Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Lebendige ZeugInnen

Der Fotoreporterin und Filmautorin Digne M. Marcovicz ist ein eindrückliches Jugendbuch zur Schoa gelungen, das nicht nur Antworten gibt.

Von Luisa Genovese

«Massel», Glück, hätten diejenigen gehabt, die die Schoa überlebt haben, sagt Havka Folman Raban. Zwölf Überlebende, meist polnische Jüdinnen und Juden, kommen hier zu Wort und legen Zeugnis ab von ihrer glückhaften Rettung. Sie reden von Glück, weil für Jüdinnen und Juden kein Entrinnen vor dem Tod durch den Naziterror vorgesehen war. Mordechai Weinryb nennt es «Glückssache - versteckt in Radomsko, in Czestochowa gekämpft, in Buchenwald versteckt. Wie der Krieg beendet war, war ich 22. Es war grauenhaft!» Um den Hals hat er ein «Hai» hängen, den hebräischen Buchstaben für «Leben», als müsste dieser ihn daran erinnern, dass er nicht zu den Umgekommenen zählt.

Tabubruch

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Primo Levi, das das Interesse der jüngeren LeserInnen beschwört, welches «sogar lebendiger als bei den älteren Generationen» ist, «die sich gegenüber dem Faschismus weitgehend kompromittiert haben». Für unsere Zeit scheint Levis Aussage nicht mehr zuzutreffen: Viele Jugendliche können mit «Auschwitz», einem heute ausgehöhlten Schlagwort, nicht mehr viel anfangen. Wieder gefüllt wird der Begriff meist in einer Perversion, indem das, was dort geschah, verharmlost, verleugnet oder gar glorifiziert und begrüsst wird - wobei die Gefahr schon lange nicht mehr nur von der extremen Rechten ausgeht.

Der Tabubruch erfolgt schamlos und erfasst vor allem die Jugend, die die Wertetradition weiterführt und so nicht nur das Tabu, sondern auch die Halbherzigkeit der Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Diese bestürzende Entwicklung gab für die in Berlin lebende Fotoreporterin und Filmautorin Digne M. Marcovicz den Ausschlag für das Jugendbuchprojekt «Massel», das denn auch ihrem Enkel und dessen Generation gewidmet ist.

Marcovicz betritt einen neuen, eigenen Weg: Das Genre des Comic bleibt eine Anlehnung - bei Marcovicz werden die Bilder zum Kommentar, der Kommentar zum eigentlichen Bild. Dabei mangelt es den Bildern nicht an Stärke, gerade die Komposition von Bild und Text macht dieses Buch zum «Erlebnis».

Die Fotos, mit einer Digitalkamera gefilmt, sind also Filmstills: einzeln herausgegriffene und arrangierte, bewegte Bilder. Dass diese letzten ZeugInnen so unmittelbar wirken, verdankt sich einem weiteren von Marcovicz und ihrem Mitarbeiter und ausgebildeten Bühnenbildner Notker Schweikhardt verwendeten Kunstgriff aus dem Comicgenre: Der Text variiert in Schriftart und Schriftgrösse, immer wieder springen einen Buchstaben, Worte oder ganze Sätze in Übergrösse, fett und farbig an. Daraus ergibt sich nicht nur der ganz persönliche und direkte Sprachduktus der Interviewten in der wiedergegebenen Erzählsituation, sondern die Typografie spiegelt auch die Betroffenheit der ersten Zuhörerin - Digne M. Marcovicz - wider.

Spurensuche

Aber die Autorin will hier nicht etwas vorführen, schon gar nicht mit dem pädagogisch-moralischen Zeigefinger. Es gehört zur Ausserordentlichkeit dieses Buchs, dass es Marcovicz gelingt, LeserInnen zu ZuhörerInnen zu machen, dass sie sie durchs Lesen, oder eben: Hören und Schauen befähigt, sich an ihrer Seite auf Spurensuche zu begeben und das Abgebildete, das Erzähltwerden wie auch die Besuche verschiedener Gedenkstätten unmittelbar zu erleben. Das sorgfältig und sparsam eingebettete Archivmaterial dient der nüchternen und dadurch eindringlichen Information und wirkt nicht distanziert veranschaulichend.

Für Primo Levi bilden «die nazistischen Massaker (...) den zentralen Knotenpunkt der europäischen Geschichte unseres Jahrhunderts». Ein paar Seiten weiter lesen wir auf einer beim Konzentrationslager Auschwitz fotografierten Tafel, dass im «Jahre 1979 (...) das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der Unesco in die internationale Liste der Weltkulturerbe aufgenommen» wurde.

Und dennoch: Das Kulturerbe sind letztlich nicht allein die Orte des Schreckens selbst. Unser Kulturerbe, das sind wir selbst mit unseren fürchterlichsten Abgründen - unser Kulturerbe, das sind aber auch wir mit unserem Mut. Zur Wahrung nicht zuletzt auch der eigenen Menschenwürde. Tag für Tag.

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