Nr. 13/2007 vom 29.03.2007

Die Kante aller Kanten

Kein Berg in den Alpen ist unter KletterInnen so legendär. Und so prächtig wie der Fels des Bergeller Piz Badile ist auch das Buch von Marco Volken.

Von Alfons Ummenhofer

Es gibt viele gute und schwere Granitklettereien in den Bergeller Bergen. Fuori-Kante, Cengalo-Nordwestwand oder das wilde Val di Mello. Aber am Piz Badile führt kein Weg vorbei. Allein wegen der Nordkante reisen jedes Jahr unzählige BergsteigerInnen in das Val Bondasca. Über 1200 Klettermeter, ständig nach oben orientiert, keine Gratüberschreitungen mit Abseilen, alles in bestem Granit.

Keine Frage, da mussten wir hin. Die gerade Linie der Kante strahlte zwischen Licht und Schatten, als wir am frühen Morgen von der Capanna Sasc Furä kommend der Einstiegsscharte entgegenschritten. 25 Seillängen später waren wir oben und köpften eine Flasche Rotwein. Jahre danach diente uns die Kante als Abseilpiste, nachdem wir die mittlerweile klassische Route «Another Day in Paradise» durchstiegen hatten. Es wird wohl kaum einen Kletterer, eine Kletterin geben, der oder die diese Kante auslassen möchte.

Rasante Erstbesteigung

Marco Volken hat dem Badile, seinem Ruhm, seiner Ausstrahlung sowie seinen oft abenteuerlichen und schicksalhaften Erstbegehungen eine würdige Anerkennung zukommen lassen. Man erkennt sofort, dass sich der Herausgeber im Bergeller Granit auskennt. Davon zeugen schon seine hervorragenden Fotos und die exakte Beschreibung der Kletterrouten. Er hat es zudem geschafft, eine kundige Schar von AutorInnen für seine Bergmonografie zu gewinnen, die die 140-jährige Erschliessungsgeschichte des vielleicht berühmtesten Kletterbergs der Alpen schildert. Diese AutorInnen laden ein aufs Spielfeld Pizzo Badile.

Volken und die anderen stellen, beginnend bei den ersten Besteigungsversuchen, alle bergsteigerischen Epochen vor, ihre jeweiligen Akteure, ihre Philosophie und ihren Stil. Das Buch bietet auf diese Weise eine Art Gesamtübersicht des Alpinismus, denn alle waren am Badile gewesen. William Coolidge zum Beispiel, der 1867 - gerade mal sechzehn Jahre alt - mit seinen beiden Führern den Badile zum ersten Mal bestieg (und das nur in knapp sechs Stunden). Oder Christian Klucker, der Ende des 19. Jahrhunderts im Alleingang fast die Nordkante bestiegen hätte. Oder Alfred Zürcher, der 1923 zusammen mit Walter Risch diese Kante aller Kanten bewältigte und dessen Beschreibung der Erstbegehung noch heute einem Psychokrimi ähnelt, da die beiden immer wieder nach links und rechts in die Wand abgedrängt wurden. Selbst nach einem grandiosen Verhauer - sie folgten einem Erosionsband in die Nordostwand - liessen sie sich nicht entmutigen. Beim Klettern kam und kommt es immer noch auf die psychische Verfassung an. Wir waren damals froh zu wissen, dass man stets der Kante folgen muss.

Gefährliche Bergeller Gewitter

Und dann die dramatische Erstbegehung des Plattenpanzers der Nordostwand durch den Antifaschisten Riccardo Cassin und seine Kollegen, bei der zwei Bergsteiger ihr Leben verloren (die Route hat bis heute nichts von ihrem Nimbus verloren); der Alleingang von Hermann Buhl, der mit dem Velo aus Innsbruck angeradelt war; die Schilderungen von Gaston Rebuffat. Man könnte noch viele Namen nennen wie etwa den der Sassisti aus dem Val di Mello, einer losen Klettergruppe mit viel Tatendrang und hoher Moral. Jede Erschliessungsphase wird lebendig, und es ist eine wahre Freude, die unterschiedlichen Ansichten der AlpinistInnen über ihr Tun anhand eines Berges so plastisch dargestellt zu bekommen.

Den Kapiteln angefügt sind Hintergrundbeiträge, die zusätzliches Wissen vermitteln. Man erfährt viel über die Entwicklung der Alpenclub-Hütten am Fusse des Berges, über den geologischen Aufbau des Bergeller Granits oder die Gefahren. Wer jemals eines der unzähligen Gewitter im Bergell erlebt hat, welche die Wände in tosende Wasserfälle verwandeln, wird diesen Beitrag zu schätzen wissen. Und so glaubt man Marco Volken gerne, der schreibt, dass es ihm nicht nur um eine Auflistung der Schwierigkeitsgrade gegangen sei, sondern um eine Darstellung der Emotionen und Erlebnisse beim Aufstieg. Dies ist ihm gelungen.

Aber noch besser ist: Man geht selbst hin. Der Badile ist nur ein paar Zugstunden entfernt.

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