Nr. 32/2007 vom 09.08.2007

Ibn Arabis Grab

Von Florian Vetsch

Abdelwahab Meddeb, der in Paris lebende Schriftsteller, Sprössling einer alteingesessenen Theologen- und Schriftgelehrtenfamilie aus Tunis, legt mit «Ibn Arabis Grab» dreisprachig - im französischen Original, der deutschen Nachdichtung von Hans Thill und der arabischen von Mohammed Bennis - eine Sammlung mystischer Prosagedichte vor. Er lehnt sich in seinen 61 «Stanzen» an ein Werk von Ibn Arabi (1165-1240) an, den «Tarjuman al-Ashwaq» («Dolmetsch der Begierden»), zu dem den Mystiker die junge Perserin Nidam inspirierte, nachdem er sie in Mekka kennen und lieben gelernt hatte.

Das Werk ist aufgrund seiner mentalen wie sinnlichen Offenheit FundamentalistInnen noch heute ein Stein des Anstosses. Meddeb durchwebt seine bilderreiche Sprache mit Anspielungen auf Ibn Arabis «Dolmetsch der Begierden» und transzendiert das Lieben ins Mys-tische: «In einer Nacht weiht sie dich ein in das Geheimnis, setzt die Riten ausser Kraft, die das Begehren eindämmen, in jedem Hof verehrt, in jedem Tempel, ist sie Zierde für jedes Buch, als sie fortging, rief ich vergeblich nach ihr, meine Geduld trocknet aus, Stapel für Stapel, ihre Schönheit bewahre ich in mir, ihrem Glanz gelten meine Ausflüge in die Verschwendung.»

Zu Ibn Arabi sollen die Weisheiten wie Gazellen vom Himmel herabgestiegen sein; und auch vor Meddebs innerem Auge kristallisieren sich zart, fast durchscheinend Gazellen, wenn er schreibt: «Erklimme die Stufen Schritt für Schritt, betrachte von oben die verlassenen Klöster der Wüste, marmorne Säulen, teilweise aufrecht, Frontgiebel in Trümmern, dort weiden Gazellen, schlank, zerbrechlich, auf der Hut, ängstlich, zitternde Adern unter der Haut, der Schweiss ein Tuch.»

Meddeb entwickelt in «Ibn Arabis Grab» eine vielschichtige Sprache der Zärtlichkeit. Dem Wunderhorn-Verlag ist mit der dreisprachigen Ausgabe von Abdelwahab Meddebs Gedichtsammlung ein Kleinod interkultureller Vermittlung geglückt.

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