Nr. 18/2007 vom 03.05.2007

Aló Presidente

Eine Biografie verhilft zu einer eigenen Meinung über die linke Galionsfigur.

Von Sonja Wenger

Ist der Präsident von Venezuela ein Schwätzer oder ein Visionär? Ist er ein naiver Spinner oder ein schlauer Didaktiker? Wie wohl kaum ein anderer zeitgenössischer Politiker irritiert Hugo Chávez die Medien und damit die Meinung der Weltöffentlichkeit. Angesichts polarisierender Medienberichte und Kampagnen muss man sich je länger, je mehr fragen, was man noch glauben kann und darf.

Der Hamburger Journalist Christoph Twickel hat sich für «Hugo Chávez. Eine Biografie» während zweier Jahre mit einem Berg aus gegensätzlichen Aussagen, Meinungen und Materialien über Chávez auseinandergesetzt. Seine sachliche und tiefgründige Recherche lässt nichts Essenzielles weg. Auch wenn sich die Sympathie des Autors für Chávez kaum verbergen lässt, biedert sich das Buch nicht an. Neben vielen Stimmen aus Chávez’ direkter Umgebung lässt der Autor auch Platz für die Argumente der politischen GegnerInnen und (auch linker) KritikerInnen. Twickel diskutiert die Widersprüche von Chávez’ politischem Pragmatismus und die ideologische Inkonsequenz, die er zumindest in seinen frühen Jahren zeigte. Er spricht auch jene Aspekte an, die im Laufe der Lektüre unweigerlich ein Aber provozieren, wie die Parteiklüngel von Chávez’ MitstreiterInnen, Korruptionsvorwürfe, seine häufig unausgegorenen Projekte und seine teilweise fragwürdigen politischen Freundschaften und wirtschaftlichen Allianzen.

Jede Information, jede noch so kleine Quelle wird deklariert, ohne aber den Fluss der Sprache zu stören. Twickel ist es gelungen, zum Teil komplexe politische Philosophie leicht lesbar zu machen. In acht dicht gepackten Kapiteln spannt er den Bogen vom jungen Chávez, der als Siebzehnjähriger in die Armee eintritt und schnell Karriere macht, hin zum Putschversuch von 1992 und der Neuwahl vom vergangenen Sommer. Er beschreibt, wie die grassierende Korruption in der Armee und dem damaligen politischen System sowie die Begegnung mit kolumbianischen und kubanischen RevolutionärInnen das Weltbild des jungen Offiziers geprägt haben. Und wie der eifrige Leser Chávez bereits früh zum Gedankengut des südamerikanischen Nationalhelden Simón Bolívar findet, als dessen ideologischen Nachfolger er sich heute betrachtet. Seien es Chávez’ Bestrebungen nach verstärkter Zusammenarbeit der lateinamerikanischen Länder, nach Verstaatlichung der venezolanischen Erdölproduktion, seine Missionen für die medizinische Versorgung und die Alphabetisierung der Bevölkerung oder der Putschversuch der Opposition gegen ihn im April 2002: Twickel hat die Ereignisse detailliert zusammengestellt, mit vielen aussagekräftigen Zitaten und Anekdoten ergänzt und wie einen packenden Krimi erzählt. Nach der Lektüre kann man die medialen Informationen zumindest besser differenzieren und fühlt sich gerüstet und fit für den Diskurs.

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