Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Lenore Kandel

Von Florian Vetsch

Bis zu ihrem schweren Motorradunfall im Jahr 1970, den sie wie durch ein Wunder überlebte, war Lenore Kandel eine der aktivsten Beatwomen ihrer Zeit. 1932 in New York als Tochter einer Musikerin und eines Drehbuchautors geboren, schlug sie sich als Schauspielerin, Bauchtänzerin, Folksängerin und Schulbuschauffeuse durch. Jack Kerouac fand für sie in «Big Sur» (1962) diese Worte: «Eine grosse dunkle Schöne von der Sorte, auf die wohl jeder durchgedrehte hungrige Sexsklave der Welt Lust hat, aber auch intelligent, belesen, schreibt Gedichte, ist Zenschülerin, weiss alles, ist eigentlich einfach eine grosse gesunde rumänische Jüdin.»

Kandels Ruhm beruht auf einem schmalen Heft von Gedichten, «The Love Book», das 1966 erschien und 1967 vom höchsten kalifornischen Gerichtshof in einem landesweit Aufsehen erregenden Prozess indiziert wurde (die Zensur wurde 1973 aufgehoben). «The Divine is not Separate from the Beast» (Das Göttliche ist nicht vom Tier getrennt) lautet das Credo, das zur Entfesselung von Kandels spirituell aufgeladener erotischer Lyrik geführt hat.

Gedichte, die einer erfüllten weiblichen Sexualität direkten und spirituell überhöhten Ausdruck verleihen, bietet auch der Gedichtband «Word Alchemy» (1967). Nachdem Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann Kandels furchtlose Stimme durch ihre Aufnahme in die US-Underground-Reader «Fuck you!», «Acid» und «Silverscreen» früh für den deutschsprachigen Raum erschlossen haben, liegen die beiden Bände jetzt zusammen in einer zweisprachigen Ausgabe vor. Caroline Hartge hat das Buch mit Anmerkungen versehen und ein einfühlsames Nachwort geschrieben. Kandels Aufhebung des metaphysischen Duals von Körper und Geist kommt so auch im Deutschen zum Ausdruck: «ich bin nackt an dir / und ich lege meinen Mund auf dich langsam / es verlangt mich, dich zu küssen / und meine Zunge bringt dir Anbetung dar.»

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