Nr. 27/2007 vom 05.07.2007

Kein Geld von Bill Gates

Seit mehreren Jahren arbeitet der Schweizer Regisseur und Theaterpädagoge Roger Nydegger als Theaterschaffender in Burkina Faso. Was kann Theater entwicklungspolitisch bewirken?

Von Silvia Süess

«Ich bin überzeugt, dass Theater etwas verändern kann», sagt Roger Nydegger. Vor sechs Jahren begann der Zürcher Regisseur und Theaterpäda-
goge in Burkina Faso Projekte zu erarbeiten. Das Internationale Theater-Ins-titut in Basel suchte damals Pädagog­Innen, die bereit waren, an einem Austauschprojekt zwischen dem ­Théâtre de la Fraternité in Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes, und dem Theater Arsenic in Lausanne teilzunehmen.

«Als ich in Ouagadougou ankam, stellte ich fest, dass es hier kaum theaterpädagogisches Know-how gibt. Da ich nicht nur einseitig mein Wissen vermitteln wollte, dachte ich, entweder gehst du jetzt nach Hause, oder du machst etwas anderes. Ich habe mich für das Zweite entschieden.» Roger Nydegger begann als Regisseur mit den SchauspielerInnen des Theaterhauses das Stück «Soupe magique» zu erarbeiten, ein Strassenstück für Kinder, in dem sich die Spielenden mit den Eigenheiten, Unterschieden und Ähnlichkeiten von Afrika und Europa auseinandersetzten: «Die Grundidee kam von mir, aber es ist nicht meine Art, den Schauspielern etwas aufzuzwingen, sondern ich suche einen offenen, partizi­pativen Umgang.»

Seit diesem Projekt ist Nydegger immer wieder nach Burkina Faso gereist und hat mit verschiedenen Gruppen Produktionen erarbeitet, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen beschäftigen: «Ich komme von den achtziger Jahren her, ich sehe Theater als eine Art Manifestation. Es ist ­eine Kunstform, mit der sich Inhalte spielerisch vermitteln lassen.»

Tabus aufgreifen

Zum Beispiel «Liaisons dangereuses»: In dem Theaterstück setzen sich die SchauspielerInnen mit Aids auseinander und greifen Fragen und Tabus zum Thema auf. Ziel des Stücks ist die Aufklärung und Sensibilisierung und dadurch eine wirksame Präven­tion. Auch dieses Stück wurde gemeinsam mit den SchauspielerInnen entwickelt, die Gruppe ging anschliessend in Burkina Faso und der Elfenbeinküste auf Tournee. Roger Nydegger ist überzeugt, dass solche Entwicklungszusammenarbeit vor Ort mehr bringt als all die Millio­nen, die für überdimensionierte Infrastrukturen eingesetzt werden «und irgendwo in Verwaltungen hängen bleiben».

Gerade mit szenischen Mitteln wird sehr viel erreicht: «Im Theater sind alle beteiligt, auch die Zuschauer. Nach unseren Vorführungen gab es oft heftige Diskussionen im Publikum. Ausserdem kann man mit dem Theater auch jene erreichen, die nicht lesen können, und das ist gerade in einem Land mit einer so hohen Analphabetenrate wichtig. Hinzu kommen die Emotionen: Das Theater berührt und löst somit etwas ganz anderes aus, als wenn dir jemand ein Plakat oder eine Broschüre vorlegt und sagt, du sollst oder du sollst nicht.»

Umso mehr bedauert Nydegger den viel zu geringen Stellenwert, den die Kultur bei internationalen Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit und NGOs geniesst. Allerdings sieht er bei Schweizer Institutionen wie der Deza (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), aber auch bei Helvetas und Fastenopfer in Burkina Faso erfreuliche Veränderungen bezüglich der Unterstützungsformen: «Sie besitzen vermehrt ein hohes Mass an Selbstreflexion und Selbstkritik, was für die Arbeit vor Ort unabdingbar ist. Ausserdem haben sie die Wichtigkeit des kulturellen Ausdrucks als identitätsstiftendes und integrierendes Element für die afrikanische Gesellschaft erkannt.»
Das Projekt «Liaisons dangereuses» ist von der Deza mitfinanziert worden, ansonsten sei es aber äusserst schwierig gewesen, Geldgeber zu finden. «Wir haben auch die Bill-Gates-Stiftung angefragt, aber ich glaube, unser Budget war zu klein: Unter fünf Millionen nehmen die das dort wohl gar nicht ernst.»

Zum Stellenwert von Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit sagt Toni Linder, Berater zum Thema Kultur und Entwicklung bei der Deza: «Kultur ist in der Deza kein Schwerpunktthema wie Bildung, Wasser oder Gesundheit, sondern sie ist definiert als sogenannt ergänzendes Thema. Dies ist unter anderem so, weil die Millenniumsziele der Uno Kultur nicht im Speziellen beinhalten. Jedoch kann man sagen, dass für die Deza Kultur in den letzten vier bis fünf Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, vor allem als Beitrag zur Demokratisierung und zur Förderung von Debatten in der Gesellschaft.»

Das Geld als Grundproblem

Wirklich nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit würde für Nydegger noch einen Schritt über das Theater hinausgehen: «Ideal wäre, wenn man ein Theaterprojekt wie ‹Liaisons dangereuses› in einem grösseren Kontext begleiten könnte. Man kann noch lange sagen, benutzt Pariser, wenn es keine gibt. Aber leider lag so eine Begleitung finanziell überhaupt nicht drin.» Ein weiterer Schritt wäre die autonome Fortsetzung des Projekts. Doch auch dafür würde es zusätzliche finanzielle Mittel brauchen.

Überhaupt sieht Nydegger im Geld ein grosses Problem. Es fehlt dort, wo es gebraucht wird, und kann, wenn es da ist, auch hinderlich sein: «Dadurch, dass man Geld hat, befindet man sich zwangsläufig in einer Machtposition. Um hier keine Selbstverwirklichung auf Kosten des wirtschaftlichen Gefälles zu betreiben, braucht es die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur offenen Ausein-andersetzung mit den Menschen vor Ort.»

Dabei sieht sich auch Nydegger wieder mit heiklen Fragen konfrontiert: Wie weit greift er zum Beispiel in die sozialen Strukturen ein, wenn er seinen SchauspielerInnen einen besseren Lohn auszahlt, als es für DarstellerInnen in Burkina Faso üblich ist? Schauspieler-Innen hätten keinen hohen Status in der Gesellschaft, und dementsprechend tief seien auch die Löhne. Es sei ihm ein Anliegen, die Arbeit der KünstlerInnen wertzuschätzen und in Strukturen vor Ort zu arbeiten, die das auch unterstützen. «Natürlich besteht die Gefahr, dass man bestehende Strukturen dadurch aufweicht, aber ich wüsste auch nicht, wie man anders damit umgehen könnte. Die einzige Möglichkeit wäre dann, dass du gar nichts mehr machst, dass du gar nicht mehr hingehst. Und das, finde ich, ist auch nicht die Lösung.»

Deswegen macht er weiter. Ein neues Theaterprojekt ist bereits geplant: eine Koproduktion zwischen der Schweizer Kuckuck-Produktion und Le Carrefour International de Théâtre de Ouagadougou (C.I.T.O.), in der die «Kolonialisierung Afrikas – früher und heute» genauer unter die Lupe genommen werden soll. Das Stück wird sowohl in der Schweiz als auch in Burkina Faso produziert, nach einiger Zeit sollen die beiden Gruppen zusammengeführt werden, um das Gesamtprojekt gemeinsam weiterzuverfolgen. Eine Tournee durch beide Länder ist geplant. «Da die Beteiligten aufgrund ihrer unterschiedlichen Vergangenheit eine völlig andere Sicht- und Herangehensweise an das Thema haben, wird ein spannendes und universelles Theaterstück entstehen», sagt Nydegger. Und er wünscht sich auch von diesem Stück, dass es seinen nachhaltigen Beitrag zur täglichen Entwicklungszusammenarbeit leistet.

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