Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

Einmal mit und einmal ohne RussInnen

Von Pit Wuhrer

Nun ja, die Umgebung könnte etwas sanfter sein. Aber immerhin: Platz für eine kleine Datscha hätte er schon, und um eine Baugenehmigung müsste sich der russische Präsident Wladimir Putin keinen Gedanken machen, denn das 563 Quadratmeter grosse Stück Land ist russisches Hoheitsgebiet. Die Korporation Urseren hatte es einst dem russischen Zaren geschenkt, damit dort in der Schöllenen dem General Alexander W. Suworow ein Denkmal gesetzt werden konnte, dessen Soldaten 1799 die französischen Truppen am Gotthard besiegten. Gewiss, der neue Zar Putin hätte zwar stets das hässliche Granitmonument im Blick, aber dafür wäre - sollte er je kommen - der Weg zu seiner Ostseepipeline-Holding in Zug nicht weit.

Die Geschichte des russischen Fleckens auf Schweizer Gebiet ist eine der vielen interessanten und aufschlussreichen Informationen, die Reto Solèr für den neuen Naturpunkt-Wanderführer «Uri - Gotthard. Vom Mythos zur Moderne» zusammengetragen hat. Solèr beschreibt beispielsweise sehr anschaulich den Krawall von Andermatt (1946 verjagten im Urserental aufgebrachte Leute einen Landaufkäufer, der die Vorarbeit für ein gigantisches Staudammprojekt leisten sollte); er analysiert die Goldgräberstimmung, die ebendort herrscht, seit Samih Sawiris am Dorfrand von Andermatt ein Luxusresort hinstellen will; er schildert, wie das Meiental so langsam stirbt, weil die Schule geschlossen wurde; er erläutert, weshalb die 700-Jahr-Feier der Schweiz eigentlich in diesem Sommer hätte stattfinden sollen, und er stellt dar, was Ludwig II. von Bayern im Urner See gern gebaut hätte.

Kurzum - das jüngste Naturpunkt-Buch bietet alles, was die Wanderbuchreihe des Rotpunktverlags so vorzüglich macht. Neben den 22 Wandervorschlägen mit den exzellenten Karten, den schönen Fotos und den anschaulichen Wegbeschreibungen stehen Kurztexte über Naturkatastrophen, Verkehrspolitik, Schiffskanäle, Parkprojekte und natürlich die Mythen, an denen man am Gotthard nicht vorbeikommt.

Ein ganz anderes, sehr persönliches Buch über ein Urner Tal und seine Berge hat hingegen Bruno Bollinger verfasst. Zwölf Jahre lang schrieb der Bildungsverantwortliche der Gewerkschaft Unia auf, was er im Erstfeldertal, rund um die Kröntenhütte, am und auf dem Krönten erlebte. Er schildert im Detail die Geschichte seiner Lieblingshütte, die anstrengende Arbeit der HüttenwartInnen und WegbauerInnen, die Leistungen des Jägers, Skifabrikanten und Hüttenwarts Emil Epp, die Tätigkeit der Bergführer, das Leben auf einer SAC-Hütte und die Unfälle, zu denen es immer wieder kam.

Die Darstellung seiner eigenen Bergfahrten, seiner schönsten und gefährlichsten Unternehmungen, seiner einfachen und schwierigen Klettertouren nehmen einen breiten Raum ein in Bollingers grosszügig bebildertem Band. Man erfährt so mancherlei Interessantes - aber auch recht Belangloses. Die Fans des Erstfeldertals werden in dem Buch «Kröntenkaffee» und auf den Fotos vieles entdecken, was sie lieb gewonnen haben; für sie ist der Band ein Muss.

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