Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

Auf dem Berg, im Berg

Der «T. C. Boyle der Alpenliteratur» verwebt in «Graatzug» alte Sagen und zeitkritische Arbeitsreportagen zu einem spannenden Ganzen.

Von Bettina Dyttrich

Sagen sind in. In Romanen und Theaterstücken, auf Wanderwegtafeln und in der Käsewerbung sind sie in den letzten Jahren wiederauferstanden, die Sennetuntschis und Quatemberkinder, Wildmannli und armen Seelen. Kein Wunder: Es sind dramatische, packende Geschichten, die sich unsere VorfahrInnen erzählten, und Kulturschaffende wie TouristikerInnen wären selber schuld, wenn sie nicht darauf zurückgreifen würden.

Doch sie müssen sich einige kritische Fragen gefallen lassen: Werden die alten Geschichten und die vergangenen Lebensformen, für die sie stehen, respektiert, oder dienen sie bloss als Kulisse? Entstehen aus dem Rückgriff auf Sagen neue Inhalte, oder soll er nur die eigene Ideenlosigkeit vertuschen? Der Klappentext von Urs Augstburgers neuem Roman «Graatzug» lässt nichts Gutes vermuten. Er klingt nach einem simpel gestrickten Gegenwartsmärchen, gewürzt mit armen Seelen und anderem Spuk.

Doch das Buch liest sich rasant und gar nicht wie ein Märchen. Ort des Geschehens ist das fiktive Walliser Bergdorf Plon. In den sechziger Jahren wurde oberhalb des Dorfes ein riesiger Stausee gebaut, mit kilometerlangen Stollen, die das Wasser der Nachbartäler zuleiten. Bald soll ein zweites Kraftwerk unter dem Dorf eröffnet werden.

Machenschaften

«Graatzug» spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart trifft der Hotelerbe Silvan Bohrer, der eigentlich lieber Filmemacher wäre, auf Lena Amherd, Umweltaktivistin mit Ploner Wurzeln. Sie ist im Dorf, um zu prüfen, ob die Kraftwerkbauer die umkämpften Umweltauflagen eingehalten haben. Als dritte Hauptfigur treibt sich Xeno Rothen in der Umgebung des Dorfes herum, ein schweigsamer Unbekannter mit Racheplänen im Kopf.

Die Gründe für seine Rachepläne erfahren wir auf der zweiten Zeitebene: Anfang der sechziger Jahre ist der Bau der Staumauer im Gang. Der See wird den Hof von Xenos Grosseltern Pius und Julia Rothen überfluten. Pius weigert sich bis zuletzt, die Angebote der Bauherren anzunehmen, die ihm ein neues, modernes Haus versprechen. Lieber zimmert er seinen eigenen Sarg. Arnold, der Sohn, erträgt seinen Vater nicht mehr und sucht ausgerechnet im Stollen des Stausees Arbeit. Er lässt seinen Sohn Xeno bei den Grosseltern zurück.

Urs Augstburger verwebt die beiden Zeitebenen zu einem spannenden Ganzen: Lena Amherd entdeckt illegale Machenschaften der Kraftwerkbauer, Silvan Bohrer findet zu sich selbst, und auch die Liebe kommt nicht zu kurz - sie ist voller Klischees und Missverständnisse wie in einem richtigen Bergroman. Eine überraschende Wendung führt zurück zur Sage, die am Anfang stand, und lässt sie auch für moderne LeserInnen gar nicht so fremd erscheinen.

VerliererInnen

Doch es sind nicht in erster Linie die alten Sagen, die von «Graatzug» in Erinnerung bleiben. Dass das Buch mehr ist als ein schnell gelesener, spannender Bergkrimi, liegt an der zweiten Zeitebene. Hier beschreibt Augstburger eindrücklich die gefährliche, gesundheitsschädigende Arbeit der Mineure im Stollen, die noch gefährlicher gemacht wurde durch absurde Wettrennen und Lohnprämien für die schnellere Equipe. Vorbild waren ihm die Berichte und Filme zum Bau der Grande Dixence. Er schildert, wie imperialistisch sich die Stromkonzerne in den Bergen gebärdeten, wie Dörfer gespalten wurden, weil einige von der Entwicklung profitierten, viele andere aber verloren.

Augstburger gibt Pius Rothen, einem der VerliererInnen, eine Stimme. Er zeigt, dass dieser Bauer mit seinen Wasserleitungen eine mindestens so bewundernswerte Leistung vollbrachte wie die Ingenieure mit ihrem Stausee. Der Welt des starrsinnigen Pius und seiner Frau Julia, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Alten und dem Neuen, nähert er sich mit Respekt. Die Beschreibung dieser Arbeitswelten im Berg und auf dem Berg ist die Stärke von «Graatzug».

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