Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Mitten ins Gesicht

Auf eindrückliche Weise zeigt «Abschied vom Norden», wie ein junges Paar sukzessive in die Gewalttätigkeit schlittert.

Von Sabina Brunnschweiler

Der Roman wirft Fragen auf. Die Autorin streut Hinweise; Beobachtung folgt auf Beobachtung, vor allem die Figuren beschreibt Pascale Kramer bis ins Detail genau. Als LeserIn sammelt man Indizien wie bei der Lektüre eines Krimis. Antworten folgen aber lange nicht oder gar keine. Man fühlt sich bisweilen verloren, ärgert sich sogar. Trotzdem bleibt man dran. Und ehe man sich versieht, steckt man mittendrin in Pascale Kramers atmosphärisch dichter Welt. Die in Genf geborene und heute in Paris lebende Autorin wiederholt in ihrem neuen Buch gekonnt, wofür sie seit ihrem Roman «Die Lebenden» auch im deutschsprachigen Raum geschätzt wird. Sie versteht es - gerade durch das Weglassen von Auflösungen -, eine starke Spannung aufzubauen.

Sie lässt die LeserInnen mit ihren Figuren fühlen. Oft bedeutet dies: leiden. Die Stimmungen in ihren Romanen sind beklemmend, womit Pascale Kramer ihren Figuren gerecht wird, die wenig Heldenhaftes an sich haben. Die Autorin interessiert sich für das «ganz gewöhnliche, armselige Leben», wie im Klappentext von «Abschied vom Norden» vermerkt ist. Alain, der 29-jährige Protagonist, arbeitet seit fünf Jahren jeden Sommer in der Kressegärtnerei seines Bruders in einem Dorf am Meer im Norden Frankreichs, zusammen mit dem Alkoholiker Serge und dem dicklichen Engländer Sven. Welcher Tätigkeit er die restlichen Monate des Jahres nachgeht, erfährt man nicht.

Jeden Freitagabend trifft Alain beim Abladen der Kressekisten im Dorfladen die siebzehnjährige Patricia. Er verliebt sich in sie, Patricia verliebt sich nicht in ihn. Sicher ist man sich in dieser Frage jedoch nie. Auf jeden Fall finden die beiden zusammen. Und nicht erst als Patricia nach wenigen Monaten schwanger wird, sind sie auf beunruhigende Weise aneinandergebunden. Man fragt sich ständig, was ihn anzieht an dieser jungen Frau. Am Anfang ist es offensichtlich der Sex und auch der lange gehegte Wunsch, jemanden zu lieben. Bald erkennt Alain aber selbst, dass sie «nicht füreinander geschaffen» sind. Es gelingt ihm jedoch nicht, sich von ihr zu trennen. Stattdessen entwickelt er den Drang, Patricia rund um die Uhr zu kontrollieren. Er will sie ganz für sich: «Hätte sie doch bloss kein Verlangen nach der Welt ausserhalb von ihnen beiden, ihr Glück, so schien es ihm, hing nur davon ab.»

Weshalb sich Patricia auf Alain einlässt, bleibt genauso offen. Lange Zeit scheint sie sich richtiggehend vor ihm zu ekeln, vor allem vor seiner körperlichen Nähe: «Sie wandte den Kopf ab, um seiner hartnäckigen Zunge auszuweichen, die sie mehr abzustossen schien als sein Glied.» Sobald sie schwanger wird, verweigert Patricia jeden sexuellen Kontakt. Es ist eine Mischung aus enttäuschten Erwartungen, gekränktem Stolz und dem Bewusstsein des eigenen Versagens, die das ohnehin unzärtliche Verhältnis der beiden immer gewalttätiger werden lässt. Zuerst stösst Alain mit seiner Stirn nur leicht gegen die ihre, später heftiger. Bald schlägt er sie. Im Zusammenspiel mit Alkohol spürt Alain sogar «eine orgastische Lust, Patricia in ihrem Blut liegen zu sehen».

Eskalation

Wie die Spannung des Romans hat sich auch die Gewalt zwischen den beiden fast unbemerkt entwickelt. Ohne Erklärungen der Autorin bekommt man als LeserIn eine Ahnung dafür, wie so etwas geschehen kann. Diese grosse Leistung Pascale Kramers lässt über manche stilistische Unsorgfältigkeit hinwegsehen, eine zu Beginn des Romans - in der deutschen Übersetzung jedenfalls - überschwängliche Verwendung von Adjektiven etwa («diese robuste und ungezwungene, blühende Männlichkeit») mit häufigen unnötigen Zuspitzungen («wunderbar schlanke Figur», «heftig quälend», «so sehr ersehnt»). Der Schluss des Romans bleibt offen. Patricia teilt Alain mit, dass sie sich bei der Polizei informiert habe und ihn jederzeit dazu verurteilen lassen könne, dass er sich ihr nie wieder nähern dürfe. Alain scheint verstanden zu haben und seine Schlüsse zu ziehen. Aber welche? Oder doch nicht?

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