Nr. 22/2007 vom 31.05.2007

Aus der Schuhschachtel des Bandoneonspielers

In seinem neuen Roman geht der Filmemacher und Erzähler in Buenos Aires den Spuren jüdischer EmigrantInnen aus Osteuropa nach. Seine Recherchen führen ihn zu den Prostituierten im Argentinien der dreissiger Jahre.

Von Margrit Klingler-Clavijo

Der Tango, dieser ursprünglich in den Vorstadtkneipen und Bordellen von Buenos Aires beheimatete Tanz voll subtiler Erotik, der heute in den Tanzakademien europäischer Metropolen en vogue ist, hat seit geraumer Zeit Hochkonjunktur in der argentinischen Literatur: «Der Tangosänger» von Tomás Eloy Martínez, «Tango, der dein Herz verbrennt» von Horacio Vásquez Rial und «Im Himmel Tango» von Elsa Osorio.

In Edgardo Cozarinskys Roman «Man nennt mich flatterhaft und was weiss ich ...» markieren Tangos die Schritte einer faszinierenden Recherche, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Anfang nimmt, bis in die heutige Zeit reicht, von Buenos Aires über Paris nach Osteuropa führt und in Argentinien wieder abbricht. Tangos stehen für Liebe und Leidenschaft und deren widersprüchliche soziale Codierung bis hin zur Vermarktung weiblicher Sexualität in Form von Prostitution.

Flucht, Exil, Prostitution

«Der moldawische Zuhälter» - so heisst der Roman im spanischen Original - ist ein frivoles Theaterstück, das 1927 tatsächlich in Buenos Aires im Teatro Ombú uraufgeführt wurde. Der deutsche Titel des Romans nimmt Bezug auf einen Tango aus diesem Theaterstück, mit dem eine bildhübsche und blutjunge Osteuropäerin die Freier anzulocken versucht. Gut siebzig Jahre später entnimmt der namenlose Ich-erzähler des Romans das Programmheft dieses Theaterstücks einem Schuhkarton, den ihm der Leiter eines schäbigen Altenheims in Buenos Aires als Hinterlassenschaft des Bandoneonspielers Samuel Warschauer überreicht. Der Erzähler wird neugierig und begibt sich auf Spurensuche. Wer war der Autor dieses Theaterstücks, welchen Stellenwert hatte in der fragilen Gemeinde jüdischer EmigrantInnen die jiddische Kultur? Wie gelangten all die schönen Osteuropäerinnen in die Bordelle von Buenos Aires? Der Erzähler beginnt seine Recherchen in menschenleeren Bibliotheken und verstaubten Archiven, sucht israelitische Friedhöfe auf und spricht mit den wenigen noch lebenden ZeitzeugInnen.

Wie bereits in Cozarinskys Erzählungsband «Die Braut aus Odessa» geschieht dies unter Bezug auf die Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert: soziale Ausgrenzung und Furcht vor Vernichtung, Flucht und Exil. «Die Notwendigkeit, ein Land zurückzulassen, eine Sprache, vielleicht sogar den Namen und weiss was sonst zu verändern, ist etwas, was mich immer interessiert hat, und ich sehe das nicht nur an die Erfahrung der Juden gebunden. Meiner Ansicht nach war diesbezüglich die Erfahrung der Juden im 20. Jahrhundert von einschneidender Bedeutung, sie war gleichsam eine Blaupause für ähnliche Ereignisse. Auf der ganzen Welt gibt es Emigranten, Exilanten, Vertriebene, nie zuvor gab es solche Migrationen, von der ganze Völker betroffen sind», erklärt mir Edgardo Cozarinsky in seinem Pariser Stammcafé La Rotonde.

Cozarinsky blickt hinter die Fassaden scheinbarer Wohlanständigkeit und zeigt, wie in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem jüdische Frauen mit der Tradition in Konflikt gerieten: Als Ehefrau war es ihnen verwehrt, die Scheidung einzureichen, und wenn sie allein in die Neue Welt aufbrechen wollten, liefen sie Gefahr, von geschäftstüchtigen Zuhältern schamlos ausgebeutet zu werden.

Warschauer Zuhälterring

Das kam Männern wie Teófilo Auerbach zugute. Nach aussen hin war er der allseits respektierte Heiratsvermittler, der sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen hatte, dass er der Autor des frivolen Theaterstücks «Der moldawische Zuhälter» war, das er unter Pseudonym veröffentlicht hatte. Er hatte auch Kontakt zur Zwi-Migdal, dem einflussreichsten Zuhälterring der damaligen Zeit, der von strenggläubigen Juden geführt wurde, seinen Sitz in Warschau hatte und an die 30 000 Frauen in 2000 Bordellen kontrollierte.

Wie kam es, dass sich strenggläubige Juden auf den Frauenhandel einliessen? Die im Roman ausführlich zitierte jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim führt das auf die zweitrangige Rolle zurück, die Frauen traditionell in allen Kulturen semitischen Ursprungs zugeschrieben wird. «Wie sonst liesse sich erklären, dass die Zuhälter so gläubig waren, dass sie ihre eigenen Synagogen und Friedhöfe bauen liessen, als die Gemeinschaft sie vertrieb? Die Frau war von Anfang an unsauber; war sie erst gefallen, wurde sie zu einer Ware. Sie werden sicher wissen, dass in der traditionellen Synagoge sogar die Ehefrauen und Mütter in einem anderen Stockwerk sind, getrennt und diskriminiert, und dass sie keinen Zutritt zu den heiligen Texten und zum Studium haben.»

Cozarinsky erzählt sachkundig und souverän und überzeugt durch eine geschickte Montage der Erzählstränge, Zeitebenen und Orte. So verknüpft er die Prostitution jüdischer Einwanderinnen im Argentinien der dreissiger Jahre mit derjenigen junger Osteuropäerinnen im Paris der Jahrtausendwende. Dort hat Maxi, der Sohn des bereits erwähnten Bandoneonspielers Samuel Warschauer, nach einer Autopanne auf dem Pariser Boulevard Périphérique Sex mit einer osteuropäischen Prostituierten.

Cozarinsky geht es nicht um eine Geschichte der Prostitution, vielmehr interessiert er sich, wie er sagt, für die «Prostitution als Metapher». Diese sei sehr brutal, «weil da der Körper sehr direkt eingesetzt wird, was bei anderen Tätigkeiten nicht so intensiv der Fall ist. Ich wollte im Roman die Verbindung herstellen zwischen den zwanziger Jahren in Südamerika, als man das Eldorado in den damals noch reichen südamerikanischen Ländern ansiedelte, und dem heutigen Europa, in dem Osteuropa zum Eldorado der noch ärmeren Länder wird.»

Geliebtes Buenos Aires

Edgardo Cozarinsky, 1939 als Sohn jüdischer EinwanderInnen in Buenos Aires geboren, hat sich früh für Film und Literatur begeistert. Er schrieb zunächst Filmkritiken sowie Essays über Henry James und Jorge Luis Borges. Seit 1974 lebt er in Paris, nachdem in Argentinien die Vorzeichen der aufziehenden Militärdiktatur unübersehbar waren. Sein bekanntester Film («Krieg eines Einzelnen») handelt von der Kollaboration zwischen den französischen Streitkräften und der deutschen Wehrmacht bei der Judendeportation in die Konzentrationslager.

«Ich drehte diesen Film während der Militärdiktatur in Argentinien, und ohne zu behaupten, dass das Militärregime in Argentinien mit dem ‹Dritten Reich› gleichzusetzen war, sah ich eine ganze Reihe Ähnlichkeiten im Alltagsleben vieler Menschen unter der deutschen Besatzung in Frankreich und unter der Militärdiktatur in Argentinien. Diese Art von Normalität wollte ich zeigen, die mit animalischer Kraft unter den schlimmsten Umständen überlebt.»

Neuerdings zieht es Cozarinsky verstärkt nach Buenos Aires wegen der stimulierenden Aufbruchstimmung in Literatur und Film. «Ausserdem begegne ich hier den unterschiedlichsten Menschen, den Elektrikern, die in einem meiner Filme mitgearbeitet haben und mit denen ich bis tief in die Nacht in der Kneipe sitze, oder der Achtzigjährigen, die jeden Abend bis drei Uhr morgens Tango tanzt. Wenn ich das mal ein bisschen frivol sagen darf: Mir geht es in Buenos Aires ganz einfach besser als in Paris.»

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