Nr. 19/2007 vom 10.05.2007

Globalisierung auf Kirgisisch

Mit «Der Schneeleopard» meldet sich der Meistererzähler nach längerer Pause zurück - und verknüpft alte Märchen und Sagen aus seiner Heimat mit den Widersprüchen des modernen Kirgisistan.

Von Paul L. Walser

«Und jetzt stand Arsen Samantschin am Fenster, blickte dumpf in den finsteren Hinterhof und dachte: Da hast du es, verehrter Absolvent. Heute hast du noch eine Lektion des Lebens zu schmecken bekommen! Mit Leuten wie dir machen die Neureichen kurzen Prozess. Die lassen die Peitsche knallen, setzen dich an die frische Luft, verprügeln dich und polieren dir die Fresse. Sogar die Liebe vermarkten sie nach Strich und Faden, und du begreifst das erst jetzt (...) Du bist untauglich für diese Bisnes-Epoche. Was zum Teufel soll da ein dahergelaufener Intellektueller (...) Die Verwandten aus dem Ail waren so stolz auf dich, vor allem in den Jahren der Perestroika, und jetzt machen sie einen Bogen um dich.»

Sehnsucht nach der Perestroika

Nach einer langen Pause meldet sich Tschingis Aitmatow, nunmehr 78 geworden, zurück. Der kirgisische Meistererzähler, der seine Glanzzeit in der Perestroika-Epoche unter Michail Gorbatschow - in den letzten Jahren der Sowjetunion - hatte und seit 1995 Kirgisistans Botschafter bei der EU in Brüssel ist, legt ein neues Epos vor. «Der Schneeleopard» ist wie Aitmatows frühere Romane von Friedrich Hitzer hervorragend ins Deutsche übertragen und vom Unionsverlag sehr sorgfältig herausgegeben worden, samt Begriffserläuterungen am Schluss und einem nützlichen Hinweis auf Leben und Werk des Autors.

Die Ausgangslage ist spannend, und sofort ist der alte, vertraute Aitmatow-Ton wieder da: «Wem ist was bestimmt? Das war schon immer die Frage und wird es bleiben. Niemand kann ihr entrinnen. In Erwartung des Schicksals kommen und gehen die Tage.»

Auf ihr gemeinsames Schicksal warten ein alter, einsamer Schneeleopard, den sein Rudel verstossen hat, hoch oben am Usengilesch-Bügel zwischen Kirgisistan und China, und Arsen Samantschin, ein prominenter, aber ebenfalls sehr einsam gewordener kirgisischer Journalist (mit Moskauer Ausbildung), der in den Strudel der Globalisierung gerät.

Wie in vielen seiner Bücher verknüpft Aitmatow Märchen- und Sagengut seiner Heimat mit den Errungenschaften, Widersprüchen und Gefahren der neuesten Zeit. Und aus dem Hintergrund ist eine deutliche Sehnsucht nach den Zeiten der Perestroika zu hören. Auch nach der Auflösung der UdSSR schreibt Aitmatow weiter auf Russisch, das ist seine Schriftsprache, der er die Treue hält. Mehrmals wird an die - offensichtlich guten, weil stabilen - Kolchoszeiten erinnert, als alle ein zwar bescheidenes, jedoch sicheres Auskommen hatten und sich auf keine (kapitalistischen) isnes-Abenteuer einlassen mussten. Das neudeutsche (oder neukirgisische?) Wort Bisnes hat in diesem Buch das gute alte Business verdrängt. Dass der unbequeme Journalist immer noch eine alte «Sowjetkiste», Marke Niwa, fährt, ist mehr als nur ein symbolischer Akt.

Komplott gegen Prinzen

Das Epos spielt im modernen, unabhängigen Kirgisistan, in dem neureiche Oligarchen wie etwa der Showbiz-Unternehmer Ertasch Kurtschajew den Ton angeben. Nachdem der Traum des Journalisten, die Sage von der «Ewigen Braut» in einer modernen Oper wiederaufleben zu lassen, platzt, gerät er ins Netz eines Onkels, der eine Schneeleopardenjagd für arabische Prinzen organisieren will und deshalb auf die Dolmetscher- und andere Kommunikationsdienste seines Neffen angewiesen ist. Arsen erholt sich eben von einer enttäuschten Liebe mit der zum nationalen Popstar aufgestiegenen Sängerin Aidana. Er verliebt sich in eine ehemalige Bibliothekarin, die die Zeichen der Zeit erkennt und dauernd für die mit anderen Frauen zusammen aufgebaute Handelsfirma unterwegs ist.

Beim grossen Jagdanlass kommt es zum Eklat. Plötzlich schlägt das ökologische Gewissen des Journalisten durch; das von einem ehemaligen sowjetischen Afghanistankämpfer geplante Komplott gegen die arabischen Prinzen - mit einer hohen Lösegeldbeute als Ziel - scheitert, doch der alte Schneeleopard und der Journalist, der «unglückliche Einzelgänger, Irrläufer und utopische Spinner», bleiben - erschossen - auf der Strecke.

Aitmatow ist ein scharfsichtiger Zeitgenosse geblieben. Schon früh erkannte er die Gefährdung der Umwelt - nicht nur in seiner kirgisischen Heimat, aber dort ganz besonders. Zugleich nahm er jedoch auch aktiv am technischen Fortschritt teil, dessen positive Seiten er seit je bejaht. Seine Aussage ist unmissverständlich: Der Mensch hat Mass und Kompass verloren, er ist drauf und dran, seine unerschöpflich scheinende Grundlage, die Natur, zu zerstören, weil er trotz seiner immensen Möglichkeiten nicht imstande ist, einen für Mensch, Tier und Pflanze verträglichen Rahmen zu schaffen.

Mutige Frauen

Melodramatischer und pathetischer als frühere Werke, eignet sich der neue Roman hervorragend für eine Verfilmung. Leider sind die Hauptfiguren etwas plakativ geraten, ohne das sinnliche Profil früherer Aitmatow-Gestalten, und auch die kirgisischen Schauplätze bleiben trotz der unzähligen Lokalbegriffe reichlich schematisch. Die Distanz von Brüssel zum zentralasiatischen Land wird eine Rolle gespielt haben. Wer über das gegenwärtige autoritäre Regime in Kirgisistan Hintergrundinformationen erwartet, wird enttäuscht. Der Botschafterautor begnügt sich mit allgemeiner Kritik an der kapitalistischen Entwicklung und mit Andeutungen, die auch zu anderen Exsowjetrepubliken passen würden.

Der Epilog ist ein Vermächtnis der besonderen Art - eine parabelhafte Geschichte aus dem Nachlass des ermordeten Journalisten, die im Zweiten Weltkrieg und im Russland der Sowjetunion spielt: «Töten - Nichttöten». Dieser eindringliche Text wirkt so, als sei er in einer früheren Epoche geschrieben worden. Sein Thema ist das dunkle Schicksal namens Krieg - ohne Helden und Stars -, und am Schluss gibts trotz aller bitteren Erfahrung dank des Auftretens mutiger Frauengestalten, einer Mutter und einer Zigeunerin, einen ganz und gar nicht kitschigen Hoffnungsschimmer.

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