Nr. 18/2007 vom 03.05.2007

Definiere Dich selbst!

Amartya Sen wendet sich in seinem neuen Buch gegen die Behauptung vom «Kampf der Kulturen» - ein Plädoyer gegen eindimensionales Denken.

Von Andreas Fanizadeh

Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat Amartya Sen eine Vortragsreihe an der Universität von Boston gehalten. Unter dem Eindruck einer global eskalierenden Auseinandersetzung zwischen «dem» Westen und «der» islamischen Welt wandte sich der Nobelpreisträger gegen die weitverbreitete These vom «Krieg der Kulturen». Wer Menschen nach einigen wenigen kulturellen, religiösen und nationalistischen Herkunftsmustern deute, so der Wirtschaftswissenschaftler Sen, giesse Öl ins Feuer der globalen Konflikte.

Mit einer solchen «solitaristischen Deutung» der menschlichen Identität würde man nämlich «mit ziemlicher Sicherheit» fast jeden Menschen auf der Welt missverstehen: «Im normalen Leben begreifen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen. Eine Person kann gänzlich widerspruchsfrei amerikanische Bürgerin, von karibischer Herkunft, mit afrikanischen Vorfahren, Christin, Liberale, Frau, Vegetarierin, Langstreckenläuferin, Historikerin, Lehrerin, Romanautorin, Feministin, Heterosexuelle, Verfechterin der Rechte von Schwulen und Lesben, Theaterliebhaberin, Umweltschützerin, Tennisfan, Jazzmusikerin und der tiefen Überzeugung sein, dass es im All intelligente Wesen gibt, mit denen man sich ganz dringend verständigen muss (vorzugsweise auf Englisch).» Klingt einleuchtend. Dennoch scheint die Herkunft nach tradierter Nationalkultur und Religion derzeit alle anderen Zuordnungsmuster zu übertönen.

Sens 2001/02 in Boston gehaltene Reden sind soeben in einem Band mit dem Titel «Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt» erschienen. Er hat sie vor einem Teil der künftigen Elite der USA gehalten. Sie können als ein Grundkurs für professionelle MeinungsmacherInnen gelten. Auch wer bislang Dekonstruktions- und Postkolonialtheorien, Antonio Negri, Etienne Balibar oder Stuart Hall verpasst hat, kann bequem zusteigen. Sen geht es um die politischen Implikationen verschiedener Weltanschauungen, weniger um eine systematisch theoretisch-akademische Abhandlung. Seine Polemik ist leicht zu lesen und gegen eine kulturalistisch-religiös-nationalistische Weltsicht, die er - quer durch alle politischen Lager - für eine ernsthafte Bedrohung hält.

Ethnisierung des Sozialen

Die Texte wurden beeinflusst von den Ereignissen des 11. September 2001 und der massiv betriebenen Ethnisierung des Sozialen. Abstammungs- und Kulturkreistheorien haben Konjunktur, auch wenn durch ihre fehlerhaften Interpretationen grosse Desaster veranstaltet werden. Sen macht diese oberflächlich-naturalistischen Perspektiven auch für das gegenwärtige Elend im Mittleren Osten verantwortlich. So seien im Irak (wie auch in Afghanistan) nach der Zerschlagung herrschender Diktaturen abermals konservative und religiöse Instanzen vom Westen aufgewertet und inthronisiert worden. Religion mit Religion zu bekämpfen, das ist eine Tendenz, die auch in den westlichen Gesellschaften selbst zu spüren ist. «Dass man versucht mit dem Terrorismus fertig zu werden, indem man die Religion zu Hilfe ruft, hat in Grossbritannien und den USA dazu geführt, das Gewicht islamischer Geistlicher und anderer Mitglieder des religiösen Establishments in Fragen, die nicht zum Bereich der Religion gehören, zu stärken.»

Die Reduzierung von Menschen auf eine einzige und überhöhte Herkunftsidentität ist seiner Ansicht nach verantwortlich für Nationalismus und terroristische Kriege. «Wenn ich vor der Wahl stünde, entweder mein Land oder meinen Freund zu verraten, hoffe ich, dass ich den Mut hätte, mein Land zu verraten», zitiert er dementgegen den wie aus einer fernen Zeit klingenden Briten E. M. Forster. Das Individuum sei frei genug, seine Identität und Gemeinschaft gegen herrschende Zwänge selbst zu bestimmen. Damit negiert der Autor nicht jegliche Bedeutung von Religion oder Nationalkultur für die Identität eines Menschen. Er betont nur die schlichte Tatsache, dass der Mensch niemals auf diese - quasi biologisch - festgelegt sei. Das Gleiche gelte auch für andere Zuordnungsschemata wie Klasse, Geschlecht etc. Wer dies beachte, würde auch nicht auf den Gedanken kommen, die Gewalt in Irak, Afghanistan oder Palästina in die Nähe eines naturhaft muslimischen Wesenszugs zu rücken, wie dies viele westliche BerichterstatterInnen tun.

In zahlreichen Beispielen verweist Sen darauf, welch negative Auswirkungen verengte kulturalistische Volksmythologien in der Geschichte hatten. Seine Reden geben Denkanstösse gegen solche Denkweisen. Einschränkend muss aber angefügt werden, dass, so sympathisch diese Absicht auch sein mag, sie theoretisch-methodisch keineswegs überzeugen kann. Es bleibt bei manchmal sich etwas wiederholenden Streitschriften.

Paranoide «Weltwoche»

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt jedoch von «Die Identitätsfalle» auch Hinweise für hiesige Debatten. So zum Beispiel um vielleicht Positionen wie sie Alex Baur in der letzten «Weltwoche» (Nr. 17/07) formulierte, kritischer, «pluraler» und damit demokratischer zu betrachten.

Baur reduzierte in der «Weltwoche» die iranischen ExilantInnen in der Schweiz pauschal auf geschäftstüchtige «Flüchtlingsmacher». Die von Sen angesprochenen, sich nur auf eine Grundlage stützenden Sichtweisen haben hier zu einem schweren Fall von Verschwörungstheorie geführt. Im «Weltwoche»-Text mutieren oppositionelle iranische Volksmudschaheddin zu parasitären Betrügern am Schweizer Volk. Man muss die linksislamisch-iranische Sekte keineswegs mögen. Doch zu behaupten, dass sie in der Schweiz politisch nur aktiv sei, um Asyl und Sozialhilfe abzugreifen, ist eine fixe Idee. Mit Angehörigen der Volksmudschaheddin pflegt das iranische Regime kurzen Prozess zu machen, und das im Ausland wie in der Schweiz auch schon. Ein wenig erinnert die Haltung der «Weltwoche» an die von Sen zitierten englischen Kolonialhistoriker: Die fanden für die grosse Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert nicht politisch-ökonomische Gründe, sondern eine «kulturelle Zurückgebliebenheit» der Iren. Die Armen sollten damals selbst Schuld am Hunger sein so wie die Flüchtlinge heute an ihrer Verfolgung.

Sen geht in seiner Kritik auch über den in den letzten Jahren so erfolgreich propagierten Multikulturbegriff der Linken hinaus. Dieser erwies sich im Kern als autoritärer Multi-Volks-Kulturbegriff, der alle sich nicht ethnizistisch oder religiös begreifenden Identitäten in den Hintergrund drängte. Für Sen ist es keine Frage, dass zugewanderte Minderheiten im Westen auch ihre tradierten Religionen ausüben können. Aber: «Soll man deshalb um der kulturellen Vielfalt willen für einen kulturellen Konservatismus eintreten und die Menschen auffordern, an ihrer kulturellen Herkunft festzuhalten und nicht einmal versuchsweise zu erwägen, zu einer anderen Lebensweise zu wechseln, auch dann nicht, wenn es gute Gründe dafür gibt?»

Gerade auch die jetzigen Islamintegrationskonferenzen in Europa laufen Gefahr, soziale Probleme religiös und ethnizistisch umzuformulieren. Aufwertung und Zugang findet hier, wer sich ethnizistisch-religiös gebärdet. Das Gros der aufgeklärten und nicht konservativ organisierten ZuwanderInnen hat hingegen oftmals keine Vertretung und müsse sich erst re-religiösieren und re-nationalisieren, um Gehör zu finden. Und das kann doch wohl kaum gewünscht sein.

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