Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Grenzverkehr

Von Pascal Claude

Im SBB-Reisemagazin «Via» las ich einen kurzen Text zur wiedereröffneten Bahnlinie Boncourt-Delle. Die Strecke am äussersten Zipfel des Kantons Jura ist keine fünf Kilometer lang, passiert jedoch die Grenze und ist deshalb von einigem Symbolgehalt. Über elf Jahre verkehrte hier kein Zug. Seit Dezember letzten Jahres nun chauffiert ein Bummler die Reisenden von Neuchâtel via Biel, Moutier und Delémont direkt ins französische Delle, zwölfmal täglich. Geplant ist ferner, die ebenfalls stillgelegte Strecke Delle-Belfort dereinst wieder in Betrieb zu nehmen sowie Delle mit dem geplanten TGV-Bahnhof in Montbéliard zu verbinden. Erfreuliche Aussichten, denn normalerweise werden Bahnlinien in Randregionen aufgegeben, nicht wieder eröffnet. Trotzdem verfolge ich die Entwicklungen mit einiger Sorge.

In Montbéliard ist der französische Erstligist FC Sochaux zuhause. Als ich im November 2001 entschieden hatte, die grenznahe Stadt zu besuchen, merkte ich rasch, dass Montbéliard mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen ist. Nach eingehendem Studium der Bahnkarte entschied ich mich, von hinten in die Stadt einzufallen. Via Biel und La Chaux-de-Fonds landete ich in Le Locle, von wo aus ein niedlicher Triebwagen nach Les Brenets fährt. Dorthin wollte ich, weil ich erfahren hatte, dass in Villers-le-Lac, dem Nachbardorf von Les Brenets ennet der Grenze, eine Bäckerei steht, die Tickets für die Sochaux-Spiele verkauft.

Es regnete Nassschnee an jenem Tag, und das mit dem Nachbardorf war verniedlicht. Rund vier Kilometer Fussmarsch musste ich zurücklegen, durch Les Brenets, am verwaisten Zollhaus vorbei, entlang dem vom Doubs gebildeten Lac des Brenets nach Villers-le-Lac. Die Bäckerei machte gerade Mittagspause, doch der Zufall wollte es, dass im nebenstehenden Bistro der Wirt damit beschäftigt war, Kanterbräu aus seinem Hahnen zu zapfen. «Bist du nass, nimm ein Bier vom Fass», hörte ich mich sagen, und zack! hatten zwei Euro den Besitzer gewechselt. Dann war fertig Mittag.

Die Bäckerei war eine echte Bäckerei ohne Anzeichen einer Vorverkaufsstelle. Ein seltsamer Gedanke, inmitten all der Croissants, Baguettes und Pains aux raisins ein Billett für ein Fussballspiel zu verlangen. Doch die Bäckerin zuckte nicht mit der Wimper. Sie führte mich in einen Hinterraum, wo ein nigelnagelneuer Computer stand, aus dessen Drucker eine Endlosschlange vorgedruckter Sochaux-Tickets baumelte. Die Bäckerin erklärte mir auf dem Monitor das Stadioninnere und erläuterte die Preise, kassierte und druckte aus. Mit Kanterbräu im Kopf, dem Duft frischer Backwaren in der Nase, einem Billett in der Tasche und einem Gefühl der Glückseligkeit im Bauch trat ich den Rückweg an. Es hatte aufgehellt.

Diesmal war der Zöllner auf dem Posten. Er musterte mich skeptisch. Auf die Frage nach dem Grund meines Spaziergangs erzählte ich ihm von Eisenbahnen, Fussballstadien, Rosinenbrötchen und frischem Bier. Er glaubte mir kein Wort. Ich musste meine Taschen leeren. Als er das Matchticket in der Hand hielt, schaute er mich kurz an, ging in sein Häuschen, kam mit einem Stapel Prospekte der Tourismusregion Franche-Comté zurück und wünschte mir eine gute Reise.

Zurück in Le Locle bestieg ich den prähistorischen Regionalzug nach Besançon, stieg aber kurz nach der Grenze in Morteau aus. Morteaus Wahrzeichen ist eine Wurst mit dem klingenden Namen «Jésus». Und diese «Jésus de Morteau» ist nicht irgendeine Wurst. Sie ist so dick, dass die Waadtländer Boutefas dagegen wie ein Minipic aussieht. Wer eine «Jésus» verzehrt, muss danach mehr als tausend Schritte tun. Ich machte mich auf zu Morteaus Fussballplatz, der in seiner einsamen Novemberstarre an Aschenbrödel erinnerte, was so gar nichts mit Fussball zu tun hat.

Dann endlich, nach vielen Bahnkilometern und einer Nacht Rast erreichte ich via Besançon Montbéliard. Sochaux, der Peugeot-Klub, spielt auf dem Gelände der Autowerkstatt, und das moderne Stade Bonal sieht von aussen aus wie ein vorweggenommener Münchner Allianz-Pneu aus Weissblech. Drinnen wars sehr freundlich. Die Ultras Sochaux plauderten herzlich und schenkten mir zur Erinnerung ihr Fanzine «KAOS», voll mit Fussball, Ska, Oi und Antirassismus. Sochaux verlor 1:2, nicht aus Unvermögen, sondern weil die andern, Auxerre, auf dem Flügel einen viel zu schnellen, eleganten Modellathleten hatten, auf dessen Rücken «Cissé» stand.

Nach Belfort fuhr am nächsten Morgen ein Zug. Dort gabs einen Bus nach Delle, und die letzten paar Kilometer nach Boncourt musste ich zu Fuss gehen. Auf ein längeres Gespräch mit dem Zöllner wäre ich vorbereitet gewesen, doch er winkte mich durch. In Boncourt wartete ein Regionalzug, und bald war ich daheim. Den Leuten, die dort wohnen, in Boncourt, in der ganzen Ajoie und überhaupt im ganzen Jura beidseits der Grenze, gönne ich die neu gewonnene Mobilität von Herzen. Ich aber fürchte, etwas zu verpassen, wenn die Wege zu direkt zum Ziel führen.

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