentarfilm jedoch aus der raffiniert gewählten Gegenüberstellung zweier ganz unterschiedlicher Jugendlicher. Jeder verstösst auf seine Art gegen die geltenden Regeln: auf der einen Seite der in sich gekehrte Tim, welcher der Sehnsucht nach einem eigenständigen Leben nachhängt - und diese durch seine gelegentlichen «Ausraster» wieder zunichtemacht. Tim erfährt seine äusserst gewalttätigen Episoden, möglicherweise geprägt durch seine institutionelle Karriere, dann auch als etwas, dem gegenüber er ausgeliefert ist, als eine Macht, über die er nicht verfügt.Ganz im Gegensatz dazu verwendet Gibran brutale Gewalt für seine Zwecke gezielt - und weiss dies auch. Es kommt noch dicker, er kann sie auch gut verkaufen: Schmunzelnd erklärt er in einer Bemerkung, dass er in einer Zeit der Intellektuellen lebe, in der seine Art, sich zu behaupten, einfach keinen Platz hätte. Natürlich würde er auch jetzt noch gerne zuschlagen, wisse aber, dass er dies nicht dürfe. Für die Filmemacher und das avisierte Publikum ist Gibran ein Glücksfall, seine selbstreflexiven Bemerkungen verleihen der bodenständigen Gewalt eine weitere, intellektuelle Dimension. Man vergisst mit ihm gerne, wie sich körperliche Brutalität anfühlt, und wird mit der tragischen Wende plötzlich auf den Boden der Realität geholt: Ein Jahr später schiesst Gibran seiner Freundin eine Kugel in den Kopf.

Das Thema jugendliche Gewalt aus dem Dunstkreis der moralischen Empörung und der monströsen Stereotypisierung zu ziehen - dieses Anliegen ist den Filmemachern zweifellos gelungen. Ein solcher Zugang ist nötig, insbesondere nach einer verlogen geführten Diskussion um die Mehrfachvergewaltigung von Zürich Seebach. Andererseits produziert «Faustrecht» auch ein Unbehagen. Wir sehen kein Opfer der Zurichtung, die beiden Jugendlichen nie wirklich als Gewalttäter. Manchmal scheint es, als würden Weber und Müller der menschlichen Fähigkeit erliegen, an der es ihren Protagonisten oft fehlt, nämlich sich in die Situation des Gegenübers einzufühlen. Lange Einstellungen, Grossaufnahmen und die musikalische Begleitung einzelner Handlungssträngen bringen uns die beiden näher, verleihen ihnen in der Tat ein ganz anderes Gesicht. Inwiefern sie dieses verdient haben, bleibt schliesslich eine Frage, die wohl je nach Perspektive anders beantwortet wird. Im gemütlichen Kinosessel sind wir eher bereit, dem zuzustimmen, als auf der Strasse, blutend am Boden liegend.

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